Montag, 13.07.2020
 
Seit 10:08 Uhr Kontrovers
StartseiteTag für TagDie Sehnsucht nach der heilen Welt24.12.2019

Seiffener Weihnachtskirche in SachsenDie Sehnsucht nach der heilen Welt

Von der Seiffener Kirche gibt es viele geschnitzte Modelle, der Ort im Erzgebirge ist weltberühmt für sein Holzspielzeug. Zur Weihnachtszeit boomt das Geschäft mit der Idylle. Doch die politische Spannung in Sachsen ist auch in der Landeskirche zu spüren - wie der Pfarrer vor Ort damit umgeht.

Von Rudi und Rita Schneider

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Festlich beleuchtet in der Blauen Stunde ist die Bergkirche im verschneiten weihnachtlichen Seiffen. Viele Touristen besuchen in der Weihnachtszeit den Ort im Erzgebirge mit seinen vielen Herstellern von traditioneller Erzgebirgsicher Volkskunst.  (imago images / Uwe Meinhold)
Berühmte Weihnachtskirche und Wirkungsstätte der Pfarrerfamilie Harzer - die Bergkirche im erzgebirgischen Seiffen (imago images / Uwe Meinhold)
Mehr zum Thema

Evangelische Landeskirche Sachsens Der Bekenntnisfall

Ostdeutschland "Wir aus dem Osten sind fast rassistisch benachteiligt"

Geben und Nehmen in den Religionen: Christentum Früher war weniger Lametta

Der oktagonale Bau der Seiffener Bergkirche erinnert an die Frauenkirche in Dresden, die in ihren Ausmaßen größer und prächtiger ist. Und doch hat die Seiffener Bergkirche nicht weniger Charme. Ihren Ruf als Weihnachtskirche verdankt sie sicher auch unzähligen Holzmodellen, die ihren Weg in die ganze Welt gefunden haben.

Im Zentrum der Weihnacht steht auch in Seiffen die Friedensbotschaft, und das, inmitten einer politischen Polarisierung, die in der sächsischen Landeskirche deutlich spürbar ist. Nicht zuletzt nach dem Rücktritt von Landesbischof Carsten Rentzing. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm, sagte im November auf der Synode der EKD in Dresden zum politischen Auftrag der evangelischen Kirche:

"Wir werden in unserem Alltag aktiv gegen Rassissmus und Antisemitismus eintreten und überall Kontra geben, wo ganze Menschengruppen wegen ihrer Herkunft, wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden."

Ein Gemeindetag im Advent

Kontra geben und trotzdem Frieden stiften. "Es ist tägliche Kleinarbeit", sagt Pfarrer Michael Harzer in Seiffen und lädt uns ein, mit ihm in seiner Gemeinde einen Tag in der Adventszeit zu verbringen. Es ist 8.30 Uhr, Michael und Corina Harzer haben sich mit ihren Mitarbeitern im Pfarrhaus zum Frühstück versammelt.

Beim Frühstück wird der Tag besprochen. Erstes Ziel am Vormittag ist ein Seniorenheim in Neudeutschdorf an der tschechischen Grenze. Michael Harzer:

"So, dann machen wir uns auf den Weg ins Seniorenheim Haus Bernstein in Deutschneudorf. Da wollen wir was Erzgebirgisches singen und natürlich auch Hochdeutsches."

Im Seniorenheim warten bereits an die 30 hochbetagte Frauen und Männer, teils mit ihren Rollatoren mit erwartungsvollen Augen auf uns. Michel Harzer baut sein Keyboard auf.

Schaut man in die Gesichter der Menschen, die ihre aktive Lebenszeit hinter sich gelassen haben, sieht man fast kindlich leuchtende Augen beim Mitsingen und es ist schon seltsam: Alle warten auf das traditionelle Vorlesen einer Weihnachtsgeschichte. Danach erklingt das erzgebirgliche "Raachermannel".

Holzkunst in und um die Kirche

Dann verabschiedet sich Michael Harzer von jedem einzelnen der Senioren. Wir verladen das Keyboard in den Bully und es geht über einige Bergrücken zurück zur Seiffener Bergkirche. Dass diese Kirche so weltbekannt wurde, liegt daran, dass die Seiffener Bergleute, während der Winterzeit um den Lebensunterhalt zu sichern, hölzerne Figuren, Schwibbögen und auch kleine Modelle ihrer Kirche schnitzten und verkauften. Wir besuchen Stephan Kaden in seiner Holzkunstwerkstatt ganz in der Nähe der Kirche, der uns von den Auswirkungen der weltweiten Verbreitung berichtet:

"Da bekommen wir manchmal Anfragen von überall her, die genau exakt unsere Kirche in der Vitrine stehen haben und Ersatzteile benötigen, wenn zum Beispiel mal beim Turm das Kreuz abgegangen ist."

