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StartseiteBüchermarktSzenen einer Ehe in West-Virginia13.07.2020

Scott McClanahan: "Sarah"Szenen einer Ehe in West-Virginia

Scott liebt Sarah, und Sarah liebt Scott. Und trotzdem geht mit den beiden am Ende alles schief. Der US-Autor Scott McClanahan macht aus der eigentlich einfachen Geschichte eines Liebesverlusts großes Kino – mit brennenden Bibeln, sehr viel Alkohol und einem blinden Mops als Wahrheitsgenerator.

Von Julia Schröder

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Der US-amerikanische Schriftsteller Scott McClanahan und sein Buch „Sarah“ (Foto: privat, Buchcover: Ars Vivendi Verlag)
Ebenso exzentrisch wie hochtalentiert: Der gerade in den USA gefeierte Kultautor Scott McClanahan (Foto: privat, Buchcover: Ars Vivendi Verlag)

"Ich weiß nur eine Sache übers Leben. Wenn du lang genug lebst, fängst du an, Dinge zu verlieren. Alles wird dir weggenommen: Zuerst verlierst du deine Jugend, dann deine Eltern, und dann verlierst du deine Freunde, und am Ende verlierst du dich selbst."

So beginnt "Sarah", ein Buch, in dem der Autor Scott McClanahan den Verlust seiner Ehefrau und ersten Liebe verarbeitet. Auf den Verlust der Jugend und des eigenen Selbst kommt er freilich auch zu sprechen, und das hat seinen Grund. Wie nicht selten im Boom-Genre der Autofiction, verweist der höchstpersönliche Schlamassel aufs große Ganze, und der Anstrich des Authentischen dient dazu, den Verweischarakter zu verstärken. Allerdings macht dieser Mechanismus des "Mein Leid ist das Leid der Menschheit" dem Leser selten so viel Spaß wie bei Scott McClanahan.

Mit "Sarah" setzt der US-amerikanische Schriftsteller die Reihe seiner Erzählungen und Romane fort, die vor dem Hintergrund des kleinstädtischen, halbländlichen West-Virginia spielen. Sein West-Virginia besteht hauptsächlich aus Highways, Supermarktparkplätzen, ranzigen Partykellern und Hamburger-Läden, und hier leben Menschen im Windschatten der vom Tagebau ausgeplünderten Appalachen und der medialen Aufmerksamkeit.

Ein Autor vom Range Knut Hamsuns oder Peter Handkes

"The Sarah Book", so der Originaltitel, ist bereits der dritte Roman des 42-jährigen McClanahan, aber der erste, der in deutscher Übersetzung erscheint. Einiges deutet darauf hin, dass wir demnächst mehr von ihm auf Deutsch zu lesen bekommen.

Es ist nämlich kein Geringerer als der österreichische Erfolgsautor Clemens Setz, der diese sehr zum Österreichischen tendierende und leider nicht fehlerfreie Übersetzung besorgt hat. Setz und andere Schriftstellerkollegen vergleichen Scott McClanahan schon mit den ganz Großen seiner Zunft. Mit dem jungen Peter Handke etwa, mit Knut Hamsun oder auch mit McClanahans Landsmann Denis Johnson.

Wie stichhaltig das ist, mögen künftige Komparatisten-Generationen klären. Dass es sich bei Scott McClanahan, der auf dem Autorenporträt in rosafarbenem Plüsch-Onesie vor einer schraddeligen Gartenhütte posiert, um einen herausragenden Autor handelt, ist allerdings nicht zu übersehen. Zwar erinnern die ersten Sätze seines Sarah-Buchs, die über das Leben und das Verlieren, bei genauerer Betrachtung an einen wehleidigen Songtext, gleich anschließend aber zeigt er, dass er auch ganz andere Tonfälle beherrscht:

"Ich war der beste betrunkene Autofahrer der Welt. Ich war schon jahrelang in Übung."

Scott McClanahan – der Ich-Erzähler ist mit dem Autor weitgehend identisch – erzählt dann, wie er im Rausch mit 120 Kilometern pro Stunde Stoppschilder und rote Ampeln missachtet und auf den blauen Himmel und die purpurne Erhabenheit der Berge zufährt. Alles ist großartig, bis, ja bis …

"Ich hörte Radio und suchte nach einer CD und fühlte mich wie sonst nie. Ich fühlte mich ruhig, ich fühlte mich glühend, und unsichtbar. Dann hörte ich Iris.
,Oh Gott, Scheiße‘, sagte ich. Ich hatte die Kinder vergessen. Ich wandte mich um und da, auf dem Rücksitz, waren mein Sohn Sam und meine Tochter Iris. Die ganze Zeit passierte mir so saudummer Scheiß (…)"

Der Erzähler ist ein Nichtsnutz, aber verdammt sympathisch

Wobei dem verantwortungslosen Vater der "saudumme Scheiß" eben nicht einfach bloß "passiert". Nein, der Mann legt es vielmehr geradezu darauf an, Mist zu bauen – befeuert von seinem übermäßigen, wie nur er glaubt: heimlichen Alkoholkonsum.

