Freitag, 12. August 2022

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"Seine Verdienste sind gigantisch"

Der Tod von Richard Holbrooke ist das Gesprächsthema Nummer 1 in Bosnien-Herzegowina. Das sagt Valentin Inzko, Hoher Repräsentant für das Land. Die Bevölkerung habe nicht vergessen, dass Holbrooke "diesen wirklich blutigen Krieg beendet hat".

Valentin Inzko im Gespräch mit Christian Bremkamp | 14.12.2010

    Christian Bremkamp: Der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, ist tot. Der 69-jährige Topdiplomat starb am Abend an den Folgen eines Risses in der Hauptschlagader. Holbrooke war vor allem als Architekt des Daytoner Friedensabkommens von 1995 weltweit bekannt geworden, das den Krieg in Bosnien beendete. Am Telefon bin ich jetzt mit einem Mann verbunden, der Richard Holbrooke gut kannte. In Sarajevo begrüße ich den Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, Valentin Inzko. Guten Tag, Herr Inzko.

    Valentin Inzko: Guten Tag aus Sarajevo.

    Bremkamp: Heute vor genau 15 Jahren wurde das sogenannte Dayton-Abkommen abschließend unterzeichnet, das Abkommen, das den Krieg in Bosnien-Herzegowina mit unzähligen Toten und einer belagerten Hauptstadt endlich beendete. Alle vorherigen Initiativen waren gescheitert, Dayton brachte den Durchbruch. 15 Jahre später, Herr Inzko, wäre dieser Durchbruch auch ohne Richard Holbrooke möglich gewesen?

    Inzko: Richard Holbrooke hat wirklich seinen Stempel aufgedrückt diesen Verhandlungen. Es waren aber natürlich auch andere dabei, Carl Bildt zum Beispiel. Clinton hat sich auch eingeschaltet, aber Richard Holbrooke war irgendwie der Vater dieses Abkommens, und wir können von drei Elementen sprechen. Dieser Dayton-Vertrag und Richard Holbrooke, die haben den Krieg beendet, sie haben den Frieden gebracht, und man soll das wirklich nicht klein reden, und was auch sehr wichtig ist für die Bosnier: die alten Grenzen des Landes konnten erhalten werden, also ganz wichtig. Aber natürlich jeder Vertrag könnte auch verfeinert werden. Aber reden wir heute lieber von den Verdiensten.

    Bremkamp: Was war Richard Holbrooke eigentlich für ein Mensch? Sie haben ihn ja häufiger getroffen. Ein eher zurückhaltender klassischer Diplomat oder doch auch mal ein Polterer?

    Inzko: Ja. Er war bei dem Auswahlverfahren, was meine Person betrifft, beteiligt und anwesend. Er war eher ein untypischer Diplomat, hat aber natürlich alle Finessen der klassischen Diplomatie gekannt und hat dann auch zusätzlich seinen eigenen Charakter, seine eigene starke Persönlichkeit immer eingebracht.

    Bremkamp: Ein Mann von klaren Worten?

    Inzko: Absolut!

    Bremkamp: Das Dayton-Abkommen hat den Frieden gebracht, Sie haben es eben gesagt, aber wie sich heute zeigt auch Probleme, Stichwort ethnische Teilung. War sich Richard Holbrooke dieser Gefahr damals eigentlich bewusst?

    Inzko: Ich glaube, er war intelligent genug, um das zu wissen. Aber damals waren ja die Prioritäten andere. Er musste auf einem Flughafen in Dayton innerhalb von drei Wochen den Frieden festigen, den Krieg beenden und eine Verfassung formulieren, und natürlich konnte das keine ganz perfekte Verfassung sein, aber seine Verdienste sind gigantisch und es gibt viele Elemente von Dayton, die heute Gültigkeit haben, auf denen weiter gebaut werden kann, und auch die Reformen, die wir jetzt in Angriff nehmen werden, nächstes Jahr, wenn die neue Regierung gebildet ist, auch diese Reformen werden im Rahmen von Dayton stattfinden.