Was für eine Parallele, bei der richtigen Kirche ist das auch passiert, und das Kreuz, das vom Restaurator Dirk Meyer neu feuervergolded wurde, soll gleich nach Weihnachten auf der Turmspitze installiert werden. Michael Harzer:

"Im Frühjahr diesen Jahres war große Aufregung in Seiffen. Es wurde auch festgestellt, das Turmkreuz ist stark abgewittert. Wir brauchten eigentlich eine Neuvergoldung nach 38 Jahren. Heute ist der große Tag, wo Dirk Meyer es nach Seiffen gebracht hat."

Das Turmkreuz ist übergeben und im Tagesablauf warten nun eine ganze Reihe von 15-minütigen Führungen in der Kirche auf Michael Harzer, er spielt auch selbst die Orgel.

Jede Viertelstunde eine volle Kirche und erwartungsvolle Augen und Ohren, denen Michael alle wichtigen und historischen Dinge immer wieder aufs Neue  erklärt. In einer der Sitzbänke erkennt und begrüßt er Gäste aus Nordafrika. Es sind Mauran, Adam und Habiba. Ich begrüße sie mit einem der wenigen Wort, die ich auf Arabisch kann.

"Marhaba, Salam, darf ich fragen, wo sie herkommen?" - "Wir kommen aus Libyen. Mein Name ist Mauran, mein Vater ist Adam, meine Mutter ist Habiba. Mein Vater ist 71 und meine Mutter 65. Ich wohne in Niederdorf."

Die Suche nach der verlorenen Mitte

Eine libysche Flüchtlingsfamilie, die seit zwei Jahren im Nachbarort lebt. Mauran erzählt, dass er seinen Eltern diese schöne Kirche zeigen wollte. Mir fallen die Worte von Heinrich Bedford-Strom auf der Synode ein und die Tatsache, dass die AfD in der sächsischen Landtagswahl in Seiffen mit 32 Prozent zweitstärkste Partei wurde. Michael Harzer:

"Ja, was ich darüber hinaus beobachte, ist schon ein Zerriß unserer Gesellschaft. Es hat sich vieles auseiander dividiert. Und es fehlt mir an vielen Stellen eine gesunde Mitte, die auch zusammenhält. Und dazu müsste man aber wirklich beide Seiten auch hören und versuchen, zusammenzubringen. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Das werde ich als Dorfpfarrer im Erzgebirge ganz gewiss nicht lösen können. Und ich weiß auch nicht, inwieweit es unsere Synoden lösen können. Ich sags auch hier immer wieder, ich sehe nur die Möglichkeit, das im Kleinen zu lösen, in den ganz vielen persönlichen Gesprächen, die man führt."

Das Kleine, von dem Harzer spricht, ist eine große Aufgabe. Corina Harzer ist Pfarrersfrau und studierte Gemeindepädagogin. "Die Jugend ist es, der wir unsere Werte glaubhaft vermitteln müssen", sagt sie, während sie gerade eine Gruppe von jungen Kurrendesängern um sich versammelt hat.

In Seiffen gibt es nahezu niemanden, der nicht als Sänger oder Sängerin in der Kurrende dabei war. Selbst Martin Luther war einer von ihnen. Eleonore erzählt uns mit strahlenden Augen, worum es geht:

"Wir sind einfach so eine Art christlicher Kinderchor und wir sind eigentlich das Jahr über aktiv. Also sonntags früh zum Gottesdienst. Das machen wir an den Adventssonntagen immer abends von vier bis um sieben laufen wir durch Seiffen und versuchen, den Leuten einen kleinen Adventsgruß zu bringen.

Es ist bereits 19.30 Uhr an diesem Abend und im Jugendheim klingt es jugendlich.

Um die 20 junge Leute haben sich zum abendlichen Treff eingefunden. Sie haben in der Küche Spaghetti zubereitet und nach dem Essen durchforsten sie mit Michael und Corina Harzer die Weihnachtsgeschichte mit richtig viel Spaß, und das fast bis 22 Uhr. Erst dann ist Feierabend für die Pfarrersfamilie für diesen Tag.

Musik ist in der Seiffener Bergkirche ein wichtiges Element der Verkündigung, sei es die Kurrende, sei es der Posaunenchor, oder seien es Konzerte wie die feierliche Böhmische Hirtenmesse. Während der Schlußchor erklingt, fallen mir als Abrundung unseres Besuches in der Seiffener Pfarrgemeinde die Worte von Günter Flath ein. Er ist 87 Jahre alt und seine Familie hat diese Kirche seit fünf Generationen als Modell hergestellt und in alle Welt versandt:

"Es ist schade, dass zu Weihnachten die Weihnachtszeit oft nur im Materiellen untergeht. Geschenke und Lichterglanz und Räucherkerzen, das gehört dazu und ist schön. Das wichtigste wird oft vergessen, dass wir die Geburt Jesu feiern zu Weihnachten. Und wenn man dann älter ist und man weiß, dass die letzten Stunden sehr nahe stehen, ist es wunderbar zu wissen, dass wir nicht einmal in Nacht und Grauen vergehen, sondern dass wir in der Ewigkeit bei unserem Herrn sein werden, der zu Weihnachten geboren ist."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk