
Sie heißen „VERA“ oder „KERMIT“: Die landesweiten Testungen, mit denen Bundesländer regelmäßig den Lernstand von Kindern in Fächern wie Deutsch, Mathematik oder Englisch erheben. „VERA“ steht für „Vergleichsarbeiten“, in den meisten Bundesländern finden die Tests in der 3. oder 8. Klasse statt.
Viele Länder planen eine Ausweitung der Lernstandserhebungen – Grund sind die PISA-Ergebnisse vom Dezember 2023, bei denen sichtbar wurde, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler erneut abgesackt waren.
Vorbild könnte Hamburg sein. Der Stadtstaat ist bei der datengestützten Schulentwicklung besonders weit. Hier heißen die Testungen „KERMIT“, was für „Kompetenzen ermitteln“ steht. Während ihrer Schullaufbahn nehmen Kinder und Jugendliche insgesamt sechsmal an den Lernstandserhebungen teil.
Warum Lernstandserhebungen wichtig sind
Die Lernstandserhebungen sollen Schulen, Lehrkräften und Bildungspolitikern zeigen, welches Leistungsniveau Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Bildungsbiografie erreicht haben. Die Tests dienen nicht der Benotung, sondern der Analyse.
Schneiden einzelne Schüler oder ganze Klassen schlecht ab, kann mit Förderangeboten nachgesteuert werden. Auch die Bildungspolitik kann reagieren und in einem Bundesland oder einzelnen Kommunen Programme auflegen, um Kinder beim Lesen oder Rechnen zu unterstützen.
Bildungsforscher weisen darauf hin, dass Deutschland bei der datengestützten Schul- und Unterrichtsentwicklung noch Nachholbedarf hat. Eine systematische Erhebung und Verarbeitung der erhobenen Daten findet noch nicht statt, auch wenn viele Bundesländer daran etwas ändern wollen, darunter Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz.
Datengestützte Schulentwicklung: das Beispiel Kanada
Bildungssysteme, die schon lange in die datengestützte Schulentwicklung investieren, sind laut Bildungsforschern erfolgreich. Kanada wird häufig als positives Beispiel hervorgehoben, die Schulentwicklung findet hier datenbasiert statt. Ergebnisse aus Lernstandserhebungen werden mit sozioökonomischen Daten verknüpft, um eine passgenaue Förderung zu erreichen.
Die Daten sind gut interpretierbar und können Schulen und Lehrkräften dabei helfen, Schülergruppen, Klassen oder ganze Regionen zu unterstützen. Außerdem fließen auch Einschätzungen von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen in die Analyse ein, die Rückschlüsse auf das Lernklima ermöglichen. Eine Identifikationsnummer hilft dabei, die Bildungsverläufe von Schülerinnen und Schülern zu untersuchen.
Kanada ist wie Deutschland föderal organisiert, Bildung ist hier Angelegenheit der Provinzen, aber das Land hat sich insgesamt auf eine datengestützte Schulentwicklung geeinigt. Die bevölkerungsreichste Provinz Ontario gilt als besonders fortschrittlich und hatte schon 1996 ein Institut gegründet, um die erhobenen Daten zu bündeln und zu interpretieren - vier Jahre vor der ersten PISA-Studie, die deutliche Schwächen im deutschen Bildungssystem aufzeigte.
Bildungsmonitoring in Deutschland: Strategien und Perspektiven
Manche Bundesländer gehen bei den Lernstandserhebungen voran: So hat Hamburg mit dem Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) eine eigene Einrichtung dafür geschaffen. In Baden-Württemberg gibt es das Institut für Bildungsanalysen (IBBW), um auf das schlechte Abschneiden in Schulleistungsstudien zu reagieren und frühzeitig gegensteuern zu können.
Die Kultusministerkonferenz hatte sich 2015 auf eine neue Strategie beim Bildungsmonitoring geeinigt. Sie besteht aus mehreren Säulen und legt unter anderem fest, dass Deutschland an internationalen Vergleichsstudien wie PISA teilnimmt, bei denen die Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern ermittelt und international verglichen werden. Zu ihr gehört auch die Umsetzung der Bildungsstandards, die nach dem sogenannten „PISA-Schock“ aus dem Jahr 2001 entwickelt wurden, um bundesweit einheitliche Kompetenzen in Fächern wie Deutsch oder Mathematik zu erreichen.
Doch das alles hat offenbar nicht die von der Bildungspolitik erhofften Erfolge gebracht. Bei der letzten PISA-Studie, die im Dezember 2023 veröffentlicht wurde, schnitten Schülerinnen und Schüler aus Deutschland in Mathematik und Deutsch so schlecht ab wie noch nie. Viele Bundesländer wollen deshalb das Bildungsmonitoring stärken, was auch die Entwicklung eines Bildungsverlaufsregisters oder eine Schüler-ID enthalten kann. Neue Förderprogramme sollen dabei helfen, die Kompetenzen in Deutsch und Mathematik zu verbessern.
Die Schüler-ID: Pro und contra
Mit einer Schüler-ID wäre es möglich, den Bildungsverlauf eines Schülers oder einer Schülerin während der gesamten Schullaufbahn detailliert abzubilden. Wie bei der Steuer-ID würde jedem Kind in Deutschland dabei eine mehrstellige Zahl zugewiesen. Der dazu gesammelte Datenbestand könnte aus den Ergebnissen aus Lernstandserhebungen und Schulnoten bestehen, aber auch aus Informationen zu Umzügen und Krankheiten oder zum sozioökonomischen Status der Eltern. So könnte ermittelt werden, aus welchen Gründen sich Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn verbessern oder verschlechtern – so die Hoffnung der Befürworter.
Die Bundesregierung hat die Entwicklung einer Schüler-ID sogar in den aktuellen Koalitionsvertrag aufgenommen, dabei müssten sich die Bundesländer allerdings auf eine gemeinsame Lösung einigen. Damit könnten langwierige Planungen verbunden sein. Außerdem sind nicht alle mit der Idee einverstanden. Kritiker der Schüler-ID befürchten Stigmatisierungen.
Zudem bleibt die Frage offen, wie sichergestellt werden kann, dass der Datenschutz eingehalten wird und Informationen nicht an unbefugte Dritte gelangen. Eine Alternative zur Schüler-ID könnte ein Bildungsverlaufsregister sein, bei denen statistische Daten von Schülerinnen und Schülern anonymisiert an zentralen Stellen zusammenlaufen und als Entscheidungsgrundlage für bildungspolitische Förderprogramme dienen. Denkbar wäre auch, beides zu kombinieren.











