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StartseiteCorsoDer böse Freak09.08.2019

Sektenführer Charles MansonDer böse Freak

Vor 50 Jahren, am 9. und 10. August 1969, wurden im Auftrag Charles Mansons die schwangere Schauspielerin Sharon Tate und sechs weitere Menschen ermordet. Der Vorfall machte Manson zur umstrittenen Ikone der Popkultur, die bis heute verehrt wird. Ihn umweht die Aura des Bruchs mit der Gesellschaft.

Jens Balzer im Kollegengespräch mit Christoph Reimann

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Charles Manson steht vor einer weißen Wand, auf der Stirn trägt er ein Hakenkreuz-Tattoo (dpa-picture-alliance/California Department of Corrections)
Heroische Selbstermächtigung zur Gewalt: Charles Manson auf einem Gefängnisfoto (dpa-picture-alliance/California Department of Corrections)
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Als singender Sonderling und Prototyp des 60er-Jahre-Hippies konnte Manson eine ergebene Anhängerschaft um sich scharen. 1968 zog es ihn nach Hollywood, wo er eine Gesangskarriere anstrebte. "Manson befreundete sich mit Neil Young, der ganz begeistert von ihm war", erzählte Musikkritiker Jens Balzer im Dlf. Außerdem begann er im Studio von Dennis Wilson, dem Schlagzeuger der Beach Boys, ein Album aufzunehmen. Aufgrund seines unkontrollierbaren Verhaltens sei er allerdings schnell wieder herausgeworfen worden, so Balzer.

Daraufhin ließ er sich mit seiner Gefolgschaft auf einer Ranch in den Bergen nieder, um das "White Album" der Beatles zu hören und die verschlüsselten Botschaften zu dekodieren, mit denen die Band - seiner paranoiden Eingebung nach - den bevorstehenden Aufstand der afroamerikanischen Bevölkerung prophezeite.

Brutale Morde

In der Nacht zum 9. August 1969 ermordeten die Mitglieder seines Kultes auf seinen Geheiß die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate, Gattin von Roman Polanski, sowie in der folgenden Nacht das Schauspieler-Ehepaar Leno und Rosemary La Bianca. An den Tatorten fand die Polizei, mit dem Blut der Opfer geschrieben, Parolen, die sich auf Songs der Beatles bezogen haben oder auf die militante afroamerikanische Widerstandsgruppe Black Panthers: "Helter Skelter", "Pig", "Rise" oder "Death to Piggies".

"Auf diese Weise wollte Manson seine Tat als politisch motivierten Mord tarnen",  sagte Balzer, "weil er nun blutige Strafaktionen gegen die Panthers erwartete, woraufhin die dann sämtliche Weiße im Land massakrieren sollten - mit Ausnahme von ihm und seinen Getreuen, die dann als Königs-Family das Land zu regieren gedachten."

Ikone des Bösen

Nach den Morden begann eine seltsame Verehrung von Charles Manson. John Lennon sagte 1971 in einem Interview: "Ich glaube, vieles von dem, was er sagt, ist wahr." "In der Westberliner Stadtguerilla der Zeit, der Keimzelle des westdeutschen Terrorismus der 70er, gab es erklärte Manson-Verehrer", sagte Balzer. Zum Beispiel Bommi Baumann von der Bewegung 2. Juni. 

In den 80er- und 90er-Jahren sei Manson dann von dieser vermeintlich politischen Bedeutung entkoppelt worden und zu einer popkulturellen Ikone des Bösen, des Anderen, des glamourösen Freaks und Gewalttäters umgedeutet. Der Schockrocker Brian Warner benannte sein Alter Ego Marilyn Manson nach ihm.

Auch heute fasziniert Charles Manson noch. Die Gründe für diese Faszination seien vielfältig, so Balzer. Es sei zu einem die allgemeine Anziehungskraft des Dunklen, Bösen, Rätselhaften, die Manson so interessant mache. Im Besonderen sei es aber auch dieser radikale Bruch mit der Gesellschaft, für den Manson als Figur steht. Von linken Gruppierungen wurde Manson in den 70er-Jahren "als quasi proletarischer Kämpfer gegen das Schweinesystem gefeiert, als dessen Repräsentanten Sharon Tate und ihre Hollywoodfreunde gesehen wurden", so Balzer. Die linke Rezeption kühlte allerdings schnell ab, als Manson sich im Gefängnis ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowierte. 

Heroische Selbstermächtigung zur Gewalt

"Aber auch in der späteren, entpolitisierten Verehrung für ihn gibt es diese Aura des Bruchs mit der Gesellschaft, den Heroismus des Einzelnen, der allein gegen die ganze Gesellschaft steht und sich das Recht herausnimmt, für die seiner Ansicht nach gerechte Sache zu töten und töten zu lassen", so Balzer. "Und wer in den letzten Tagen nach dem Massaker in El Paso in die entsprechenden Internet-Foren geguckt hat, weiß, wie verbreitet solche Fantasien noch sind. Fantasien von der heroischen Selbstermächtigung zur Gewalt. Die sind immer noch und vielleicht mehr denn je aktuell."

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