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StartseiteTag für Tag"Islamophobie kann man mit Aufklärung entgegenwirken"27.04.2017

Sendereihe "Koran erklärt""Islamophobie kann man mit Aufklärung entgegenwirken"

Die Sendung "Koran erklärt" läuft seit nunmehr zwei Jahren im Deutschlandfunk, im Mai wird sie als Buch im Suhrkamp-Verlag erscheinen. In den Medien sei die Auseinandersetzung mit dem Islam meist durch aktuelle Ereignisse geprägt, sagte Buch-Herausgeber und DLF-Intendant Willi Steul im DLF. Das sei jedoch "zu einseitig".

Willi Steul im Gespräch mit Christiane Florin

(Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
"Unsere Gesellschaft hat mit Religion zunehmend ein Problem", sagte der Intendant des Deutschlandradio, Willi Steul, im DLF. Er forderte Respekt gegenüber allen Religionen. (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
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Christiane Florin: Immer freitags um 9:55 Uhr, nach "Tag für Tag", hören Sie im Deutschlandfunk einen Koranvers in deutscher Übersetzung. Diese Sure wird von einem Experten erläutert und am Schluss hören Sie den Vers noch einmal und sehen ihn vielleicht mit anderen Augen. Seit 2015 gehört der Fünfminüter "Koran erklärt" zu diesem Programm, und nun gibt es das gesprochene Wort auch gedruckt. Gestern wurde das Buch zur Sendung in Berlin vorgestellt. Die Podiumsdiskussion dazu konnten Sie gestern Abend im Deutschlandfunk hören. Aus Berlin ist nun Willi Steul zugeschaltet, Intendant dieses Senders und Herausgeber des Buchs "Koran erklärt". Guten Morgen, Herr Steul!

"Mehr gelernt als in den letzten Jahren in der Moschee"

Willi Steul: Guten Morgen, Frau Florin!

Florin: Die erste Sendung "Koran erklärt" lief am 6. März 2015. Ein halbes Jahr später kamen Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland, vor allem Muslime. Dieser Herbst 2015 hat den Blick auf den Islam in Deutschland gravierend verändert. Wenn es "Koran erklärt" nicht gäbe, würden Sie es nach diesen Ereignissen noch einmal so erfinden?

Steul: Aber absolut. Ganz genau wieder so. Und ich fühle mich auch bestärkt durch Reaktionen, die ich bekommen habe. Ich erinnere mich an einen Brief von einem gläubigen Muslim, der mir schrieb, er bedankt sich dafür, er habe durch diese Sendereihe, die er jeden Freitag höre und auch aufzeichne, habe er mehr gelernt als in den letzten Jahren in der Moschee.

Florin: "Ein Beitrag zur Aufklärung" heißt der Untertitel des Buches sehr vollmundig. Bedeutet das, dass diejenigen, denen der Islam Angst macht, die Sorge haben, einfach nur unaufgeklärt sind, dass sie ein Bildungsproblem haben?

Steul: Teilweise ja. Es ist auch eine intellektuelle Verweigerung, und damit eigentlich nicht redlich, wenn ich mich nicht wirklich mit einem Thema beschäftige, aber eine starke Meinung dazu habe. Und den Islam sozusagen – jetzt will ich noch nicht gleich von Islamophobie reden, die in unseren europäischen Kreisen um sich greift, aber dass man sich zum Beispiel die sich auf Gewalt beziehenden Teile aus dem Koran heraussucht und das zum Beleg nimmt, dass diese Religion die Menschen zu gewalttätigen Taten verführt, der IS und Terrororganisationen anderer Art, Al-Kaida, beziehen sich auf den Koran – und dem kann man mit Aufklärung, was im Koran steht, durchaus entgegenwirken.

Steul: Auf einen Kanon der Interpretation des Islams verständigt

Florin: Nun habe ich dazu auch eine interessante Hörerreaktion, also in dem Fall ein Mann, der eine Mail geschrieben hat. Er bezieht sich auf die berühmt-berüchtigte Sure 9-5, Zitat: "Tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet." Das kam in "Koran erklärt" vor und kommt auch im Buch vor und wird im Buch erläutert mit dem Tenor, man könne aus dieser Sure keine Pflicht zum bedingungslosen Kampf gegen Nichtmuslime ableiten. Dazu fragt der Hörer: "Woher nehmen Islamwissenschaftler die Vollmacht, die aktuelle Gültigkeit dieser und anderer zum Töten auffordernder Suren für obsolet zu erklären?" Herr Steul, woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Islamwissenschaftler, also die, die in dieser Sendung zu Wort kommen, wissen, was Muslime wirklich glauben?

Steul: Es sind nicht nur Islamwissenschaftler, sondern es sind auch islamische Theologen, die das tun. Wir haben diese Sendung begleitet zunächst auch mit einer großen Recherche bei Universitäten in Deutschland und im Ausland. Und wir haben uns verständigt auf einen Kanon, der allerdings immer wieder erweitert wird, auf einen Kanon der Interpretationen, wo die theologische und wissenschaftliche Fachwelt sagt, dies ist sozusagen unumstritten in der Interpretation des Koran. Und ich glaube schon, dass man die Sicherheit schon haben kann, dass dies eine, sagen wir mal, die geltende Interpretation des Koran ist, der immer wieder natürlich umstritten wird und die immer wieder von anderen zur Diskussion gestellt wird.

Florin: Hören wir einmal kurz in die Podiumsdiskussion von gestern hinein. Es spricht der islamische Theologe Ömer Özsoy.

