Mittwoch, 05. Oktober 2022

Etel Adnan: "Die Stille verschieben"
Sehnsucht nach Delphi

Das letzte Buch der bedeutenden libanesisch-amerikanischen Denkerin, Dichterin und Malerin Etel Adnan kreist um den Ort, der ihr auf Erden der liebste war: Die Weissagungsstätte Delphi, einst Mittelpunkt der antiken Welt.

Von Sigrid Brinkmann | 15.09.2022

Etel Adnans Buch erscheint posthum
Etel Adnans Buch „Die Stille verschieben“ erschien posthum (Felix Grünschloß)
Wolkenformationen, Temperaturschwankungen und das Lichtspiel am Himmel faszinierten Etel Adnan schon immer. Sie war überzeugt davon, dass meteorologische Phänomene den Gedankenfluss lenken und hat auf Reisen oft ein Wettertagebuch geführt.
Altersbedingt verengte sich ihr Bewegungsradius in den letzten Jahren. Sie blieb an Paris gebunden und verbrachte, wann immer möglich, Zeit in der der kleinen, bretonischen Hafengemeinde Erquy. Dort öffnete sich ihr Geist größtmöglichen Weiten: der Unendlichkeit des Alls und den Ozeanen mit ihrem „komplexen Atmungssystem“.
„Die Gezeiten zu beobachten, bringt mich in die Nähe des Absoluten, eines Absoluten, das in Bewegung ist und wässrig. Das Gefühl, dass jeder Moment den wiederholt, der zur Erschaffung der Welt führte, überwältigt mich mit Seligkeit. Aber gleichzeitig glaube ich nicht an die Schöpfung, sondern eher an die Ewigkeit des Universums.“

Wo ist mein Ort?

Etel Adnan wusste, dass „Die Stille verschieben“ ihr letztes Buch sein würde. 2019 hat sie mit den fragmentarischen Aufzeichnungen dafür begonnen. Immer lakonisch verbindet sie malerische Schilderungen der materiellen Welt mit Reflexionen, die um die Unermesslichkeit des Lebens kreisen.
Wenn die ungelösten Probleme der Menschheit sie quälen, hilft das Kicken von Steinen mit der Fußspitze. Das Wissen um den sich heranschleichenden Tod drängt Etel Adnan, grundlegende Fragen zu stellen: „Wo ist mein Ort?“, „Was bleibt?“ und „Wer bleibt?“.
„Was tust du, wenn du nirgendwo hingehen kannst? Natürlich nichts. Aber das ist keine Antwort. (…) Ich habe es nicht eilig zu leben, nicht eilig zu sterben; ich rede einfach mit dir. Du könntest aus Delphi zurückkommen, wo ich gerne gewesen wäre, dort, unter einem stürmischen Himmel, mit bebenden Wolken, mit den Säulen, die sich im Nebel verstecken, mit der unversehrten Vergangenheit, mit den nicht ausgepackten phönizischen Geschenken, mit allem, was wartet. Ich bin in Delphi; woher soll ich wissen, dass es nicht so ist?“
Mit dieser Frage löst Etel Adnan so entschieden wie leicht elementare Gegebenheiten auf. Sie lässt ihren vagabundierenden Geist über den gebrechlichen Körper triumphieren. Die Einschränkungen, die ihr dieser aufzwingt, nimmt sie ergeben an; so wie die melancholischen Stimmungen, die sie früher oft den nächsten Flughafen oder Bahnhof ansteuern ließen.

Sehnsucht nach Griechenland

In Gedanken kehrt die Poetin immer wieder nach San Francisco und in ihr Haus am Fuß des Mount Tamalpais zurück, sie streift durch Damaskus und ihre Geburtsstadt Beirut. Sie imaginiert den Lauf des Hudson River. Die „pharaonischen Farben“ des Nils betören sie. Nichts aber vermisst die Poetin mehr als das antike Griechenland.
„Die Füße auf Delphis Felsen zu setzen, ist es wert, verdammt zu werden. Und nach Sikyon kommen die Opfergaben für das Orakel erst noch. Für mich wird der Schmerz des Sterbens in der Unmöglichkeit bestehen, diese Stätte noch einmal zu besuchen.“
Der rituelle Ort Delphi, einst Mittelpunkt der antiken Welt, hält keine Offenbarungen mehr bereit. Das Orakel schweigt. Es habe keine Lust mehr, so Adnan, „unsere schuldlosen Präsidenten und Diktatoren zu prophezeien“. Halbsätze wie dieser lassen die Verzweiflung der Autorin über unserer Gegenwart und die weltweit begangenen Grausamkeiten spüren. Diese Bedrängnis zu zähmen, muss ihr vitales Interesse sein, denn ihre Notizen zeigen, dass seelische Schutzmechanismen fehlen.

Ideal einer "kosmischen Erzählung"

„Ich bin inmitten von allem, woran ich denke. Es gibt Brände in Kalifornien, sie sind wieder da. Ich brenne. Bin einer der Bäume, der in den Flammen verschwindet. Mein Körper, schwarz und grau, wird Asche.“
Ablenkung, Trost und Zuversicht zieht Etel Adnan aus der Ewigkeit des Kosmos. Es ist berührend, mitzuvollziehen, wie ein alter Mensch sich an das Kind, das er war, erinnert. Das Mädchen hoffte, der Tag würde nie enden. Die alte Frau aber fürchtet den Anbruch des Tages, das Verblassen der Sterne am Himmel und das Aufwachen aus Träumen, in denen Nachbarn, Tiere, Berge und Flüsse zu einem Festessen erscheinen.
Etel Adnan hat die Erde und ferne Welten geliebt. Ihrem Ideal einer „kosmischen Erzählung“ ist sie mit ihren hinterlassenen Aufzeichnungen denkbar nah gekommen.
Etel Adnan: „Die Stille verschieben“
Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Vorwort von Klaudia Ruschkowski.
Edition Nautilus, Hamburg.
95 Seiten, 22 Euro.