Seegraswiesen
Der grüne Schatz am Meeresboden

Seegraswiesen sind Kläranlage, Küstenbollwerk, Fisch-Kindergarten in einem. Doch die schrumpfen global – mit gravierenden Folgen und Kosten in Milliardenwert. Was lässt sich dagegen tun?

    Dichte Seegraswiese von Neptunsgras unter Wasser mit kleinen Fischen
    Die Seegraswiesen schwinden schneller, als man sie wiederherstellen könnte (picture alliance / imageBROKER / Rolf von Riedmatten)
    Seegraswiesen erfüllen wichtige Funktionen im Ökosystem. Doch jedes Jahr gehen weltweit große Bestände verloren, mit Folgen für Artenvielfalt und Klima. Es reicht nicht, neue Seegraswiesen anzupflanzen oder bestehende besser zu schützen, sagen manche Experten. Man müsse den Wert der Natur in unserem Wirtschaftssystem endlich sichtbar machen. Wirtschaftlich betrachtet erbringen Seegraswiesen „Dienstleistungen“, die einem Vermögen von einigen Milliarden Euro entsprechen.

    Inhalt

    1. Bindung von Kohlenstoff
    2. Mehr Fische
    3. Eine große grüne Kläranlage
    4. Küstenschutz und Wasserqualität

    Was sind die Ursachen für Seegrasverlust?

    Jedes Jahr gehen weltweit sieben Prozent der Seegraswiesen verloren. In Dänemark sind seit dem Beginn der Industrialisierung etwa zwei Drittel der Seegraswiesen verschwunden. Die Hauptursache dafür sind Nährstoffeinträge vom Land (Eutrophierung), die zu Algenblüten führen, das Wasser trüben und so weniger Licht durchlassen. Auch lagern sich fadenförmige Algen auf Seegräsern ab, die die Fotosynthese einschränken. Dazu kommt die Klimaerwärmung: Bei einer Wassertemperatur von über 25 Grad kann Seegras nur schwer überleben.
    Auch in der deutschen Ostsee gab es große Verluste. In den letzten Jahrzehnten sind allein in Schleswig-Holstein Zehntausende Hektar verschwunden. Doch der Abwärtstrend konnte zuletzt gestoppt werden. Ein erster Erfolg, aber ein sehr kleiner, sagt Thorsten Reusch, Leiter des Forschungsbereichs „Marine Ökologie“ am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Zwar wird Seegras wieder angepflanzt, aber das ist mühsam, zeitaufwendig und reicht nicht aus, um den Verlust auszugleichen.

    Welchen Nutzen haben Seegraswiesen?

    1. Bindung von Kohlenstoff

    Die Pflanzen speichern Kohlenstoff in ihren Wurzeln und entziehen so dem Wasser beziehungsweise der Atmosphäre nach und nach CO2. In den dicken Wurzelmatten von alten Seegraswiesen haben sich auf diese Weise über die Jahrzehnte große Mengen an Kohlenstoff angesammelt. Weltweit lagern dort schätzungsweise über vier Gigatonnen – ähnlich viel wie in Wäldern. Wer Seegraswiesen zerstört, verursacht dadurch also CO2-Emissionen – vor allem bei alten Wiesen mit dichtem Wurzelwerk.

    2. Mehr Fische

    Seegraswiesen bieten Verstecke für unzählige Lebewesen, vor allem für kleine Fische und Jungfische. In den Blättern laichen Heringe. Dorsche und Plattfische nutzen sie als Kinderstube. Im Boden leben viele Muscheln, Schnecken und Krebse. Gerade in der Ostsee, wo die Bestände von Dorsch und Hering eingebrochen sind und viele Tiere unter Sauerstoffmangel und Erwärmung leiden, können gesunde Seegraswiesen dem Abwärtstrend entgegenwirken.
    Die Veränderungen bringen das Gleichgewicht des Ökosystems durcheinander: Normalerweise würden Seegraswiesen den Dorschnachwuchs fördern, die Dorsche würden viele Strandkrabben wegfressen und so wieder die Seegraswiesen fördern. Weil aber sowohl die Dorschbestände als auch die Seegraswiesen zurückgehen, vermehren sich die Strandkrabben an der schwedischen Küste extrem – und schneiden das Seegras mit ihren Scheren ab. Der Grund dafür ist unbekannt. Die Krebse abzufischen, brachte bisher keinen sichtbaren Effekt.

