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StartseiteCampus & Karriere"Unser Familienfrieden war regelrecht bedroht über Jahre"05.12.2019

Schulfrust einer Mutter"Unser Familienfrieden war regelrecht bedroht über Jahre"

Viele Eltern fühlen sich von Notendruck und Prüfungen ihrer Kinder unter Druck gesetzt, meint die Buchautorin und Mutter zweier Kinder, Anke Willers. Eltern rutschten oft in die Rolle des "Hilfslehrers". Dadurch gebe es zu Hause viel Streit und Frust, sagte sie im Dlf.

Anke Willers im Gespräch mit Sandra Pfister

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Zeigefinger der Eltern deuten auf ein Mädchen, als wollten sie etwas anmahmen. (dpa-Zentralbild/picture-alliance )
Eltern werden auch in Zeugnissen regelrecht dazu aufgefordert, Schulstoff zu Hause zu vertiefen, schreibt Autorin Willers. So sei sie in eine Hilfslehrerrolle reingerutscht. (dpa-Zentralbild/picture-alliance )
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Sandra Pfister: Der Buchtitel, der hat mich neugierig gemacht. "Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?: Was der Schulwahnsinn mit uns und unseren Kindern macht und wie wir ihn überleben". Wir hören das ja öfters, auch hier in der Redaktion von vielen, die Kinder in der Schule haben: Sie erleben das ständige Prüfen, den Notendruck als echte Belastung, aber sagen trotzdem, natürlich üben wir mit unseren Kindern, natürlich hängen wir uns rein, es sind ja unsere Kinder. Oder sie sagen, wir sind dann so eine Art permanenter Hilfslehrer, so ein permanenter Puffer – also wir reden jetzt über Schulfrust aus Elternperspektive. Anke Willers, Sie haben das Buch, von dem ich gerade geredet habe, geschrieben. Ist es das, was Sie so frustriert hat, dass dieser Schulwahnsinn, wie Sie ihn bezeichnen, dass der immer mehr ins Familienleben schwappt?

Anke Willers: Ja, absolut. Bei uns war das über viele Jahre das beherrschende Thema. Ich habe zwei Töchter in Bayern in der Schule gehabt, und ich würde sagen, das hat unseren Familienfrieden regelrecht bedroht über Jahre.

"Wir haben uns immer bemüßigt gefühlt, zu helfen"

Pfister: Was meinen Sie damit, er hat den Familienfrieden bedroht?

Willers: Es hat einfach sehr, sehr viel Streit und vor allen Dingen sehr viel schlechte Gefühle hervorgerufen. Die Tatsache, dass unsere Kinder beide nicht so ganz leicht durch die Schule marschiert sind und wir uns immer bemüßigt gefühlt haben zu helfen. Und wir wurden auch regelrecht dazu aufgefordert, also in Zeugnissen, wo drinstand, was man alles vertiefen sollte zu Hause. Und so sind wir in die Hilfslehrerrolle reingerutscht – ich sag jetzt wir, aber speziell ich als Mutter –, und das hat zu sehr viel Streit geführt und wenn die Noten dann trotzdem nicht gut waren, natürlich auch zu sehr viel Frust.

"Da spielen ganz viele Gefühle eine Rolle"

Pfister: Und es führt zu Streit natürlicherweise, weil man ja immer den Kindern signalisiert, du bist nicht gut genug, mach mehr, mach mehr, und im Grunde genommen sind Sie der Antreiber.

Willers: Ja, das ist eine ganz ambivalente Situation, weil man natürlich, wenn man mit einem Kind lernt – also jeder, der das schon mal versucht hat, mit seinem eigenen Kind zu lernen, da spielen ja ganz viele Gefühle eine Rolle. Die Mutter oder der Vater, der dann da sitzt, der denkt, Mensch, jetzt hab ich die Vektorrechnung schon dreimal erklärt, warum hast du das denn jetzt immer noch nicht kapiert, und dann rollt man vielleicht mit den Augen oder irgendwie so. Dadurch fühlt sich das Kind unter Druck gesetzt, und diese emotionale Verstrickung, die ja auch mit der engen Beziehung zu tun hat, die führt erstens dazu, dass man gar nicht mehr lernen kann, weil man einfach dann ein Brett vor dem Kopf hat durch diese angespannte Situation, und sie führt dann auch irgendwann zu Streit, weil das Kind fängt an zu schreien oder die Mutter fängt an zu schreien oder der Vater. Und hinterher fühlen sich alle total schlecht, weil sich einfach Gefühle und Lernstoff miteinander vermischen. Wir sind eben einfach nicht die Lehrer unserer Kinder, wenn es um schulische Dinge geht.

