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StartseiteCampus & KarriereBundesschülerkonferenz: Präsenzunterricht mit Konzepten besser vorbereiten11.02.2021

Schulöffnungen in den LändernBundesschülerkonferenz: Präsenzunterricht mit Konzepten besser vorbereiten

Die Bundesländer sollen in eigener Regie über Schulöffnungen entscheiden. Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, forderte im Dlf, so schnell wie möglich Präsenz- und Wechselunterricht vorzubereiten. Konkrete Konzepte für die Umsetzung gebe es noch immer nicht.

Dario Schramm im Gespräch mit Sabrina Loi

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Mundschutzmaske hängt an einem Schülertisch während des Präsenzunterrichts. (picture alliance / Eibner-Pressefoto)
"Dass jedes Bundesland seinen eigenen Weg geht, das haben wir in der Vergangenheit schon oft erlebt", kritisiert Dario Schramm. (picture alliance / Eibner-Pressefoto)
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Sabrina Loi: Was halten Sie von der Entscheidung, weiter jedem Bundesland den Umgang mit den Schulen in der Pandemie zu überlassen?

Dario Schramm: Dass jedes Bundesland seinen eigenen Weg geht, das haben wir in der Vergangenheit schon oft erlebt, aber es ist eine neue Dimension, dass man das so offen transportiert. Normalerweise war man trotzdem noch in der Lage zu sagen, okay, wir haben jetzt Eckpunkte XY verabschiedet, das war gestern nicht der Fall. Man hat tatsächlich einfach direkt resigniert und hat gesagt, wir schaffen es nicht, eine Einigung zu finden, Länder, macht ihr, wie ihr wollt. Das ist sehr, sehr fatal, gerade wenn wir uns überlegen, dass die Frustrationen darüber, dass wir 16 verschiedene Vorgehensweisen aktuell im Bildungssystem haben, eh schon sehr hoch sind.

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Schüler in bestimmten Ländern könnten Vorteile haben

Loi: Ich gehe davon aus, Sie machen sich dann Sorgen darüber, dass dann eine Vergleichbarkeit fehlt?
 
Schramm: Genau, das sind viele Faktoren, die da mit einspielen, aber wir müssen uns das einfach so vorstellen: Dadurch, dass wir jetzt auch zum Beispiel nicht an Inzidenzen Öffnungen oder et cetera gekoppelt haben, kann es eben sein, dass ein Schüler, der in dem einen Bundesland sitzt, wieder in die Schule gehen kann bei derselben Inzidenz, wo jemand in einem anderen Bundesland eben nicht zur Schule gehen kann. Mittlerweile wissen wir, Präsenzunterricht ist qualitativ der beste Unterricht, den man den Schülern bieten kann, das bedeutet, der eine hat schlichtweg einen Vorteil dem anderen gegenüber, muss aber möglicherweise am Ende dieselbe Abschlussprüfung oder auf demselben Niveau schreiben, und das ist schwer zu vermitteln.

Also wenn wir uns überlegen, gerade das Abitur, das steht jetzt im Raum, das ist für viele Schüler der große Schritt im Leben – das eine Land hat die eine Lockerung beziehungsweise hat eine Anpassung am Abitur, das andere wiederum eine andere. Am Ende sollen aber in Deutschland trotzdem die Schüler sich mit denselben Abituren bewerben können, und ich habe sehr, sehr große Sorgen, dass wir am Ende das Hamburg-Abitur oder das Berlin-Abitur haben, und das darf einfach nicht passieren.
 
Loi: Aber wie ist es denn mit den mittleren Jahrgängen, die jetzt erst mal noch nicht wieder zur Schule dürfen und weiter auf Onlineunterricht setzen müssen und Distanzunterricht? Ist da nicht das noch viel größere Problem, dass sich die Probleme, die sich da jetzt quasi auftun, noch für die restliche Schullaufbahn durchziehen?
 
Schramm: Absolut. Und das große Problem ist ja auch, wir reden immer viel über Abschlussklassen oder auch vielleicht Grundschulen und vergessen tatsächlich vielleicht auch manchmal die jüngeren Schüler, und das darf nicht passieren. Auch diese brauchen jetzt Perspektiven, auch die leiden immens, und wie Sie schon gesagt haben, das sind jetzt Sachen, auch gerade wenn es ums Inhaltliche geht, die verschleppen sich, vor allem weil wir nicht wissen, wie lange geht das dann auch im Bildungssystem so weiter. Deshalb darf jetzt eben nicht nur auf Abschlussjahrgänge geschaut werden, sondern gerade die, die dann irgendwann folgen müssen, jetzt auch größer in den Fokus geraten.

