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Schutzimpfungen
Viele Todesfälle könnten verhindert werden

Impfungen schützen den Körper vor tödlichen Krankheiten. Dennoch sind viele Menschen in Deutschland nur unzureichend geimpft. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon sei die mangelnde Aufklärung durch den Hausarzt, erklärt DLF-Wissenschaftsjournalist Lennard Pyritz.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto | 06.09.2016
    Ein Mann wird gegen Masern geimpft.
    Ein Mann wird gegen Masern geimpft. (picture alliance / dpa / Lukas Schulze)
    Christian Floto: Herr Pyritz, zunächst einmal: Wie kommen die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission zustande?
    Lennart Pyritz: Also die STIKO ist ein unabhängiges Gremium aus zwölf bis 18 ehrenamtlichen Experten aus unterschiedlichen Wissenschaftszweigen. Berufen wird es vom Bundesamt für Gesundheit. Organisatorisch zugeordnet ist es dem Robert-Koch-Institut, kurz RKI.
    Die STIKO trifft sich zweimal im Jahr und entwickelt auf der Grundlage wissenschaftlicher Daten Empfehlungen, wer in welchem Alter gegen welche Krankheit geimpft werden sollte. Die meisten davon betreffen Kinder. Es gibt aber auch Empfehlungen für Impfungen bzw. Auffrischungs-Impfungen für Erwachsene. Die Empfehlungen werden einmal im Jahr vom RKI veröffentlicht.
    Was noch mal wichtig ist: Die STIKO gibt Impf-Empfehlungen heraus – rechtlich bindend sind die nicht. Ärzte müssen sie also nicht eins zu eins umsetzen. Und natürlich gibt es auch Menschen, die den empfohlenen Impfungen skeptisch gegenüberstehen. Ein Beispiel ist da die Diskussion um die Masern-Impfung bei Kleinkindern in Berlin im vergangenen Jahr.
    Floto: Dass Robert-Koch-Institut hat vor einigen Tagen speziell beklagt, dass die Empfehlung zur Pneumokokken-Impfung für Menschen über 60 Jahre zu wenig befolgt werde. Warum gerade diese Impfung?
    Pyritz: Weil Pneumokokken schwere Infektionen verursachen können, zum Beispiel Lungenentzündungen. Jedes Jahr führen die Bakterien zum Tod von mehr als 5.000 Menschen. Das schätzt zumindest die STIKO. Und neben Kleinkindern sind eben ältere Personen besonders gefährdet. Und eine Studie des RKI hat gezeigt, dass bislang nur etwa ein Drittel dieser Altersgruppe gegen Pneumokokken geimpft ist.
    STIKO-Empfehlungen werden nicht umgesetzt
    Floto: Wie wird denn überhaupt festgestellt, inwieweit die Impf-Empfehlungen der STIKO umgesetzt werden?
    Pyritz: Das ist eine wichtige Frage: Denn nur mit einem Überblick über die Impfquoten kann man auch die Impfakzeptanz und Impflücken ermitteln. Problematisch ist dabei, dass es in Deutschland kein Impfregister gibt. Regelmäßige Daten gibt es nur aus den Schuleingangsuntersuchungen und einem Projekt, bei dem das RKI Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen auswertet.
    Zahlen aus diesem Projekt zeigen, dass die Empfehlungen der STIKO teils gar nicht oder ungenau umgesetzt werden. So werden etwa viele Kleinkinder zu spät gegen Masern geimpft. Mit 15 Monaten haben zum Beispiel erst 87 Prozent der Kinder ihre erste Masernimpfung erhalten.
    Eine andere Studie hat 2013 gezeigt, dass es besonders bei älteren Menschen und solchen mit schlechter Ausbildung und niedrigem Einkommen Impflücken gibt.
    Ärzte vergessen Impfempfehlung
    Floto: In einer aktuellen Studie haben Forscher nun geschaut, inwieweit niedergelassene Hausärzte und medizinische Fachangestellte ihren Patienten die Empfehlungen der STIKO weiter geben: Wie wurde das untersucht und was waren die Ergebnisse?
    Pyritz: Das war eine Zufallsbefragung per Fragebogen unter etwa 800 HausärztInnen und gut 500 ArzthelferInnen in ganz Deutschland. Darin wurde gefragt, ob und warum sie älteren Patienten eine von der STIKO empfohlene Pneumokokken-, Grippe- oder Tetanus-Impfung schon einmal nicht empfohlen haben. Und gut 20 Prozent der Befragten haben geantwortet: Ja, ich habe so eine Empfehlung schon einmal nicht weiter gegeben.
    Ich habe mit einer der Autorinnen der Studie telefoniert: Stefanie Castell, Ärztin und Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Sie hat zu den Gründen dafür das hier gesagt:
    "Da hat sich sowohl für die Pneumokokken-Impfung als auch für die Grippe-Impfung herausgestellt, dass eben der häufigste Grund ganz trivial ist: dass die Ärzte das vergessen. Und weniger, dass die Impfung jetzt als ineffektiv oder problematisch für die Patienten empfunden wird."
    Patienten wünschen sich mehr Informationen
    Floto: Wie könnte das verhindert werden? Oder allgemeiner gefragt: Wie könnte die Impfquote in Deutschland verbessert werden?
    Pyritz: In der Studie haben zwei Drittel der Befragten gesagt, dass sie sich besser aufbereitete Informationen zu Änderungen der offiziellen Impfempfehlungen wünschen. Das könne insbesondere ArzthelferInnen unterstützen, die laut Fragebogen nicht ganz so vertraut mit den STIKO-Empfehlungen sind wie Ärzte. Laut Stefanie Castell könnten die Hausärzte außerdem in ihrer Praxis-Software am Computer automatische Erinnerungen für Impfungen integrieren.
    "Und dann könnte man aber auch auf der anderen Seite sagen, dass es natürlich sinnvoll ist, wenn die PatientInnen – oder wir alle – einfach wissen, wo unser Impfpass liegt, den auch mal in die Tasche stecken und zum Arzt mitnehmen, und entsprechend unsre HausärztIn auf eine Überprüfung des Impfschutzes ansprechen."
    So eine Eigeninitiative auf Patientenseite unterstützt auch der Deutsche Hausärzteverband, mit dem ich telefoniert habe. Und er weist zusätzlich darauf hin, dass die Impfquoten verbessert werden könnten, wenn Hausärzte immer die ersten Ansprechpartner bei allen Impffragen seien. So könnten sie einen kontinuierlichen Überblick über den Impfstatus ihrer Patienten haben.