Schülerzahlen
Die Tücken der Statistik

Rund sechs Jahre nach der Geburt brauchen Kinder einen Schulplatz. Das klingt vorhersehbar und planbar. Warum gibt es trotzdem in vielen Städten zu wenig Schulen?

Von Vivien Leue; Onlinetext: Kristina Reymann-Schneider |
    Ein mit bunten Comicmotiven - darunter ein Surfer, ein Teddy, ein Junge mit Kopfhörern und eine fußballspielenden Krake - bemalter Container einer Grund- und Oberschule in Schwanebeck in Brandenburg.
    In vielen deutschen Schulen wird mittlerweile in Containern gelehrt, weil das Schulgebäude zu klein geworden ist. (Symbolbild) (picture alliance / Schoening / Schoening)
    In vielen Regionen Deutschlands gibt es zu wenig Schulplätze. Besonders in westdeutschen Städten macht sich das bemerkbar. Die Folgen sind: Schulplatzvergaben per Losverfahren und überdurchschnittlich große Klassen. Auf Schulhöfen dienen inzwischen Container als Klassenräume. Denn in den vergangenen Jahren wurden nicht genügend Schulen neu gebaut oder umgebaut. Städte und Kommunen sind lange von einem Rückgang der Schülerzahlen ausgegangen und haben den tatsächlichen Bedarf falsch eingeschätzt.  

    Inhalt

    Warum stimmen die prognostizierten Schülerzahlen nicht?

    Grundlage für die Vorausberechnung der Schülerzahlen sind die amtlichen Bevölkerungsstatistiken. Sie geben unter anderem Auskunft über Geburten und Wanderungsbewegungen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) führt die Zahlen der einzelnen Bundesländer zusammen und veröffentlicht einmal im Jahr ihre Prognose für die Schülerzahlen.
    Allerdings weichen die Zahlen der KMK von der amtlichen Statistik ab. Zum einen arbeiten die Bundesländer mit unterschiedlichen Werten und Verfahren, sagt der Schulforscher Christian Reintjes von der Universität Osnabrück. Zum anderen sei es möglich, dass die KMK mit erhöhten Geburtenzahlen rechnet, um sich etwas Spielraum zu verschaffen, vermutet er.
    Dass die vor 15 Jahren erstellten Prognosen mit den gegenwärtigen Zahlen nicht übereinstimmen, liegt an externen Faktoren, die bei der Vorausberechnung nicht berücksichtigt worden sind. Zum einen kam der Geburtenanstieg in den 2010er-Jahren überraschend, zum anderen hat die Migration seit 2015 dazu geführt, dass insbesondere in Städten mehr Kinder und Jugendliche ins Bildungssystem eingetreten sind.

    Wo und warum gibt es aktuell zu wenig Schulplätze?

    Besonders deutlich zeigt sich der Anstieg der Zahl der Schülerinnen und Schüler in den Städten. In den westdeutschen Bundesländern sind deutlich mehr Kinder und Jugendliche hinzugekommen als in den ostdeutschen. Das hängt mit Wanderungsbewegungen und dem Zuzug von Geflüchteten zusammen.
    Rückblickend waren die Prognosen nicht immer verlässlich. Diese Fehlannahmen belasten das Schulsystem bis heute, erklärt der Schulforscher Christian Reintjes: „Wenn man jetzt mal so in die 2000er-Jahre guckt, dann ist man von einem dauerhaften Rückgang der Schülerzahlen ausgegangen. Das hat dazu geführt, dass man Schulen geschlossen, Standorte zusammengelegt und Ausbildungskapazitäten für Lehrkräfte reduziert hat.“
    Die aktuell überlaufenen Schulen, die großen Klassen und die zu kleinen Gebäude sind jedoch nicht nur eine Folge mangelhafter Prognosen. Schulforschern und Schulplanern zufolge fehlte auch der politische Wille, größere Schulen zu bauen, weil es zunächst Geld kostet und unklar ist, wie viele Schülerinnen und Schüler in zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich beschult werden müssen.

    Wie lässt sich sicherstellen, dass es in Zukunft genügend Schulen gibt?

    Derzeit geht die KMK deutschlandweit bis 2032 von steigenden Schülerzahlen aus. Den Berechnungen zufolge werden dann knapp 11,8 Millionen Kinder und Jugendliche eine Schule besuchen. 2024 waren es 11,2 Millionen. Erst nach 2032 soll die Kurve wieder sinken. In den Stadtstaaten und den ostdeutschen Bundesländern werden die Schülerzahlen laut Prognose bereits einige Jahre früher zurückgehen.
    Anfang des Jahrtausends wurden zu wenige Schülerinnen und Schüler prognostiziert, heute möglicherweise etwas zu viele. Prognosen bleiben unsicher, sind aber dennoch für die Planung unverzichtbar, da die Länder stets eine ausreichende Grundausstattung sicherstellen müssen. 
    Steigen die Geburtenzahlen, steht fest, dass sechs Jahre später mehr Schulplätze benötigt werden. Allerdings lässt sich in solch kurzen Zeitspannen kaum ein städtischer Bau realisieren. Zunächst müssen geeignete Flächen gefunden werden, dann folgen die Planungs- und Genehmigungsphase, bevor der Bau schließlich beginnen kann.
    Kurzfristig helfen nur Container und größere Klassen. „Das ist eine pädagogische Katastrophe, das ist klar. Aber erst einmal geht es darum, die Kinder zu versorgen und sie nicht auf der Straße stehen zu lassen“, sagt Miriam Matenia, Leiterin der Abteilung Schulentwicklung der Stadt Essen.
    David Rupp, Co-Geschäftsführer des privaten Planungsbüros Biregio, das Politik und Verwaltung unter anderem bei der Planung von Schulen berät, plädiert für einen veränderten Blick auf Schulbauten. Größere Schulgebäude ermöglichten es, besser mit steigenden oder sinkenden Schülerzahlen umzugehen.
    Solche Konzepte werden als „atmende Schulen“ bezeichnet. Wenn eine kleine, einzügige Grundschule an ihrer Kapazitätsgrenze ist, können keine weiteren Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden. Sie hat dann keinen Handlungsspielraum mehr. Große, mehrzügige Schulen können nach Bedarf weitere Klassen eröffnen oder schließen und Räume bei sinkenden Schülerzahlen anderweitig nutzen – etwa für Betreuungsangebote, eine Bibliothek oder einen Jugendtreff.