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StartseiteEuropa heuteDemonstrationszug statt Klassenzimmer31.01.2019

Schülerprotest in BelgienDemonstrationszug statt Klassenzimmer

Ihr Vorbild ist die Schwedin Greta Thunberg. Seit Anfang Januar protestieren belgische Schülerinnen und Schüler in Brüssel gegen den Klimawandel. Sie gehen immer donnerstags auf die Straße, weil am Freitag die belgische Regierung tagt. Das soll so lange weitergehen bis der Ministerrat aktiver gegen den Klimawandel vorgeht.

Von Ramona Westhof

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Schüler protestieren in Brüssel auf der Place Royale für mehr Klimaschutz (Deutschlandradio / Ramona Westhof)
Schülerproteste für mehr Klimaschutz auf der Place Royale in Brüssel (Deutschlandradio / Ramona Westhof)
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Irgendwo auf der Strecke zwischen dem belgischem Parlament und der Europäischen Kommission haben sich zwei 16-jährige Schülerinnen auf eine Parkbank gestellt. Sie halten selbstgemalte Schilder in die Höhe:

"Ich habe kein Geld, um auf den Mond zu ziehen" steht auf dem einen, auf dem anderen:

"Und wer soll was tun bevor es zu spät ist?"

Was für den Planeten gut wäre

"Es muss etwas passieren, weil nicht genug, nichts, für das Klima, gegen den Klimawandel getan wird. Der öffentliche Nahverkehr zum Beispiel ist sehr teuer, dabei wäre der sehr viel besser für den Planeten. Die Schadstoffe sind ein großes Problem. Und es wird eben nichts getan!"

Constance ergänzt, dass sie von der Politik endlich Ergebnisse sehen will, als ihr ihre Freundin Valentine ins Wort fällt:

"Es wird Zeit, dass die Jugendlichen auf die Straße gehen. Das setzt auch ein Zeichen für andere Jugendliche: Es gibt Demos in vielen Ländern und heute in vielen Städten in Belgien. Das ist super wichtig, weil es um unsere Zukunft geht. Die Erwachsenen denken nicht daran, sondern nur an sich, sie wollen Geld verdienen. Bis der Klimawandel zum Problem wird, sind sie doch längst tot."

Eigentlich müssten die beiden jetzt in der Schule sitzen, in Brabant wallon, 30 Kilometer von Brüssel entfernt. Aber sie haben im Unterricht über die Klima-Bewegung gesprochen. Wer eine Erlaubnis der Eltern hat, darf zur Demo nach Brüssel. Viele Schulen haben Sonderregelungen getroffen: Damit nicht zu viel Unterricht ausfällt, gilt die Freistellung zum Beispiel oft nur für die älteren Schüler, nur für den Vormittag, oder manchmal nur für eine der Donnerstagsdemonstrationen. Einige Jugendliche sind ganz ohne Erlaubnis gekommen. Und ganz wenige Demonstrantinnen haben gleich ihre Eltern mitgebracht. Stella sitzt auf den Schultern ihres Vaters. Auf ihrem Plakat steht ein Reim, den man auf einigen der flämischen Schilder lesen kann: "Schule schwänzen für die Wälder" konnte zum inoffiziellen Motto der Demonstrationen werden, weil die Initiative zunächst vor allem von flämischen Schülerinnen und Schülern ausging.

"Wir sind heißer als das Klima"

Weit über 30.000 Demonstrierende zählt die belgische Polizei an diesem Tag. Die meisten haben Plakate mit englischen Parolen dabei, französische und flämische Schilder halten sich etwa die Waage. "Wir sind heißer als das Klima!" - lautet die wohl beliebteste Parole. Überhaupt zeigen die jungen Aktivistinnen und Aktivisten Humor, auch wenn es ihnen mit der Klimarettung ernst ist. Ein junger Mann hat sich mit einem Tarnanzug als Busch verkleidet:

"Ich trage einen Ghillie Suit, weil wir alle Sträucher, Bäume und Wälder schützen müssen. Ich will nicht der letzte Busch sein!"

Ein anderer hält ein Schild, auf dem "keine Erde, kein Bier" steht:

Auch wenn er in seinem Alter eigentlich noch gar nicht trinken darf. Wählen dürfen viele der jungen Aktivistinnen und Aktivisten auch noch nicht. Im Mai finden in Belgien gleichzeitig Parlaments- und Europawahlen statt. Deshalb wollen sie Druck machen und bis zu den Wahlen weiter auf die Straße gehen - Klimapolitik soll oberste Priorität werden.

Die belgischen Demos finden anders als in den meisten Ländern nicht am Freitag, sondern schon am Donnerstag statt - um dem Ministerrat Zeit zum Reagieren zu lassen; der tritt nämlich freitags zusammen. Am Brüsseler Gare Centrale findet die Abschlusskundgebung statt. Dort stehen vier junge Frauen auf einem Transporter. Sie sprechen und geben dann das Mikrofon weiter. Die letzte in der Reihe ist die 17-jährige Anuna aus Antwerpen. Sie sagt:

"Ich glaube, Brüssel hat gesehen, dass wir hier sind. Wir haben genug Lärm gemacht, damit alle sehen, dass wir hier sind. Vielen Dank, dass ihr zur Beerdigung dieses Planeten gekommen seid."

Anuna und ihre Mitschülerin Kyra hatten vor ein paar Wochen zur ersten Schüler-Klimademonstration in Brüssel aufgerufen. Sie sind seitdem regelmäßig im belgischen Fernsehen zu sehen und diskutieren mit Politikerinnen und Politikern. Auch nach der Demonstration sind sie umgeben von Kameras und Mikrofonen. Sichtlich beeindruckt von den vielen Jugendlichen, die sich ihnen angeschlossen haben.

"Die belgische Jugend", sagt Anuna in eins der Mikrofone, "wird so lange auf die Straße gehen, bis sich etwas ändert - im Ernst."

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