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Schulbeginn im Gazastreifen
Erstklässler mit Kriegserfahrungen

Der Schulbeginn im Gaza-Streifen ist für alle Beteiligten eine Herausforderung: Viele Familien haben Schwierigkeiten, den Schulbedarf und vor allem die erforderlichen Schuluniformen zu finanzieren. Die Schulen bereiten sich derweil auf die vielen neuen Erstklässler vor - die die Last von zwei Kriegen mit sich tragen.

Von Peter Kapern | 29.08.2016
    Palästinensische Schülerinnen stehen auf den Hof ihrer Schule in Gaza-Stadt.
    Palästinensische Schülerinnen auf den Hof ihrer Schule in Gaza-Stadt: Viele Schulen wurden während des Krieges vor zwei Jahren getroffen. (picture alliance / EPA / Mohammed Saber)
    Es ist schwierig, an diesem Tag im Almona, dem Fachgeschäft für den Schulbedarf in Gaza-Stadt, auch nur ein Bein an die Erde zu bekommen. In großen Trauben stehen die Frauen vor den Kleiderständern, die meisten haben ihre Kinder an der Hand. Hier gibt es die Schuluniformen, die jedes Kind im Gazastreifen tragen muss. Die grünen für die staatlichen Schulen, die blauen für die Schulen der UNRWA, der UN-Hilfsorganisation für die Palästinenser. Jedes Schuljahr eine neue Uniform, länger hält die Kleidung nicht. Und wer es sich leisten kann, kauft gleich zwei davon. Eine teure Angelegenheit, sagt Menna, die mit ihrer Tochter hier hergekommen ist. Schließlich ist zum Schulbeginn ja noch mehr anzuschaffen:
    "Ja, das ist eine große Last für die Familien, jedes Mal wieder. Wir brauchen dann neue Uniformen, Tornister, Schuhe, Hefte, Stifte, Farben und was man sonst noch so in der Schule braucht."
    60 bis 70 Schekel kostet eine Uniform, umgerechnet etwa 16 Euro. Immerhin: Die ärmsten Menschen im Gazastreifen bekommen die Schuluniformen von Unicef oder Oxfam geschenkt.
    Mütter beim Schuluniformen-Shopping in Gaza
    Mütter beim Schuluniformen-Shopping in Gaza - die blauen Uniformen sind für die Schulen der UNRWA, der UN-Hilfsorganisation für die Palästinenser, vorgesehen. (Deutschlandradio/Peter Kapern)
    Schulen werden auf Vordermann gebracht
    Das Geschäft mit den Uniformen ist eine regelrechte Industrie in Gaza. Das erkennt man, wenn Samir Sada im Almona die Treppe hinauf folgt. Er ist der Besitzer des Geschäfts und der dazugehörigen Fabrik. Erste Etage: der Zuschnitt. Hunderte Lagen von Stoff aus China liegen hier übereinander. Mit einer elektrischen Schere werden die Passstücke zurechtgeschnitten. Dann geht’s weiter rauf.
    Eine Etage höher sitzen schwitzende Männer an Nähmaschinen. Das ist Schwerstarbeit bei diesen Temperaturen. Jetzt, kurz vor Schulbeginn, schuften sie 15 Stunden am Tag. Tausende von Schuluniformen werden gebraucht.
    "Hier kommen die zugeschnittenen Stoffstücke an und werden da drüben dann zusammengenäht", erklärt Samir Sada. "Dann wird alles gebügelt und kommt wieder nach unten - in den Verkauf."
    Samir Sada, Betreiber eines Schulfachgeschäfts, in seinem Laden, vor Regalen und Bügeln mit Kleidung.
    Samir Sada betreibt da Schulfachgeschäft Almona in Gaza-Stadt. (Deutschlandradio/Peter Kapern)
    Ortswechsel. Die Saturn-Grundschule D ein paar Straßen weiter. Dass sie von der UNRWA betrieben wird, erkennt man am weiß-blauen Anstrich. 267 solcher Schulen betreibt die UN-Organisation in den Palästinensergebieten. Im neuen Schuljahr werden sie von 263.000 Kindern besucht. In den letzten Tagen der Ferien wird die Schule auf Vordermann gebracht, erzählt Naheda Selmy, die Direktorin, die uns durch das Gebäude führt. Putzkolonnen sind unterwegs, wo es nötig ist, wird angestrichen. Und dann stehen wir vor einem wahren Möbelberg:
    "Derzeit arbeiten wir daran, die Klassenräume neu auszustatten. Da drüben sind neue Tische und Stühle, damit ersetzen wir die alten Schulbänke."
    Sechsjährige, die zwei Kriege erlebt haben
    Allein die Saturn-Grundschule rechnet mit 770 Erstklässlern. Die Vorbereitung auf den Schulbeginn läuft in diesem Sommer ganz routiniert. Das war im vergangenen Jahr noch anders. Da lebten noch bis in den September hinein Familien im Schulgebäude, die im Krieg von 2014 ihr Zuhause verloren hatten. Und dann drohten die Lehrer mit Streik, weil in den Kassen der UN-Organisation zeitweise zu wenig Geld war, um sie zu bezahlen. Dieses Jahr ist alles anders. Die Erstklässler können kommen. 770 sechsjährige Kinder, die schon zwei Kriege erlebt haben.