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StartseiteTag für TagUnerwünschte Nachbarn23.09.2019

Scientology in Frankreich Unerwünschte Nachbarn

Im Pariser Vorort Saint-Denis protestieren Anwohnerinnen und Anwohner gegen Scientology. Befürchtet wird, dass sich die Organisation dort ansiedelt und eines ihrer Vorzeigezentren errichtet. In Frankreich nennt sich Scientology zwar Kirche, wird jedoch als Sekte eingestuft.

Von Margit Hillmann

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Die ehemalige Clearwater Bank in Florida, heute Teil der Scientology Church (AFP/Paul J. Richards)
Die ehemalige Clearwater Bank in Florida ist heute Teil der Scientology Church. In Saint-Denis möchten die Anwohner nicht, dass die Sekte dort auch Fuß fasst. (AFP/Paul J. Richards)
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Avenue du Président Wilson in der Parier Banlieue Saint-Denis: Die Nummer 220 ist ein wuchtiges, achteckiges Bürogebäude,  rundherum blickdicht verspiegelt. Das Firmenschild vom Samsung-Konzern, der hier vorher seinen französischen Sitz hatte, ist abgehängt. Bald sollen Logos einer anderen Branche die Gebäudefassade zieren: Der Großbuchstabe S  verschlungen mit zwei Dreiecken und ein Kreuz mit acht Spitzen – die Symbole der Scientology Church.

"Die wollen hier mit einem über 7000 Quadratmeter großen Supersitz richtig auftrumpfen", sagt Anwohner Antoine Mokrane.

"Die Rede ist von einem gigantischen Kinosaal, einem Auditorium mit über 700 Sitzen, einer öffentliche Bibliothek, Ausstellungsräume, Büros, Fitnesssaal. Es gibt einen Saal, den sie Saal der Reinigung nennen." 

Antoine Mokrane ist Sprecher einer lokalen Bürgerinitiative, die  mobil macht gegen die geplante "Ideale Org".  - Ideale Organisation, so heißen die  üppig ausgestatteten Vorzeige-Center im Scientology-Jargon, die bereits in mehreren Großstädten Europas und rund um den Globus eröffnet wurden. In den USA gilt Scientology als Religionsgemeinschaft, in Frankreich als Sekte.  Die Organisation werde heute wieder unterschätzt, beschwert sich der engagierte Mittdreißiger aus Saint-Denis.  

"Schauspielerstars wie Tom Cruise haben Scientology zu einer  Art Glamour-Image verholfen", kritisiert Mokrane.   

"Weg zum Glücklichsein"

Mokrane und seine Mitstreiter haben eine Online-Petition organisiert: einen Appell an den kommunistischen Bürgermeister von Saint Denis alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Scientology-Sitz in ihrer Stadt zu verhindern. Es sei höchste Zeit, dass die  Politiker Nägel mit Köpfen machen, schimpft der Scientology-Gegner.

"Mitte der 90er wurde die Organisation schon in einem Bericht des französischen Parlaments als gefährliche Sekte eingestuft; 2013 wurde Scientology  von der französischen Justiz wegen bandenmäßig organisierten Betrugs rechtskräftig verurteilt", sagt Mokrane.

Bereits 2017 hatte sich Scientology den Zugriff auf  das Bürogebäude in "La Plaine Saint Denis" gesichert -  dem zweitgrößten Businessviertel im Pariser Raum. Davon erfahren hat die Öffentlichkeit allerdings erst Anfang des Jahres. - Als die französische Presse von der Transaktion Wind bekommen und darüber berichtetet hat:  Dass  das fünfstöckige Gebäude 33 Millionen Euro gekostet habe und dass der Kaufvertrag mit Geheimhaltungsklausel von dem deutschen Unternehmen Warburg HIH Invest mit dem neuen Besitzer abgewickelt wurde: einer Investmentgesellschaft, die ein von Scientology kontrolliertes Unternehmen sei, registriert in Fairfax County im US-Staat Virginia. 

Die Presseberichte passen zu den Beobachtungen, die Anwohner Mokrane und seine Mitstreiter in Saint-Denis gemacht haben. Seit 2017 sei Scientology dort auffällig aktiv. Besonders die weniger bekannte, aber eng mit Scientology bekannte Organisation "Der Weg zum Glücklichsein", die in der Banlieue  auch unter dem Namen  "Plus cool la vie", "Ein cooleres Leben", auftritt,  sagt Antoine Mokrane.

Interviewanfrage geht ins Leere

"Sie verteilen regelmäßig Flyer und Broschüren in den Briefkästen", hat er beobachtet. "Sie haben schon öfter einen Info-Stand vor dem Bahnhof aufgebaut, wo täglich mehrere zehntausend  Pendler ein- und aussteigen. Vereine und Bürgerinitiativen haben sie auch angeschrieben, sogar unsere Initiative: Sie würden gerne Kontakt aufnehmen,  gemeinsam  etwas konstruieren, zusammenzuarbeiten. Alle möglichen Vereine in St-Denis haben diesen Brief gekriegt."

Als Antoine Mokrane nach Bekanntwerden des Immobilienkaufs von Scientology  wissen will, was genau sie denn nun in Saint-Denis vorhaben, stößt er jedoch auf Granit.