    3. Eine große grüne Kläranlage

    In den vergangenen Jahrzehnten wurden durch die Landwirtschaft riesige Mengen Stickstoff und Phosphat ins Meer gespült. Vor allem in der flachen, wenig durchmischten Ostsee wird das zu einem immer größeren Problem. Die Nährstoffe lassen das Algenwachstum explodieren und den Sauerstoff im Wasser schwinden. Dass Seegraswiesen auch diesem Problem entgegenwirken können, wurde bisher selten thematisiert. Tatsächlich aber ist es in der deutschen Ostsee eine sehr wertvolle Dienstleistung, sagt Thorsten Reusch.
    Würde man Kläranlagen bauen, um die gleiche Menge an Nährstoffen aus dem Wasser zu filtern, wie ein Hektar Seegraswiese, würde das Kosten von 116.000 Euro verursachen, haben der schwedische Meeresbiologe Per-Olav Moksnes und der Umweltökonom Scott G. Cole ausgerechnet. Damit macht die Nährstoffbindung den größten Anteil am berechneten Gesamtwert aus.

    4. Küstenschutz und Wasserqualität

    Seegraswiesen dienen dem Küstenschutz: Sie bilden natürliche Barrieren bei Sturm und durch sie kommt es auch nicht zu Sandumlagerungen. Zudem reduzieren Seegraswiesen die Menge an Bakterien und Viren im Wasser – dies könnte im sich erwärmenden Meer bald noch wichtiger werden. Abgestorbenes Gras kann am Strand gesammelt werden und dient als Rohstoff für Polsterung, Kissen- und Matratzenfüllungen oder für die ökologische Dämmung von Häusern. Auch für Medikamente wird die Meerespflanze genutzt.
    Doch der Nordsee, im niedersächsischen und niederländischen Wattenmeer hat sich bereits eine Art Teufelskreis in Gang gesetzt: Der Schwund der Seegraswiesen und andere Umweltveränderungen hätten dort zu stärkeren Strömungen und trüberem Wasser geführt, was wiederum den verbliebenen oder neu angepflanzten Seegraswiesen schade, erklärt Thorsten Reusch. „Das Wasser ist viel zu dunkel da unten.“

    Wie viel sind Seegraswiesen wert?

    Etwas wiederherzustellen, was durch zu starke Umweltbelastungen zerstört wurde, ist mühsam. Dass es sich trotzdem lohnen könnte, liegt an dem hohen Wert, den Seegraswiesen für das Ökosystem Meer haben – und auch für den Menschen. Experten versuchen, diesen Wert zu bestimmen.
    An der Nordwest-Küste Schwedens hat ein Hektar Seegraswiese einen Wert von etwa 140.000 Euro. So hat es der Meeresbiologe Per-Olav Moksnes von der Universität Göteborg errechnet. Der genaue Betrag ist dabei stark abhängig vom Standort der Seegraswiese. Aber würde man ihn trotzdem einmal auf alle Flächen in der Ostsee hochrechnen, käme man auf gut 20 Milliarden Euro – das wären etwa drei bis vier Prozent des gesamten schwedischen Bruttoinlandproduktes. Würde man die sieben Prozent, die man weltweit verliert, zu dem von Moksnes angegebenen Kosten wieder renaturieren, käme man auf eine Schadenssumme von über 300 Milliarden Euro.
    In Schweden, sagt Moksnes, hätten solche Schätzungen viel verändert. Die Gesellschaft verstehe, wie wichtig Seegras für das Ökosystem sei.

    Onlinetext: Lukas Gedziorowski