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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSchwerpunktthema: Edel, grausam und demokratisch?21.03.2013

Schwerpunktthema: Edel, grausam und demokratisch?

Die Kultur der Irokesen in einer Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn

Philosophen und frühe Feministinnen haben sie bewundert, James Fenimore Cooper hat sie verteufelt, mittlerweile sind sie fast vergessen – bis auf ihre Haartracht: Ein Irokesenschnitt gilt noch immer als Zeichen von Rebellion, Unbeugsamkeit und Härte.

Von Matthias Hennies

George Heriot: Kriegstanz (1804/05) - Aquarell und Graphitstift (Art Gallery of Windsor, Ontario/Bundeskunsthalle Bonn)
George Heriot: Kriegstanz (1804/05) - Aquarell und Graphitstift (Art Gallery of Windsor, Ontario/Bundeskunsthalle Bonn)

"Aus der Hütte trat hervor er,
Angetan zur Jagd, zur Reise;
Angetan mit Hirschhauthemde,
Angetan mit Hirschhauthosen,
Beide sie gestickt mit Wampum;
Auf dem Haupt die Adlerfedern,
Um den Leib den Wampumgürtel,
In der Hand den esch'nen Bogen."


Sie haben sich von den Irokesen gern inspirieren lassen, die weißen Dichter und Philosophen, Maler und Komponisten. Manche verklärten sie zu edlen Wilden wie der Amerikaner Henry Wadsworth Longfellow mit seiner Dichtung über den legendären Häuptling Hiawatha. Gehalten hat sich jedoch das Zerrbild, das sein Landsmann James Fenimore Cooper verbreitete, dass die Irokesen tückisch und grausam seien. Friedrich Engels wiederum stilisierte sie zur idyllischen Urgesellschaft.

"Arme und Bedürftige kann es nicht geben, die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Krieg Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht."

Andere Autoren schilderten immerhin, was sie selbst gesehen hatten:

"Nachmittags vier Uhr kam auch wirklich ein starker Trupp Indianer und jeder derer Indianer hatte wenigstens vier, die mehresten aber acht Scalppen oder abgezogene Hirnschädel als Trophäen an ihren Gürdels hangen. Ich zählte derer im Vorbeigehen 104, ohne die, so ich wegen herabtriefendem Fett und scheußlichem Anblick nicht weiter habe ansehen können."

Philipp Jacob Hildebrandt kämpfte 1777 im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gemeinsam mit Irokesen-Kriegern. Er war Offizier bei den hessischen Truppen, die die britische Armee in Deutschland zur Verstärkung angeworben hatte. Das meiste, was im 18. und 19. Jahrhundert über die Indianervölker aus den Wäldern Nordost-Amerikas geschrieben worden ist, beruht jedoch auf Fehldeutungen und Missverständnissen.

Die fremde Welt der Irokesen regte die Fantasie der Weißen an, denn diese Indianer waren zu mächtig, um sie zu ignorieren. Man musste sich mit ihnen auseinandersetzen, in zähen Kämpfen und ebenso zähen diplomatischen Verhandlungen. Für die europäischen Händler, Missionare und Offiziere war es ziemlich gewöhnungsbedürftig -

"Dass immer wieder noch jemand aufgestanden ist, um zu resümieren, was sein Vorgänger gesprochen hat und dann seinen eigenen Ansatz noch reinzubringen, das ist etwas gewesen, was Europäer auch lernen mussten, weil sonst Verhandlungen auch gar nicht möglich gewesen wären."

Die Häuptlinge debattierten so lange, so die Ethnologin Dr. Sylvia Kasprycki, bis sie eine Lösung gefunden hatten, die alle zufriedenstellte.

"Das hat natürlich auch eine kulturelle Wurzel, weil Entscheidungsfindungen bei den Irokesen stets auf der Grundlage von Konsens getroffen worden sind."