    Bremkamp: Hätte es überhaupt eine Alternative zu Dayton gegeben?

    Inzko: Na ja, es gab viele, viele Pläne, von vielen, vielen Staaten initiiert. Es gab viele Verhandler, die sind zum Teil schon in Vergessenheit geraten, zum Beispiel wie Herr Cutillero, Herr Douglas Hurd, es gab andere Briten auch noch. Aber jedenfalls diese Initiative und die Persönlichkeit von Holbrooke haben es erst zustande gebracht, dass dann der Krieg endlich beendet werden konnte, dass wir Frieden hatten, und dieser Frieden hält auch sehr gut. Es gab hier in den letzten 15 Jahren keine ethnischen Auseinandersetzungen. Es gab natürlich politische Spannungen, aber sonst: Es kam zu keinem Blutvergießen. Und Dayton ist hier für die Menschen ein Fixpunkt, aber natürlich jeder wünscht sich, dass man diese Verfassung weiterentwickelt.

    Bremkamp: Wie wird sein Tod in Bosnien-Herzegowina heute eigentlich aufgenommen? Sprechen die Menschen auf der Straße darüber?

    Inzko: Es ist das Gesprächsthema Nummer 1, alle sind im Schock, alle kennen Richard Holbrooke auch aufgrund seiner Persönlichkeit, aber vor allem, weil er diesen wirklich blutigen Krieg beendet hat. Es gab ja über 100.000 Opfer. Noch heuer hatten wir am 11. Juli die Bestattung von über 700 Opfern in Srebrenica, also das ist hier alles noch gegenwärtig, und manchmal können die Wunden gar nicht geschlossen werden, weil sie noch offen sind. Aber wenn man von Frieden spricht und von der Beendigung des Krieges, von der Erhaltung der Grenzen, das ist alles mit dem Namen Richard Holbrooke verbunden.

    Bremkamp: Würden Sie sagen, dass diese Anteilnahme auch in der Republika Srpska, in Banja Luka ähnlich groß ist?

    Inzko: Ja, ich glaube schon, aus anderen Gründen vielleicht. Ich war erst vorige Woche in Banja Luka und dort wurde um den 21. November – das ist auch ein Jahrestag von Dayton, da wurde ja der Friedensvertrag paraphiert; am heutigen Tag wurde er in Paris unterschrieben -, da gab es sogar eine Ausstellung zu Dayton und da hat man auch über die Verdienste von Richard Holbrooke gesprochen. Denn aus der Sicht der Republika Srpska gibt es in Dayton eben die Verankerung der Republika Srpska, die es ja vorher nicht gab. Die existierte ja nie. Die letzten paar Tausend Jahre zurück oder hundert Jahre zurück, wenn man schaut, da gab es nie eine Republika Srpska, und seit Dayton gibt es die. Also die schauen jetzt positiv auf diesen Vertrag.

    Bremkamp: 15 Jahre nach Dayton, wo steht Bosnien-Herzegowina heute?

    Inzko: Bosnien steht sicher auf einem Scheideweg und man muss die positiven Elemente von Dayton heranziehen, aber auch neue, Dayton vielleicht ergänzen mit neuen Elementen. Wir haben jetzt einen mühsamen und schwierigen Prozess einer Regierungsbildung und sicher wird die neue Regierung ab Jännerr, Februar neue Schritte unternehmen müssen für die Zukunft des Landes. Das Land ist am Scheideweg, ob es NATO-Mitglied, ob es EU-Kandidatenstatus bekommt, und das wird alles die nächsten vier Jahre geschehen. Deshalb ist diese Phase im Moment so wichtig.

    Bremkamp: Der Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, Valentin Inzko, war das. Herr Inzko, ich danke Ihnen für das Gespräch.

    Inzko: Gerne geschehen.