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StartseiteDeutschland heuteSchwitzen für die Tradition01.07.2019

Schützenfest in HannoverSchwitzen für die Tradition

Hannover hat eine jahrhundertealte Tradition der Schützenvereine - und der Sittenwächter. Selbst heute gefällt es nicht jedem, wenn die Kleiderordnung beim Schützenumzug wegen der Hitze gelockert wird. Ein Marsch durch die sengende Hitze.

Von Alexander Budde

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Stephan Weil und das Collegium der ehemaligen Bruchmeister Hannover e.V. beim Schützenausmarsch vom 490. Schützenfest. Hannover,30.06.2019 | Verwendung weltweit (Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress / picture alliance)
Auch die Politprominenz schwitzt gern mit - hier Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (rechts vorne, SPD) (Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress / picture alliance)
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Erbarmungslos sengt die Sonne. Die Feuerwehr hat alle naselang Trinkstationen für Pferde, Hunde und Menschen eingerichtet. Die Pflicht, sich in schwere Sakkos und Uniformen zu hüllen, haben die Veranstalter mit Blick auf die Temperaturen gelockert – doch sieht das Dennis Sander vom Collegium ehemaliger Bruchmeister nicht so gern.

"Man sieht halt immer wieder auch mal Schützen, die dann ganz gerne in Sommerkleidung über den Platz laufen und leider nicht ihren Verein vertreten, wie es eigentlich sein sollte."

Bereits in Hannovers erster Stadtverfassung aus dem Jahre 1303 sind Wächter der Sitte erwähnt. Sie kassierten Bußgelder für anstößiges Benehmen. Sander schwitzt so, wie es die strenge Kleiderordnung vorschreibt: schwarzer Cut und schwarzer Zylinder mit Kleeblatt. Was treibt ihn um?

"Ich bin in Tradition aufgewachsen. Seit meinem 18. Lebensjahr mache ich Ehrenamts-Arbeit. Man sieht immer wieder, dass relativ schnell alte Traditionen kaputtgehen. Und für mich war immer dann halt wichtig, mit daran zu arbeiten, dass Traditionen erhalten werden, weil es die Stadt auch ausmacht."

"Das ist einfach nur Männlichkeitswahn"

Männlich, jung, ledig müssen die jeweils zu viert amtierenden Bruchmeister auch heute noch sein – das soll Kräfte sparen, etwa um die vier schwergewichtigen Standarten der historischen Stadtbezirke dem Schützenzug voranzutragen.

Ex-Oberbürgermeister Stefan Schostock hat sich im Zuge einer Rathausaffäre um Filz und Patronage in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Anstelle des SPD-Politikers müht sich nun Bürgermeisterin Regine Kramarek aus der grünen Ratsfraktion mit dem Fass-Anstich.

Bei der anstehenden Neuwahl des Oberbürgermeisters haben die Grünen Aussichten, die jahrzehntelange SPD-Bastion Hannover zu schleifen. Da kommt der Shitstorm ungelegen, der gerade über Kramareks Parteifreund Daniel Gardemin hinwegrollt. Der Grünen-Kulturpolitiker aus dem Stadtrat hatte auf Facebook von seinem Unbehagen über die öffentliche Vorführung von Waffen geschrieben. Das Schützenwesen scheine ein "Ort der Rechten" zu sein, schrieb Gardemin - und verwies auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, mutmaßlicher Täter: ein rechtsextremer Sportschütze.

Lilo Wanders beim Schützenausmarsch vom 490. Schützenfest. Hannover,30.06.2019 | Verwendung weltweit (Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress / picture alliance)Nicht nur Deutschlandfahnen sind beim 490. Schützenfest in Hannover zu sehen (Ulrich Stamm/Geisler-Fotopress / picture alliance)

Bei den vielen Solidaritätsbekundungen für die gekränkten Schützen nutzt es dem verschreckten Ratsherrn wenig, dass ihm Schützenfest-Kritiker wie Ralf Buchterkirchen von der pazifistischen DFG-VK beipflichten:

"Schützenvereine, historisch sind sie ja sehr alt. Und genau da sind sie auch stehen geblieben. In Reihe und in Uniform da lang marschieren, das hat nichts mit Sport zu tun und nichts mit Freizeit zu tun. Das ist einfach nur Männlichkeitswahn!"

Nach dem Marsch zur Travestie-Show

Schützenpräsident Paul-Eric Stolle kann mit dem Vorwurf wahnhafter Männlichkeit so gar nichts anfangen. Tatsächlich plagen ihn andere Sorgen:

"Wir werden über die Jahre leider immer älter und auch weniger. Das ist ein Trend, den gilt es zu stoppen – was sehr schwierig ist. Das Problem ist einfach in der heutigen Zeit, dass viele schon ganz andere Vorstellungen haben, was sie später mal machen wollen. Und dann ist beim Schützenwesen ein Problem, dass das Waffengesetz ja genau vorschreibt, ab welchem Alter Jugendliche und Kinder am Schießsport teilnehmen können – und viele haben sich dann schon anders orientiert und machen irgendeine andere Sportart."

Beim lokalpatriotischen Festzug der Schützen marschieren heute neben allerhand Lokal- und Politprominenz wie selbstverständlich auch städtische Institutionen von den VW-Oldtimer-Freunden, über die Vereinigte Dartliga bis hin zur Deutschen Schreber-Jugend mit.

Die schwul-lesbische Szene lockt am Ende eines langen Marsches zum zwanglosen Feiern und zur Travestie-Show ins Gaypeople-Zelt.

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