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"Ein Kind schafft es durchs Gymnasium ganz selten ohne Hilfe"

Pfister: Die Frage ist immer, warum machen Sie mit, warum sagt keiner, ich nehme  mich mehr zurück und lass die Kinder jetzt mal alleine wurschteln, denn das ist ja auch die Botschaft, die viele Lehrer rüberbringen: Die sollen lernen, das selbstständig zu machen, wir wollen hier eigentlich die Leistung der Kinder sehen und nicht die Leistung der Eltern.

Willers: Na ja, natürlich müssten wir das alle machen, aber wir müssten alle an einem Strang ziehen. Und wenn Sie die konkrete Situation nehmen – also in Bayern ist es ja zum Beispiel so, dass die Kinder nach der vierten Klasse in die weiterführenden Schulen verteilt werden und dass die Eltern da nicht mitreden können, das heißt, es geht nur über die Noten. Und man möchte ja nicht, dass das Kind, das eigene Kind irgendwie hinten runterfällt, und deswegen wird man aktiv. Und man wird auch aktiv – Sie haben vorhin schon gesagt, die Lehrer sagen, die Kinder sollen das selbstständig machen, das ist aber nur die Botschaft, die an der Oberfläche rüberkommt. Wenn man privat mit Lehrern redet, sagen die ganz oft, ein Kind schafft es durchs Gymnasium nur ganz selten ohne die Hilfe der Eltern. Das sind zwei verschiedene Botschaften, die man da kriegt als Mutter und Vater.

Schule als Auslöser für den "defizitären Blick" aufs Kind

Pfister: Ist es ein bayrisches Spezialphänomen?

Willers: Nein, ich weiß, dass es ganz vielen Eltern so geht, und ganz viele auch sagen, das ging mir auch so, das fand ich ganz schlimm, dass die Schule gemacht hat, dass ich meine Kinder sehr schnell mit so einem defizitären Blick gesehen habe. Und das wollte ich nicht, ich wollte die nicht so sehen, ich wollte nicht immer nur sehen, was sie nicht können, sondern ich wollte natürlich auch sehen, dass sie gute Kinder sind und dass sie was können. Dass die Schule so viel mit der Beziehung macht, das finde ich schlimm, also wenn es nicht gut läuft in der Schule.

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Pfister: Wenn Sie das System nicht ändern können, das System Schule in dieser Leistungsgesellschaft und auch das selektive Schulsystem – damit hängt es ja auch zusammen –, welchen Mittelweg haben Sie für sich selber gefunden zwischen diesem, wie Sie es gerade beschrieben haben, halbhysterischen Helikopterelterndasein und sich gar nicht kümmern?

Willers: Ja, ich glaube, das ist auch tatsächlich die Kunst, diesen Mittelweg zu finden. Bei mir war es, es gab eine berufliche Veränderung, ich musste dann beruflich von München nach Hamburg, wochenweise, und dadurch konnte ich einfach gar nicht mehr so viel zu Hause machen. Die Kinder sind dann selber auch stärker aktiv geworden. Also bei der älteren Tochter, die inzwischen aus der Schule raus ist, hat es dann sehr gut funktioniert, die war dann in der achten Klasse, und die hat dann mit Mitschülern, auch mit dem Papa, der musste dann auch mehr machen, ein bisschen Nachhilfe, hat die sich sozusagen dann ganz gut organisiert und das auch gut hingekriegt. Ich wurde so ein bisschen zu meinem Glück auch gezwungen. Hab dann gemerkt, na ja, erst mal wurden die Noten noch schlechter, aber dann wurden sie wieder besser, und dann hatte sie den Bogen einfach raus. Das heißt, es war sozusagen ein äußerer Umstand, der bei uns diesen Cut hervorgerufen hat. Bei der kleinen Tochter hat das aber nicht funktioniert. Die ist bis heute – die ist jetzt in der zehnten Klasse und tut sich immer noch schwer und braucht immer noch viel Support, und ich stehe oft noch davor, dass ich eben denke, Mensch, muss ich da eingreifen, soll ich ihr helfen und so weiter.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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