Im 18. Jahrhundert mussten sich Weiße und Indianer in Nordost-Amerika noch aneinander anpassen, erläutert die Ethnologin, die in Bonn jetzt die wohl weltweit erste große Irokesen-Ausstellung betreut. Die Macht war noch nicht so ungleich verteilt wie später bei der Eroberung des amerikanischen Westens, als die einheimischen Völker von der gierigen weißen Zivilisation überrollt wurden. Gut 150 Jahre lang kontrollierten die Irokesen das Tal des Sankt-Lorenz-Stroms im östlichen Kanada und die endlosen Wälder und Seen im heutigen US-Staat New York. Den Holländern, Franzosen und Briten, die an der Ostküste des Kontinents Kolonien gründeten, leisteten sie erfolgreich Widerstand, weil sie …

"… aufgrund der Gründung ihrer Konföderation eine so starke militärische wie auch diplomatische Position eingenommen haben, dass es ihnen gelungen ist, bis zur Zeit der amerikanischen Revolution die Kolonialmächte zu ihrem Vorteil gegeneinander auszuspielen."

Ihre Macht beruhte auf dem Bund der Fünf Nationen, den sie vermutlich im 15. Jahrhundert geschlossen haben - schon bevor mit der Landung von Christoph Kolumbus der Untergang der alten amerikanischen Kulturen begann. Die Mohwak, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca beendeten so ihre Bruderkriege um Ackerland und Jagdgebiete. Danach forderten die Fünf Nationen die anderen Stämme der irokesischen Sprachfamilie, ja alle anderen Völker auf, ihrem Bund beizutreten:

"Das Angebot der Irokesen ist immer das gewesen: Kommt zu uns, schließt Euch uns an, unter den Ästen unseres Friedensbaums könnt Ihr Platz nehmen, solange Ihr unsere Gesetze und unsere Oberhoheit anerkennt."

Nur die Tuscarora nahmen das Angebot an und wurden die sechste Nation des Bundes. Der "Große Friedensvertrag", wie Irokesen ihn heute nennen, beeindruckte dennoch zahllose Denker und Dichter diesseits und jenseits des Atlantiks. Der deutsche Gelehrte Johann Gottfried Herder beschrieb ihn als Versuch, den ewigen Frieden zu begründen, von dem im Europa der Aufklärung viele träumten. Herder erkannte aber, dass die irokesische Lösung scheiterte. Andere rühmten den Vertrag als selbstlosen Friedensbund, obwohl er an eine klare Bedingung geknüpft war.

"Sofern andere sich geweigert haben, diese Oberhoheit der Irokesen anzuerkennen, dann gings auch mit Krieg los."

Vor allem Irokesen bezeichnen den Bund der Fünf Nationen heute oft als Vorläufer der föderalistischen Verfassung, in der sich 1787 elf unabhängige Bundesstaaten zu den USA zusammenschlossen. Doch die Grundzüge der US-Konstitution gehen vor allem auf britische und französische Philosophen zurück. Sie sieht auch keine Entscheidungen auf Basis eines Konsens vor, sondern nach dem Mehrheitsprinzip. Und der Häuptlingsrat der Irokesenliga setzte sich nicht demokratisch zusammen. Er wurde konstituiert, erläutert der Ethnologe Christian Feest:

"Indem 50 Erbhäuptlinge zum Zeitpunkt der Gründung der Liga aus politischen Gründen ausgewählt wurden, das heißt, dass die fünf Stämme nicht nach der Personen-Stärke oder der Zahl ihre Klane repräsentiert waren, sondern aufgrund politischer Erwägungen, wen man gebraucht hat. Aber diese 50 Erbhäuptlingsämter sind unveränderlich, und auch als die Tuscarora der Liga beigetreten sind, hat man ihnen keine neuen Häuptlinge eingeräumt, sondern sie sind ohne Häuptlinge im Ligarat Mitglied geworden."

Feest, ehemals Professor in Frankfurt am Main, hat sich auf die Kultur der Irokesen spezialisiert. Ihr politisches System hatte feudalistische Züge, sagt er, denn die Häuptlingsämter wurden innerhalb bestimmter Abstammungslinien vererbt.

"Erblich heißt, dass dieser Linie der Titel zusteht. Welche Person in dieser Linie den Titel ausfüllt, wird freilich bestimmt von der Matrone als der Rang ältesten Frau dieser Linie."

Die Frauen spielten eine wichtige Rolle in der irokesischen Gesellschaft. Das hat die Europäer schon frühzeitig beeindruckt. Joseph Francois Lafitau, Missionar und früher Chronist indigener Kulturen in der Neuen Welt, schrieb zu Beginn des 18. Jahrhunderts:

"Ist doch nichts gewisser als dieser herrschaftliche Vorzug der Weiber. Denn auf den Weibern beruhte eigentlich die Nation, das adlige Herkommen, der Stammbaum, die Geschlechtsordnung und die Erhaltung der Familien."