O-Ton Ömer Özsoy: Ich würde offen gestehen, dass die Muslime überwiegend nicht nur in Deutschland, sondern auch in der islamischen Welt gegenüber solchen Bezeichnungen wie "kritische Erschließung des Koran" und so weiter skeptisch sind. Es ist nicht selten, dass unter einer historischen Kritik oder unter Kritik Religionskritik oder Glaubenskritik verstanden wird.

"Nicht so akademisch gebildete Menschen verstehen unter Kritik etwas Negatives"

Florin: Also kritische Koranlektüre, das, was ja in 'Koran erklärt' stattfindet, wird als Glaubenskritik von Muslimen verstanden. Wir haben vorhin über Aufklärung gesprochen. Geht es auch darum, sozusagen Muslime in dem Sinn aufzuklären, dass sie nicht jede Religionskritik gleich als persönlichen Angriff auf ihren Glauben empfinden?

Steul: Das beginnt schon bei der Wortwahl. Ich persönlich würde "Religionskritik" vermeiden. Ich verstehe selbstverständlich Kritik in dem ganz neutralen Sinne, dass ich mich mit etwas fragend auseinandersetze und vielleicht zu neuen Einsichten komme. Aber nicht so akademisch gebildete Menschen verstehen unter Kritik auch etwas Negatives. Und eines ist klar: Das wird von uns gefordert in dieser Demokratie. Wir stehen ein für Freiheit, Würde des Individuums, religiöse Toleranz. Ich verlange auch, dass wir religiösen Erscheinungsformen zunächst einmal auch mit Respekt begegnen, und wir müssen sie verstehen lernen. Und das meinen wir auch mit dem Untertitel "Ein Beitrag zur Aufklärung". Übrigens, ich habe ein bisschen gezuckt, als Sie in Ihrer Anmoderation gesagt haben, Sendungsbewusstsein auf dem Sender – das ist nicht Sendungsbewusstsein.

Florin: Ein kleines Wortspiel. Wir kommen aber noch dazu.

Steul: Klar. Aber es ist: Aufklärung heißt auch Wissen.

Florin: Ja, ich hätte erst noch eine andere Frage. Sie schreiben im Vorwort, dass es auch darum geht, das humanitäre Anliegen einer großen Religion zum Ausdruck zu bringen. "Respekt" sagten Sie vorhin. Inwiefern kommt dieses Anliegen ansonsten in den Medien zu kurz?

Steul: Einseitige Auseinandersetzung mit dem Islam in den Medien

Steul: Ich spreche jetzt zunächst einmal für unser Haus, Frau Florin, und dann spreche ich auch von dieser Sendung, in der wir gerade uns miteinander unterhalten. Wir haben jeden Tag von 9:30 bis 10 Uhr "Tag für Tag – Aus Religion und Gesellschaft". Dies ist der Platz, wo man sich dann auch in diesem jetzt auch sehr kritischen Sinne durchaus mit Religion auseinandersetzt. Und wir gehören zu den Wenigen, die dies tun. Ich finde, in den Zeitungen, in den großen Regionalzeitungen, in den überregionalen Zeitungen Beschäftigung mit diesen religiösen Fragen, oder sagen wir mal, den Fragen, den großen Fragen, die die Menschen stellen und die sie zu allen Zeiten gestellt haben und auf die Religionen auch versuchen, Antworten zu finden. Aber in den Medien ist die Auseinandersetzung mit dem Islam durch die Aktualität geprägt.

Florin: Also zu einseitig.

Steul: Zu einseitig, ja.

Florin: Sie sagten gestern, und da kommen wir nochmal zum Sendungsbewusstsein, Sie sagten gestern in der Diskussion, es sei ein Problem, dass es im Programm des Deutschlandfunks oder generell im öffentlich-rechtlichen Programm Sendungen gebe, die nicht vom Sender selbst verantwortet werden, Verkündigungssendungen. "Koran erklärt" wird redaktionell vom Sender verantwortet, die Verkündigungssendungen der Kirchen aber nicht. Wenn Sie allein zu entscheiden hätten, sollte es weiter Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben?

"Unsere Gesellschaft hat mit Religion zunehmend ein Problem"

Steul: Oh, Frau Florin, jetzt – ich könnte Ihnen taktisch antworten und dann – ich antworte Ihnen ehrlich. Ich habe natürlich – ich habe gelegentlich ein Problem damit, dass es im Sender Sendungen gibt, die nicht von uns verantwortet werden. Das ist eigentlich ein Widerspruch. Andererseits, wir haben einen Staatsvertrag, und dies ist die Regel. Und ich persönlich, ich selbst, ich bin ein – ich versuche, katholisch zu leben, ich habe eine Neigung also auch, ein Interesse für Religion. Ich halte dies für wünschenswert, dass man das hört, aber ich bin nicht alleine, der entscheidet. Dies ist auch eine Konvention in der Gesellschaft. Und ich glaube, dass unsere Gesellschaft mit Religion zunehmend ein Problem hat, dass unsere Gesellschaft, unsere post-aufgeklärte Gesellschaft, die Wirkmächtigkeit und die Funktion von Religion gar nicht mehr wahrnimmt, zunehmend nicht mehr wahrnimmt.

Florin: Herzlichen Dank, Herr Steul. Wir haben mit dem Koran begonnen und sind bei der Rundfunkpolitik geendet. Das Buch "Koran erklärt" erscheint im Suhrkamp-Verlag. Es ist vom 8. Mai an erhältlich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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