Samstag, 16.10.2021
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteEuropa heuteLeben wie ein Mann, um frei zu sein15.04.2020

"Schwurjungfrauen" in AlbanienLeben wie ein Mann, um frei zu sein

Im Dorf Lepush in den Bergen Nordalbanien dürfen Frauen nicht viel. Das mündlich tradierte Gewohnheitsrecht "Kanun" setzt ihrer Freiheit enge Grenzen. Die 55-jährige Duni hat sich daher entschieden, als "Schwurjungfrau" zu leben - ehelos, aber dafür mit allen Vorrechten eines Mannes.

Von Leila Knüppel

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine der letzten "Schwurjungfrauen" Albaniens, Duni Grishaj, beim Holzhacken (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
Duni Grishaj beim Holzhacken (Deutschlandradio / Leila Knüppel)
Mehr zum Thema

Frauen im Hinduismus "Hundert Söhne sollst du haben"

Keine Mädchen, keine Zukunft

Frauen in Peru Machismo, Misshandlung, Mord

Breitbeinig lässt Duni Grishaj die Axt niedersausen, spaltet ein Holzscheit. Sie trägt Gummistiefel, Arbeitshosen, einen alten Fleece-Pullover. Ihre weißen Haare trägt sie kurz.

"Auch im Tod werde ich noch Männerkleidung tragen. Ich habe nie Frauensachen angezogen. Nur einmal, zur Beerdigung meiner Mutter habe ich mir ein schwarzes Kopftuch umgebunden. Nie habe ich ein Kleid angehabt."

Wie aus der Frau Gjystina der Mann Duni wurde

Holz hacken - Männerarbeit sei dies, heißt es hier oben in den Bergen Albaniens.

"Wenn man nicht arbeitet, wird der Körper schwach."

Die Arbeit halte fit, meint Duni, lässt die Axt niedersausen. Das Holz teilt sich in zwei Hälften, so endgültig, wie Duni einst die Entscheidung ihres Lebens getroffen hat: Damals wurde aus der jungen Frau Gjystina der Mann Duni.

"Ich hatte mich dazu entschlossen, weil mich meine Mutter und meine ältere Schwester verheiraten wollten. Ich war aber schon immer eher wie ein Junge. Sie wollten mich zwingen zu heiraten. Das wollte ich nicht. Damals war ich 23 Jahre alt. Als ich mich entschieden hatte, hab ich gesagt: genug. Sie wollten unbedingt, dass ich heirate. Aber ich habe das nicht akzeptiert. Ich war immer mutig. Das ganze Dorf respektiert mich."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Mädchen unerwünscht - Geschlechterrollen in Albanien".

Duni beschloss, eine Burrnesha zu werden, ein Schwurjungfrau. Eine alte Tradition in den Bergen im Norden Albaniens: Ohne jedes Zeremoniell oder eine Geschlechtsumwandlung schlüpfen Burrneshas in die Rolle eines Mannes, erhalten fast alle Privilegien, die Männer besitzen. Dafür dürfen sie nicht heiraten, bleiben Jungfrauen.

"Ich habe mein Leben meiner Familie geopfert. Mein Vater war ein bekannter Lehrer hier im Dorf. Er war herzkrank und ist gestorben, als meine Geschwister noch jung waren. Wir waren vier Schwestern und zwei Brüder. Der älteste Bruder war krank und starb dann, also habe ich begonnen, mich um die Familie zu kümmern. Das waren andere Zeiten."

Jemand musste Familienoberhaupt sein

Der jüngere Bruder war noch zu klein, um Familienoberhaupt zu sein. Eine Aufgabe, die der albanischen Tradition nach nur Männern zusteht. Als Schwurjungfrau konnte Duni die Rolle übernehmen.

"Die Leute haben mich respektiert und ich habe hart gearbeitet, mein Leben lang. Nun bin ich 55 Jahre alt und mir tun die Knochen weh, wegen der harten Arbeit hier im Dorf."

Duni legt die Axt weg, stapelt die Holzscheite und geht mit schwerfälligem Gang zum Haus. Es ist eines der größten Gebäude in diesem kleinen, abgelegenen Dorf Lepush, in dem nicht einmal 100 Menschen leben.

Die Fassade des Hauses ist neu, ein Schild weist darauf hin, dass Touristen hier übernachten können.