Manche Europäer haben daraus geschlossen, bei den Fünf Nationen hätten die Frauen die Herrschaft ausgeübt. Das Matriarchat der Irokesen ist zu einem Mythos geworden, der sich lange gehalten hat.

Tatsächlich definierten die irokesischen Klans ihre Abstammung nicht durch den Vater, sondern aufgrund der mütterlichen Linie. Und jeweils die älteste Frau bestimmte, wer einen Klan im Rat der Häuptlinge repräsentieren sollte. Sie konnte ihn wenn nötig auch absetzen. Dieser matrilinearen Abstammungsrechnung entsprechend zog der Ehemann in das Haus, das seiner Frau und ihrer Mutter gehörte. Doch die Häuptlinge waren immer Männer.

"Das Ganze beruht im Grunde auf einer geschlechtlichen Arbeitsteilung bei den Irokesen, wo insbesondere der häusliche und der dörfliche Bereich den Frauen obliegt, während der Bereich außerhalb, der Wald, die Fremde, der Krieg, das Übernatürliche weitgehend, eine Frage der Männer ist. Und die Frauen sind die bestimmenden Personen in den Haushalten, aber auch im Dorf, weil die Männer eben auch viel unterwegs waren. Wenn die Krieg führten und über den Mississippi oder in die Südstaaten gingen, sind sie jahrelang nicht da gewesen, selbst auf Jagdzügen waren die monatelang weg."

Folglich bebauten die Frauen die Felder, zogen vor allem Mais, Kürbis und Bohnen, die "drei Schwestern" der irokesischen Mythologie, und hatten Besitzrechte an ihrem Land. Für europäische Verhältnisse spielten sie eine erstaunlich einflussreiche, emanzipierte Rolle. Viele Frauenrechtlerinnen und Feministinnen haben sich denn auch auf das Vorbild der Irokesinnen berufen.

Die Nutzung der Felder begründete keine Eigentumsrechte: Eigentum an Grund und Boden war unbekannt, das Land stand grundsätzlich allen Stammesmitgliedern zu, denn es gehörte den Schöpfern der Welt, dem Brüderpaar "Himmelsträger" und "Feuerstein".

Die Religion der Irokesen näherte sich unter weißem Einfluss dem christlichen Monotheismus an, doch ursprünglich betrachteten sie die ganze Welt um sie herum wie Personen: Bäume, Jagdwild, bestimmte Steine sahen sie als Lebewesen mit eigener Seele und eigenem Willen an.

"Auch das, was rund herum war, war beseelt und waren Personen, mit denen man sich auseinandersetzte, wie es im sozialen Verhältnis, in der Gesellschaft üblich war. Das heißt, bestimmte Formen des Respekts, das Geben von Gaben, in der Erwartung, für eine Gabe eine Gegengabe zu erhalten. Das ist eigentlich der Kern, diese Personen-Natur der Welt."

Alles, was man tat, berührte immer auch die nicht-menschlichen Lebewesen. Man musste sich mit ihren Bedürfnissen, die den Absichten der Menschen zuwiderlaufen konnten, auseinandersetzen. Den Zugang dazu eröffneten die Träume: In Träumen erkannten die Irokesen den Willen der Bäume, Rehe oder Steine und auch die untergründigen Sehnsüchte der eigenen Seele. Die Traumdeutung spielte daher eine wichtige Rolle: Was geträumt wurde, musste in Erfüllung gehen.

"Die Praxis war, wenn jemand einen Traum hat, der ihn bewegt hat, dass die Mitglieder dieser Gemeinschaft diesen Traum erraten und erfüllen mussten. Das heißt - das waren extreme Fälle -, wenn jemand geträumt hat, dass er zum Kannibalen wird und Menschen isst, dann musste man irgendwie schauen, das zumindest symbolisch zu erfüllen – auch wenn man das nicht wörtlich erfüllen konnte, musste man es symbolisch erfüllen."