Während seine Ehefrau Sarah als Nachtschwester in einem Krankenhaus Patienten sterben sieht, steckt er daheim zusammen mit einem Kumpel kichernd ihre Hochzeitsbibel in Brand. Kurz gesagt: Der Mittdreißiger und College-Dozent Scott benimmt sich wie ein Spielkalb. Oder besser: Wie der noch ziemlich pubertäre 19-Jährige, der er war, als er zum ersten Mal mit der fünf Jahre älteren Sarah ausgegangen ist.

Kurz nach der Geburt des zweiten Kindes hat Sarah dann genug von seinen Sperenzchen und will die Scheidung. Und nachdem Scott erzwungenermaßen aus dem Familienbungalow ausgezogen ist, wird alles noch schlimmer: Erfüllt von liebeskrankem Trotz campiert er im Auto auf dem Walmart-Parkplatz und versucht, sich mit Kinder-Paracetamol umzubringen. Dabei liebt er Sarah weiterhin wahnsinnig, und auch Sarah hört nicht auf, ihn zu lieben. Obwohl von ihren eigenen Dämonen geplagt, bedenkt sie ihren Ex mit nachsichtiger Fürsorge. Nur zusammenleben kann sie mit ihm nicht mehr.

Mosaik aus den Scherben einer großen Liebe

Eine Beziehung wie die von Sarah und Scott wird heutzutage als "toxisch" bezeichnet. Um diese Sorte sozialpädagogischer Begriffsbildung jedoch schert McClanahan sich wenig. Das Scheitern seiner Ehe hat ihn zu einer punkig-poetischen Prosa inspiriert, die sich ihrem Gegenstand scheinbar ganz unmittelbar, tatsächlich aber mit großem Raffinement nähert. In kleinen bis kleinsten, zeitlich verschachtelten Kapiteln breitet er die Scherben seiner großen Liebe aus und fügt sie zu einem ziemlich rauen Mosaik zusammen. Bewährte Erzählkonventionen verschmäht McClanahan dabei weitgehend. Die Titelfigur des Buchs, Sarah, bekommt fast ausschließlich in Dialogpassagen Kontur, in den Sätzen, die sie sagt. Einmal setzt Scott zu einer klassischen Beschreibung seiner Ex-Frau an – und gewinnt noch aus deren Misslingen eine Pointe:

"Sie trug einen schwarzen Rollkragenpullover und Strumpfhosen unter einem schwarzen Rock und schwarze Stiefel, die bis zu ihren Knien reichten. Sie sah wie eine Zeichentrickfigur aus und sie hatte diese riesigen, also riesig-riesigen braunen Augen. Ihre Nase war klein und ihr Mund war winzig, im Grunde nur ein Punkt. Und der Punkt kräuselte sich seitlich in so ein stirnrunzeliges Etwas, aber scheiß auf Beschreibungen."

Die Tiefe müsse man an der Oberfläche verstecken, hat Hugo von Hofmannsthal vor hundert Jahren als Devise des modernen Künstlers ausgegeben. Genau dies tut Scott McClanahan in vielen Episoden seiner Erzählrevue. So bringt Sarah irgendwann - sehr zum Missvergnügen ihres Mannes - einen steinalten, räudigen und praktisch blinden Mops mit heim, der gegen die Wände rennt, überall hinpinkelt und erbärmlich stinkt. Ausgerechnet diese Zumutung von Hund muss Scott in eisiger Winternacht aus einer Schneewehe im Garten retten – und erfährt dabei etwas Wichtiges über sich selbst:

"Ich sagte: ,Warum willst du hier bei uns bleiben, Mr King?‘
Und Mr King antwortete: ,Weil ihr nett zu hilflosen Geschöpfen seid.‘
Also saß ich mit ihm und wischte den Schnee aus seinem Fell und sagte ihm, er könne natürlich bleiben. (…) Dann setzte ich mich hin und sah ihm dabei zu, wie er gegen die Wände rannte. Er knallte mit dem Kopf gegen die Couch und später sah ich, wie er sich am Sessel stieß. Ich sagte ihm, dass er eine Metapher für mein Leben war. Ich sagte, er sei so hilflos und blind, und dann sagte ich ihm, dass auch ich ein hilfloses Geschöpf war."

Ein Ex-Ehemann am Rande des Nervenzusammenbruchs  

Gemeinhin gelten das Erhabene, das Vulgäre, das Kitschige und das Kluge als unvereinbar. Der Autor Scott McClanahan macht daraus eine sehr spezielle Mischung. Er nutzt sie als Werkzeuge. Etwa so, wie Zahnzange, Handbohrer und Elektrodenklemme von versierten Folterknechten genutzt werden: um möglichst effektiv dort anzusetzen, wo der Leser am empfindlichsten ist. - Wie man es eben so macht, wenn es um alles geht. Bei McClanahan ist das Scheitern in Liebe und Ehe letztlich nur Begleiterscheinung und Sinnbild menschlicher Einsamkeit schlechthin, der Vorschein des großen Verlusts, auf den jedes Leben hinausläuft.

Scott McClanahan: "Sarah"
aus dem Amerikanischen von Clemens J. Setz
Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg. 206 Seiten, 22 Euro. 

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