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StartseiteUmwelt und VerbraucherSchwindel, Atemnot und kranke Pflanzen12.09.2011

Schwindel, Atemnot und kranke Pflanzen

Verlieren Clomazone-haltige Unkrautvernichter ihre Zulassung?

Pestizide mit dem chlorophyllhemmenden Wirkstoff Clomazone können Gesundheitsbeschwerden und Ernteausfälle bewirken. Nun soll die Zulassung des Unkrautvernichters ausgesetzt werden. Doch die Herstellerfirmen Syngenta und BASF verzögern die Entscheidung.

Von Verena Kemna

Clomazonehaltige Unkrautvernichter dürfen bis auf Weiteres verkauft und angewandt werden. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Clomazonehaltige Unkrautvernichter dürfen bis auf Weiteres verkauft und angewandt werden. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Unzählige Pflanzenschutzmittel enthalten Clomazone. Ein Unkrautvernichter, der verhindert, dass die Pflanzen Chlorophyll bilden können, sodass sich grüne Pflanzenteile weiß verfärben. Winterraps, Ackerbohne, Futtererbse, Möhre, Gemüsefenchel und Blumenkohl sind nur einige der Ackerfrüchte, die üblicherweise mit dem Unkrautvernichter besprüht werden. Die Gefahren für Nachbarflächen sind vielfältig. Der Wind kann Bestandteile übertragen. Bei höheren Außentemperaturen wird der Wirkstoff gasförmig und verflüchtigt sich. All das sei den Zulassungsbehörden seit Langem bekannt, erklärt Carina Weber, Geschäftsführerin vom Pestizid-Aktions Netzwerk PAN.

"Also die Zulassungsbehörde hat ja Sicherheitsstandards auferlegt, um Mensch und Umwelt zu schützen. Das heißt, die Gefahren sind nicht neu und schon im September 2001 gab es bereits dort in der Region, wo jetzt die Probleme aufgetreten sind, in Mecklenburg-Vorpommern, Gesundheitsbeschwerden und Ernteausfälle durch Pestizide mit dem Wirkstoff Clomazone."

Das Szenario scheint sich zu wiederholen. Obwohl Mischungsverhältnis, Tagestemperatur und der Abstand zu benachbarten Kulturflächen genau geregelt sind, haben Anwohner im Landkreis Vorpommern-Greifswald unmittelbar nach der Rapsaussaat über Schwindel und Atemnot geklagt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat daraufhin ein Ruhen der Zulassung angeordnet. Doch der Widerspruch von Firmen wie Syngenta und BASF hat aufschiebende Wirkung. Das bedeutet, die clomazonehaltigen Unkrautvernichter dürfen bis auf Weiteres verkauft und angewandt werden. Die Bundesregierung müsste die Zulassungsbehörden besser unterstützen, fordert PAN-Geschäftsführerin Carina Weber.

"Damit die Behörden sich gegen die Interessen multinationaler Konzerne auch tatsächlich durchsetzen können. Denn zu den Vertreibern clomazonehaltiger Pestizide gehören die Weltmarktführer der Pestizidindustrie."

Wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland fordert auch das Pestizid-Aktions Netzwerk PAN ein Verbot von Clomazonen, doch Carina Weber bleibt skeptisch.

"Wir sehen hier wieder, dass dieser Versuch durch Auflagen, die Auswirkungen gefährlicher Pestizide gewissermaßen zu bändigen, dass das immer wieder nicht funktioniert."

Hans-Gerd Nolting, beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, zuständig für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, fühlt sich dagegen keineswegs von der Bundesregierung im Stich gelassen.

"Die Entscheidung werden wir fällen und die können wir auch ohne jegliche Einflussnahme von außen fällen."

In den nächsten zwei Wochen werde das BVL Stellungnahmen der zuständigen Firmen, des Bundesamts für Risikobewertung sowie der Landesbehörden in Mecklenburg-Vorpommern prüfen. Nach bisherigen Erkenntnissen seien Pflanzen auf Nachbarflächen in der Vergangenheit nicht nachhaltig geschädigt worden. Hans-Gerd Nolting räumt ein, dass die Anwohner in Klein Jasedow hätten bereits vor zehn Jahren schon einmal über gesundheitliche Beschwerden geklagt haben.

"Da heißt es unter anderem, dass man sich durch die Pflanzenschutzmittel, die in der Nachbarschaft ausgebracht worden sind, unwohl fühlt, Kinder seien häufig krank. Es soll Beeinträchtigungen der Lebensqualität geben, psychische Beeinträchtigungen, Depressivität."

Symptome, die sich durch die Toxizität der Pestizide nicht erklären ließen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit werde die Zuordnung der Symptome eingehend prüfen und dann entscheiden. Fest steht schon jetzt, dass die Sicherheitsabstände zu Nachbarkulturen von derzeit fünf Metern erweitert werden, um Blattverfärbungen in Nachbargärten zu verhindern.

"Also hier wird es sicherlich Änderungen geben, ob das bis zu einem Widerruf der Zulassungen führt, das kann ich heute noch nicht abschätzen, aber das wird in den nächsten 14 Tagen entschieden werden."

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