"Ich habe versucht, Scientology in Paris und die Leute von ´Plus cool la vie´ in Saint-Denis zu kontaktieren. Aber die haben sich geweigert, mit mir zu  sprechen."

Eine Interviewanfrage des Deutschlandfunks zum Projekt in Saint-Denis lehnt Scientology Frankreich nicht ausdrücklich ab.  Trotz fester Zusage und mehrmaligen Nachhakens ruft die französische Scientology-Pressesprecherin Martine Rhein nie zurück. Und nur sie sei kompetent und befugt, auf Fragen zu antworten, heißt es jedes Mal im Pariser Scientology-Center. 

Während Scientology hartnäckig schweigt, Pläne in Saint-Denis öffentlich weder bestätigt noch dementiert, nimmt das Rathaus der Stadt seit Bekanntwerden der Affäre kein Blatt mehr vor den Mund.

"Die Scientology-Leute sind in Saint Denis nicht willkommen" sagt Rathauspolitiker David Proult,  zuständig für den Städtebau. Das habe man Verkäufer und Käufer der Immobilie auch sofort mitgeteilt, als sie – wie  vorgeschrieben - die Transaktion und  künftige Nutzung des Gebäudes dem Rathaus gemeldet haben.

David Proult: "Sie haben uns prompt geantwortet: Wir hätten gar nicht die Möglichkeit, den Verkauf rückgängig zu machen, weil wir damit gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen würden.  Tatsächlich sind uns nach geltendem Recht die Hände gebunden. Juristisch hätten wir keine Chance den Immobilienverkauf mit der Begründung zu verbieten, dass die Scientology-Kirche der neue Besitzer oder Nutzer ist."

Kein Kreuzzug gegen eine Minderheit

Scientology wird vom französischen Staat nicht als Religion anerkannt, ihr juristischer Status ist der eines eingetragenen Vereins. Darauf beruft sich das Rathaus: Man führe keinen Kreuzzug gegen eine religiöse Minderheit, die Stadt wehre sich gegen eine internationale Organisation mit beträchtlichen finanziellen Mitteln, die auch von französischen Regierungsstellen als gefährliche Sekte klassifiziert werde. Hat sich Scientology erst einmal in Saint-Denis eingerichtet, argumentiert Rathauspolitiker Proult,  werde es schwierig, die Bürger zu schützen. 

"Saint-Denis ist eine Arbeiterstadt. Die meisten Menschen hier leben in bescheidenen Verhältnissen, sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert.  Menschen, die auf ein besseres Leben hoffen. Unsere Stadt ist besonders gefährdet", meint er.

Französische Scientology-Spezialisten und die interministerielle Anti-Sekten-Arbeitsgruppe  - kurz Miviludes -    warnen ebenfalls vor einer heiklen Situation. Scientology könne ihre neue Adresse im Businessviertel von Saint-Denis ausnutzen, um Mitarbeiter der zahlreichen wichtigen Unternehmen zu werben, die dort ihren Sitz haben. Darunter große Banken und Versicherungen, Energie- und Telekommunikationsunternehmen oder auch Film- und Fernsehstudios.

Das Rathaus von Saint-Denis und Stéphane Peu, Parlamentsabgeordnete des Departements Seine-Saint-Denis, haben inzwischen die Regierung in Paris aufgefordert, zu handeln.  Auch sie werfen der Regierung vor, Scientology und das Thema Sekten auf die leichte Schulter zu nehmen.

David Proult: "Wir wollen eine Änderung der aktuellen Gesetzgebung erreichen, die uns ermöglicht gegen Immobilienverkäufe an Sektenorganisationen einzuschreiten. Der Abgeordnete Stéphane Peu hat außerdem in einer Parlamentsanfrage von der Regierung gefordert, dass der deutsche Investmentfond in Frankreich verboten wird, weil er die Immobile wissentlich an die Scientology-Kirche verkauft hat."

Strengste Auflagen

Die Regierung hat bereits ausgeschlossen, die Warburg-HIH Invest abzustrafen. Dafür gäbe es keinerlei rechtliche Grundlage. Ob sie der Forderung nach einer Gesetzesänderung nachkommt, um Immobilienverkäufe an Sekten strenger zu kontrollieren oder verbieten zu können  – darauf will die  Regierung spätestens Ende des Monats antworten. Das Rathaus von Saint-Denis nutzt derweil den kleinen Werkzeugkasten. David Proult:

"Bevor Scientology ihr Gebäude beziehen kann, muss sie erst einmal die städtebaulichen Auflagen erfüllen. Sie braucht eine Baugenehmigung, weil sie das Gebäude umwidmen und umbauen will. Wir werden genau und strengstens darauf achten, dass  die Auflagen erfüllt werden. Das ist normal."

Ein erster Antrag für den Umbau des Gebäudes wurde bereits als nicht konform abgelehnt.  Seit Ende Mai liegt neuer Antrag im Rathaus, der noch geprüft wird. Für den Scientology-Gegner Antoine Mokrane ist das alles ein Eiertanz. Er plädiert für eine radikale Lösung.

"Eigentlich gilt ja das Recht auf Glaubensfreiheit. Aber ich persönlich bin dafür, dass Scientology aus Frankreich verbannt wird, hier sämtliche Rechte verliert."

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