Auch eine andere viel zitierte Eigenart der Irokesen lässt sich als Kommunikation mit den nicht-menschlichen Kräften der Welt verstehen: ihre gefürchtete Grausamkeit. Pater Joseph Francois Lafitau:

"Die Irokesen, welche den Franzosen durch die Menge derer, die sie durch abscheuliche Marter ums Leben gebracht, so fürchterlich geworden, haben sich hierin noch einen übleren Ruf als alle Völker erworben. In eben diesem Ruf stehen sie auch bei den anderen Wilden."

Sie waren nicht nur grausam gegen andere, sie quälten sich auch selbst, etwa durch lange Perioden des Fastens. Der Ethnologe Feest glaubt, dass sie das Mitleid und die Hilfe nicht-menschlicher Lebewesen erzwingen wollten, damit sie ihnen magische Kräfte verliehen. Ähnlich beim Martern ihrer Gefangenen:

"Es gibt ja diese Berichte auch, wie die Leute, die am Marterpfahl der Irokesen stehen, dort lachen und singen und die Irokesen wollten das auch, dass die nicht dort weinen, sondern die mussten Kraft zeigen und Mut zeigen und für die war das auch eine Erfüllung, die sind aufgewachsen mit der Idee, dass sie im Krieg sterben. Und da war noch mal der Punkt gekommen, dass sie zeigen, was sie können. Und das war etwas, wovon sowohl die Sterbenden Mut und Tröstung bezogen haben, als auch die Irokesen als die Marterer Kraft empfangen haben."

Die Macht der Irokesenliga zerbrach im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Ende des 18. Jahrhunderts. Erstmals konnte sich der Häuptlingsrat nicht auf eine gemeinsame Politik einigen. Aufgrund alter Verbundenheit unterstützten die meisten Völker die Briten. Nach dem Sieg der Amerikaner büßten sie ihr Land ein und emigrierten großenteils ins britische Kanada. Die sechs Nationen waren gespalten, spielten politisch keine Rolle mehr und gerieten in Vergessenheit. Die Expansion nach Westen lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Reitervölker der Großen Ebenen, die zum Inbegriff der "Indianer" wurden.

Die Völker der Liga existieren bis heute. Sie kämpfen um Wohlstand, Souveränität und Anerkennung ihres Anteils an Kultur und Politik Amerikas. In den Wissenschaften werden sie seit einigen Jahren stärker beachtet, denn ein neuer Trend hat sich in der Ethnologie, der Geschichtsschreibung, den Literaturwissenschaften durchgesetzt – im Grunde in allen Fächern, die mit Kulturen indigener, nicht-westlicher Völker zu tun haben: die "post-koloniale" Sichtweise. Hartmut Lutz, Professor für Native American Studies in Greifswald:

"Post-Kolonial bedeutet für mich, dass wir als Europäer uns unserer kolonialen Privilegiertheit, aber auch unserer kolonialen Verblendung bewusst werden. Und dass wir endlich das tun, was indianische Intellektuelle seit Jahren fordern, nämlich dass wir zuhören."

Das Überlegenheitsgefühl der Europäer gegenüber ihren ehemaligen Kolonien hat sich auch ins wissenschaftliche Denken tief eingegraben. Ziel ist nun, den Eurozentrismus endlich aufzubrechen und die Blickrichtung umzukehren: Betrachtet Europa als Provinz und die ehemaligen Kolonien als geistige Zentren! So erinnert im Ausstellungskatalog der Bundeskunsthalle der Irokese Douglas George-Kanentiio daran, dass es mit der Demokratie in Europa vor dem 20. Jahrhundert nicht weit her war. Er verweist auf die Millionen Auswanderer, die aus dem Elend der Alten Welt flohen, und fährt fort:

"In unserem Irokesen-Territorium fanden sie die Freiheit, nach der sie sich so sehr gesehnt hatten. Die Irokesen waren eine der wenigen Nationen auf der Erde, die sich an eine Verfassung hielten, die die freie Rede ebenso unter ihren Schutz stellten wie die religiöse Toleranz, die Volksversammlung und das Recht der Bürger, nicht nur an der Regierung teilzuhaben, sondern auch eine von deren Politik abweichende Meinung zu vertreten."

Eine überraschende Sicht der Verfassung der sechs Nationen. Die Debatte über Deutungen und Fehldeutungen der lange fast vergessenen irokesischen Kultur ist offensichtlich noch nicht abgeschlossen.

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