"Alles dafür geben, Präsenzunterricht bzw. Wechselunterricht vorzubereiten"

Loi: Was muss denn da passieren, damit die Schere nicht weiter auseinanderklafft zwischen denjenigen, die vielleicht auch gut mit der Situation zurechtkommen, möglicherweise auch von zu Hause aus Unterstützung oder zumindest eine gute technische Ausstattung haben für den Online- und Distanzunterricht, und denjenigen, bei denen das eben nicht der Fall ist?
 
Schramm: Wenn wir uns überlegen, dass wir diese Schere versuchen zu bewältigen im Distanzunterricht, das ist eine Herkulesaufgabe. Da stecken so viele Sachen hinter, die über Jahrzehnte nicht geschafft worden sind: Also der Breitbandausbau, generell die Förderung von Leuten, die vielleicht wirtschaftlich nicht so stark aufgebaut sind. Das ist utopisch, zu denken, dass wir das jetzt in ein, zwei Wochen schaffen können. Deshalb – und das muss einfach die Schlussfolgerung sein – müssen wir jetzt wirklich alles dafür geben, Präsenzunterricht beziehungsweise Wechselunterricht in irgendeiner Weise mit Konzepten vorzubereiten, sodass es immer noch infektionstechnisch völlig sicher ist, aber zumindest dass die Schüler in die Schulen langsam wieder kommen können, die eben von zu Hause völlig abgehangen werden.
 
Loi: Aber können Sie denn erst mal nachvollziehen, dass jetzt erst einmal neben den Abschlussklassen vor allem eben auch die Kitas und Grundschulen wieder geöffnet werden, weil da eben gesagt wird, abgesehen vom Betreuungsproblem ist das in dem Alter mit Distanz- und Onlinelernen ja noch schwieriger als bei den etwas älteren Schülerinnen und Schülern?
 
Schramm: Absolut. Es ist schwer, wenn man sich vorstellt, ein Sieben-, Achtjähriger, der wird sich sicherlich nicht so selbst um sich kümmern können vor dem Computer wie jemand, der vielleicht schon 13 oder 14 ist. Ich glaube aber, die Probleme sind da vielschichtiger. Bei einem 13-, 14-Jährigen ist es dann eben nicht das Technische so sehr, sondern vielleicht eher das Soziale. Es ist schwer. Ich glaube, man kann jetzt nicht Gewichtung sagen, der eine Jahrgang hat es vielleicht leichter als der andere, aber sicherlich mit den Jüngeren zu starten, ist ein guter Anfang.

"Wir müssen die Schüler mehr testen"

Loi: Sie haben ja gerade das Wechselmodell angesprochen und fordern ja auch, relativ bald bitte darauf hin zu gehen. Wäre das denn ein Modell, von dem Sie glauben, dass es dann auch tatsächlich bis zu den Sommerferien durchgehalten werden könnte, wenn sich die Länder dazu durchringen könnten?
 
Schramm: Dem zugrunde liegt, dass wir tatsächlich immer klare Konzepte brauchen, und wir brauchen vor allem auch die Überlegungen, wie können wir vorgehen mit Sachen wie Testungen, aber auch Maskenpflicht, FFP2-Masken-Pflicht in Schulen. Das sind alles Sachen, die müssen jetzt mal klar transportiert werden. Es gibt unfassbar viele Ideen, so halbgare Konzepte, aber ich vermisse von jedem Land ein bisschen diese Ansage: Okay, wir haben jetzt eine Strategie, wir haben uns jetzt was überlegt, und so können wir Bildung aber trotzdem sicher gewährleisten. Wenn das passiert ist, dann können wir auch tatsächlich relativ lange damit durchhalten, und dann sind die Schulen auch, glaube ich, nicht mehr in Gefahr, Infektionen zu übertragen oder Ähnliches.
 
Loi: Masken und Tests haben Sie jetzt angesprochen, was wäre denn die konkrete Strategie, die Sie sich wünschen würden?
 
Schramm: Ich glaube, wir müssen die Schüler mehr testen – das gibt es ja bereits schon in einigen Bundesländern, gerade hier auch in Nordrhein-Westfalen, wo die Lehrer eben sich testen lassen können. Ich glaube, wir müssen das mit Schnelltests ausbauen auf die Schüler. Es muss auch die Möglichkeit geben, dass man sich eben tatsächlich kostenlos testen lassen kann, zumindest für jüngere Leute. Ich glaube, das ist schon mal ein ganz großer Anfang, gerade weil wir ja mittlerweile wissen, jüngere Leute sind meistens symptomfrei. Von daher kann es nur darum gehen, einfach massenweise die Leute durchzutesten.
 
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