"So war mein Leben ein freies Leben"

Duni hat ihre Familie gut geführt, dafür gesorgt, dass das Haus ausgebaut wird, ihre Geschwister eine Ausbildung bekommen. Auch wenn ihre Familie mit ihrer Entscheidung, eine Burrnesha zu werden, nicht einverstanden war.

"Als ich ihnen gesagt habe, dass ich nicht heiraten werde, haben sie das sehr schlecht aufgenommen. Aber für mich war das kein Problem, weil mein Leben so ein freies Leben war. Menschen müssen frei sein. Wenn man nicht heiraten möchte, warum sollte man das tun? Ich habe immer für mich selbst Entscheidungen getroffen und niemand hat gewagt, sie in Frage zu stellen. Ich habe immer gemacht, was ich wollte."

Seid vorsichtig, sagt Duni, sie weist fürsorglich auf die glatten, vereisten Stellen vor dem Hauseingang hin. Unten im Tal blühen schon die Kirschbäume. Hier oben in den albanischen Alpen liegt noch immer Schnee.

Das nordalbanische Bergdorf Lepush (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Das nordalbanische Bergdorf Lepush (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Es ist eine andere Welt hier im Norden. Der Kanun, ein jahrhundertealtes Gewohnheitsrecht, das mündlich weitergegeben wird, hält sich hier noch genauso hartnäckig wie der Schnee, der die Bergdörfer monatelang von der Außenwelt abschneidet.

"Der Kanun hat viele Regeln und stellt den Mann über die Frau. Burrneshas haben die gleichen Rechte wie Männer."

Die Tradition sieht eine Frau als "Schlauch, der Kinder gebärt"

Duni streift sich die Gummistiefel ab, führt ihren Besuch in das große geräumige Wohnzimmer, schenkt selbstgebrannten Raki ein.

"Ja, ich werde wie ein Mann respektiert. Ich habe die Gäste im Haus empfangen, mit ihnen Raki getrunken. Jetzt ist mein Bruder erwachsen und ich mache das nicht mehr so oft."

Duni lebt hier mit der Familie ihres Bruders. Ihre Schwägerin schaut nur kurz ins Wohnzimmer hinein, verschwindet dann.

Frauen sei es den alten Traditionen nach nicht erlaubt, Gäste zu empfangen, sagt Duni. Und auch sonst dürfen sie kaum etwas ohne die Einwilligung des Ehemannes. Der Kanun sieht sie nicht als Menschen, sondern als, "Schlauch, der Kinder gebärt".

"Frauen sind hier nur zum Arbeiten da. Sie werden nicht respektiert, niemand hört auf sie. Sie dürfen nicht aus dem Haus. Wenn sie jemand mit einem Mann sieht, gibt es gleich Gerüchte. Ich konnte reisen, in den Norden, den Süden, mit Freunden. Frau oder Mann – für mich ist das egal. Ich respektiere alle Menschen in gleicher Weise."

Nein, verliebt sei sie nie gewesen

Später muss Duni noch die beiden Kühe rausbringen und ihnen Futter geben.

Neben der Kuhweide fließt ein Bächlein, erzählt gluckernd davon, dass der Schnee schmilzt, der Frühling bald kommt.

Selbst hier oben in den Bergen verblassen alte Traditionen allmählich. Mittlerweile gibt es nur noch drei, vier Burrneshas in ganz Albanien. Und einige Frauen im Dorf haben beschlossen, nicht zu heiraten und trotzdem keine Burrnesha zu werden.

Eine der letzten "Schwurjungfrauen" Albaniens, Duni Grishaj, neben ihr eine Kuh (Deutschlandradio / Leila Knüppel)Duni würde sich heute wieder so entscheiden, sagt sie (Deutschlandradio / Leila Knüppel)

Hätte Duni heute die Wahl, würde sie trotz allem die gleiche Entscheidung noch einmal treffen. Auch wenn dies bedeutet, sich nie auf einen Mann einzulassen.

"Ich würde eine Burrnesha werden, weil man dann von jedem respektiert wird. Es gibt zwar viele unverheiratete Frauen. Hier im Dorf fünf, sechs. Aber sie werden nicht wie ich respektiert. Kein bisschen."

Ob sie denn niemals verliebt gewesen sei? – Nein, niemals, antwortet Duni schroff. Fast zu schroff, als dass man ihr die Antwort glauben könnte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk