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StartseiteCampus & Karriere"Wir sehen tatsächlich eine soziale Segregation"19.12.2018

Schulen in Deutschland"Wir sehen tatsächlich eine soziale Segregation"

Privatschulen in Deutschland werden einer aktuellen Studie zufolge immer beliebter. Und die Schüler stammen immer häufiger aus Akademikerhaushalten, hob Katharina Spieß, Mitautorin der Studie, im Dlf hervor. Sie sehe nun Handlungsbedarf bei der Politik, bei öffentlichen und privaten Schulen.

Katharina Spieß im Gespräch mit Sandra Pfister

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Grundschüler und eine Lehrerin während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenzimmer (imago / Photothek)
Fast jedes zehnte Kind hierzulande geht auf eine private Schule - die Zahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt (imago / Photothek)
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Sandra Pfister: Privatschulen – wir haben es gerade gehört – werden immer beliebter und auch immer elitärer. Zu dem Ergebnis kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, und zwar in Person von Katharina Spieß. Guten Tag, Frau Spieß!

Katharina Spieß: Guten Tag!

Eltern mit höherer Bildung tendieren zur Privatschule

Pfister: Frau Spieß, immer mehr Kinder besuchen eine Privatschule, und immer mehr Privatschüler kommen aus wohlhabenderen und auch, wenn ich Sie richtig verstehe, gebildeteren Haushalten – das haben Sie herausgefunden. Das heißt, Privatschulen werden vor allem von Akademikereltern favorisiert. Hat Sie das überrascht?

Spieß: Was uns überrascht hat und was an unserer Analyse wirklich auch neu ist, ist, sich anzuschauen, wie sich dieser Trend über die Zeit verändert hat. Was wir da sehen konnten, ist, dass insbesondere in Westdeutschland und auch in Ostdeutschland ganz stark der Trend auseinandergeht, was den Bildungshintergrund der Eltern angeht. Also zunehmend seit den letzten, kann man fast sagen, 20 Jahren nehmen die Nutzungsraten von Kindern aus Akademikerhaushalten sowohl in West- als auch Ostdeutschland mehr zu als die Nutzungsraten von Kindern aus anderen Haushalten.

Pfister: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Spieß: Wir können mit den Daten letztendlich nicht genau die Gründe erfassen, wir können nur vermuten und spekulieren. Wir als Bildungsökonomen sehen Gründe immer auch auf einmal der Nachfrageseite, also sowohl der Familien- als auch der Angebotsseite, und es ist sicher auch ein Zusammenspiel von beidem. Was ich aber gerne noch ergänzen würde, ist, dass im Hinblick auf die Einkommensunterschiede es auch sehr interessant war, dass der Trend, dass zunehmend einkommensstarke Haushalte Privatschulen für ihre Kinder nutzen, dass diese Schere wirklich nur in Ostdeutschland auseinandergeht und wir diesen Trend einer Zunahme der Schere in Westdeutschland nicht finden können.

Pfister: Wenn wir schon gerade beim Geld sind: Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Privatschulen bei uns ja, zumindest was die Gebühren angeht, gar keine richtig elitäre Veranstaltung, denn die Kosten sind ja nur relativ niedrig. Hängt es trotzdem damit zusammen, dass sich Nichtakademikereltern das nicht leisten können, dass sie ihre Kinder nicht da hinschicken?

Spieß: Wie gesagt, können wir die Gründe so nicht detailliert jetzt mit unseren Daten abbilden. Was wir mit unseren Daten aber abbilden können, ist zum Beispiel auch der Unterschied in den Kosten von Privatschulen oder was Haushalte für Privatschulen zahlen in West- und Ostdeutschland. Da sehen wir interessanterweise keinen Unterschied, obwohl wir diesen großen Unterschied in den Nutzungsraten haben. Das spricht in der Tat dafür, dass hier jetzt nicht unbedingt höhere oder niedrigere Belastungen für diese Unterschiede verantwortlich sind, sondern dass da andere Gründe eine Rolle spielen, dass Eltern in diesen Einkommensgruppen vielleicht auch andere Bildungsvorstellungen haben als andere Gruppen, oder tatsächlich die öffentlichen Schulen für diese Haushalte nicht mehr so attraktiv sind, wie sie noch vor 20 Jahren attraktiv waren.

"Soziale Segregation hat über die Zeit zugenommen"

Pfister: Und Sie sagen ja auch, weniger Menschen mit Migrationshintergrund gehen auf Privatschulen. Das könnte natürlich auch damit zusammenhängen, dass immer noch eine beträchtliche Zahl kirchliche Träger sind und die sich da vielleicht auch nicht heimisch fühlen.

Spieß: Das kann in der Tat sein. Was wir erstmalig mit unserer Analyse auch zeigen konnten, ist tatsächlich, dass unter den Privatschülern wir anteilsmäßig mehr Eltern haben, die auch selbst sagen, sie fühlen sich der christlichen Religion zugehörig, mehr als es in öffentlichen Schulen gibt, deshalb kann es eine Vermutung sein. Mit besseren, nein, mit anderen Daten muss man sagen, nicht mit besseren, mit anderen Daten muss man gucken, ob das tatsächlich die Gründe dahinter sind.

Pfister: Wenn ich es zusammenfassen kann, dann sehen Sie ja eine soziale Segregation an den Privatschulen, die sich verschärft hat in den vergangenen …

Handlung gefragt bei Politik und beiden Schulformen

Spieß: Genau, wir sehen tatsächliche eine soziale Segregation und können zeigen, dass die über die Zeit zugenommen hat, dass sie sich aber in Ost- und Westdeutschland eben auch leicht unterschiedlich darstellt – nicht im Hinblick auf den Bildungshintergrund der Eltern, aber im Hinblick auf das Einkommen, wo wir eben in Westdeutschland keine Zunahme der Einkommensunterschiede sehen, aber in Ostdeutschland.

Pfister: In welchem Feld sehen Sie jetzt den Ball, denn die Privatschulen dürfen ja eigentlich nicht hinnehmen, dass die Schüler voneinander gesondert werden – das steht explizit so in ihrem Auftrag –, oder sehen Sie die Handlungsanweisung eher im Feld der Politik?

Spieß: Ich sehe die Handlungsanweisung eigentlich bei allen Akteuren. Es stellt sich einmal bei der Politik, die ja in den unterschiedlichen Bundesländern auch bisher unterschiedlich agiert. Es gibt Bundesländer, die konkrete Staffelungen vorschreiben, es gibt Bundesländer, die auch eine Obergrenze für die Schulgebühren an Privatschulen festsetzen, und man kann sich überlegen, ob man so was tatsächlich auch bundesweit abspricht. Das wäre etwas, was mehr in die Richtung der Politik geht. Ich sehe aber ganz klar auch die privaten Schulen und die öffentlichen Schulen auch mit als Akteure, die für die Gruppen, die jeweils bei ihnen unterrepräsentiert sind, attraktiver wieder werden müssen, heißt, die Privatschulen müssen attraktiv sein auch für Haushalte mit bildungsfernerem Hintergrund, und umgekehrt müssen die öffentlichen Schulen auch wieder attraktiv werden für Kinder aus Akademikerhaushalten oder attraktiver.

Pfister: Katharina Spieß, ganz herzlichen Dank! Sie ist Leiterin der Abteilung Bildung und Familie am DIW, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, und wir haben gesprochen über eine Studie, nach der Privatschulen immer elitärer werden. Danke, Frau Spieß!

Spieß: Ganz herzlichen Dank Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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