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StartseiteDlf-MagazinSo viel Hilfe wie nötig und Freiheit wie möglich02.05.2019

Seniorendorf Kirkel im SaarlandSo viel Hilfe wie nötig und Freiheit wie möglich

Serie: "Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch"

In Würde alt werden, das wünschen sich viele Senioren. Im Saarland ist das möglich: Das Seniorendorf in Kirkel ist für viele Anwohner eine Alternative zum Altenheim. In der altersgerechten Anlage leben sie selbstständig nach ihren Vorstellungen, bekommen aber auch Hilfe, wenn sie nötig ist.

Von Tonia Koch

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Das Seniorendorf Kirkel hat beige Wände und orangenen Dächer, im Zentrum der Gebäude sind Grünflächen. (Arbeiter-Samariter-Bund)
Im Seniorendorf Kirkel darf jeder selbst entscheiden, wie er seinen Tag verbringt. (Arbeiter-Samariter-Bund)
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Beate Motsch hat lange zugewartet, bis sie losgelassen und sich von ihrer alten Umgebung getrennt hat.

"Mein Haus wurde mir zu groß und das Gelände auch, und ich konnte nicht mehr alles pflegen."

Die 80-Jährige hat sich im Seniorendorf Kirkel eingemietet und bewohnt in der saarländischen Landgemeinde ein 40 Quadratmeter großes Appartement. Eine nagelneue Kommode wartet darauf, aufgebaut zu werden. Für vertrautes Mobiliar ist kein Platz.

"Es passt ja nix mehr her, was ich zu Hause hatte, da konnte ich nichts mitbringen."

Aber die Seniorin hadert nicht. Das Bett verschwindet in einer Nische, Teller, Tassen, Töpfe sind griffbereit in Schubladen einer Einbauküche verstaut, und das Bad ist geräumig. Es ist auf die Bedürfnisse der Seniorin, die auf einen Rollator angewiesen ist, zugeschnitten.

"Die Einteilung finde ich sehr gut, das Bad ist sehr schön, ist groß, also, ich bin sehr froh hier."

Pflegedienst und Gemeinschaftsküche

Ihr Frühstück und das Abendessen bereitet Beate Motsch noch selbst zu. Mittags isst sie in der Gemeinschaftsküche des Seniorendorfes. Diese Leistung hat sie gebucht, ebenso wie einen Pflegedienst, der ihr in den Tag hilft und einen Reinigungsdienst für ihr Appartement. Einmal die Woche lädt das Seniorendorf seine Bewohner zum gemütlichen Beisammensein in die Cafeteria. Das Schwätzchen bei Kaffee und Kuchen will sie nicht verpassen.

"Das mach' ich immer mit, das ist ja interessant."

Beate Motsch ist der Prototyp einer Mieterin des Seniorendorfs, das im Mai des vergangen Jahres eröffnet wurde. Sie wohnt in den eigenen vier Wänden, sie kann manches - wenn auch nicht alles - noch selbst erledigen und ihre drei Kinder wohnen zu weit weg, um sich täglich um sie zu kümmern.

"Die älteste Tochter wohnt in Bad Füssing, die andere am Bodensee und der Sohn in Spichern in Frankreich, das ist dann der nächste, der betreut mich."

In vielen Fällen haben die Kinder darauf gedrängt, dass die Eltern, die Mutter oder der Vater einer betreuten Wohnform zustimmen. So war es auch bei Hans Noll und Horst Böffel.

"Meine Frau lebt schon 18 Jahre nicht mehr und mein Sohn wohnt in Berlin und der hat dann gesagt, es hat keinen Wert mehr mit Dir allein zu Hause, wir suchen was. Meine Frau ist gestorben und dann stand ich alleine da. Und auf einmal hat meine Tochter gesagt, Du musst Dich anders umgucken."

So viel Selbstbestimmung wie möglich

Sein erster Reflex sei gewesen, das mache ich nicht, erinnert sich Horst Böffel. Aber seine Tochter habe nicht locker gelassen, und das Seniorendorf als Alternative zu einem klassischen Alten- und Pflegeheim immer wieder ins Gespräch gebracht.

"Da war Tag der offenen Tür und wir sind dort hin und haben das Oktoberfest mitgemacht und da haben wir gesagt, das machen wir jetzt."

Das Seniorendorf vom Innenhof aus. Neben einer Grünfläche stehen Stühle mit Blumen-Kissen. (Arbeiter-Samarita-Bund )Im Hof ergeben sich viele Kontakte und Unterhaltungen (Arbeiter-Samarita-Bund )

Das Angebot des Seniorendorfes ist modular aufgebaut. Getreu dem Motto: so viel Selbstbestimmung wie möglich.

Harald Schmidt: "Das ist ja von Vorteil, dass im Grunde genommen jeder noch selbstbestimmt hier wohnen kann. Wir können hier mittagessen, wir können hier Kaffee trinken, wir müssen aber nicht, ja. Ich kann zum Doktor gehen, kann zur Sparkasse gehen, kann zum Einkaufen gehen, kann Fernsehen gucken oder auch nicht gucken, können wir alles machen."

Seniorendorf liegt mitten im Zentrum

Kirkel, eine gute halbe Stunde von Saarbrücken entfernt, hat etwa 10.000 Einwohner. Die Einrichtung verfügt über 39 Mietwohnungen, die meisten haben zwei und mehr Zimmer. Das Seniorendorf liegt mitten drin im Zentrum. Diese Lage sei einer der Erfolgsfaktoren des Konzeptes, sagt Bernhard Roth, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes im Saarland und Bauherr des Projektes.

"Besser wie hier in Kirkel geht es nicht. Ich hab‘ um die Ecke den Waasgau-Markt, ich hab‘ um die Ecke noch die Banken, alle Ärzte, die ich brauche, die Kirche ist in der Nähe, es ist sogar ein Kindergarten in der Nähe. Und wir haben alles an Nahversorgung, einen Bus direkt vor der Haustür. Freitags findet hier ein Markt statt, den die Leute besuchen können, von der Struktur her ist Kirkel eine ideale Gemeinde."

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Überall da, wo der Arzt, die Apotheke, der Friseur und die Sparkasse bereits die Segel gestrichen haben und die Versorgung mit Lebensmitteln an den Ortsrand gedrängt wurde, würde ein solches Konzept nicht funktionieren, glaubt ASB-Mann Roth.

"Ich würde sagen, eine Gemeinde, die weniger als 5.000 Einwohner hat, da wird ein Seniorendorf keine Rolle spielen."

Mit 12 Euro warm pro Quadratmeter müssen die Mieter zumindest für saarländische Verhältnisse recht tief in die Tasche greifen. Darin enthalten sind zum Beispiel hauseigene Serviceleistungen wie ein Hausmeister und eine Hausdame, die auch schon mal Behördengänge übernimmt. Pflegeleistungen müssen die Bewohner je nach individueller Befindlichkeit dazu buchen. Im Haus ist zwar ein Dienst des Arbeiter-Samariter-Bundes stationiert, aber eine Verpflichtung, diesen auch zu nutzen, bestünde nicht, erläutert Roth.

"Jeder kann auch einen anderen Pflegedienst in Anspruch nehmen, er ist nicht ans Haus gebunden, es ist nur ein Angebot von uns, aber keine Pflicht."

Bauweise soll Kommunikation fördern

Das Ganze habe den Charakter einer großzügigen Wohngemeinschaft, fassen die Damen, die es sich in der Cafeteria gut gehen lassen, ihre Lage zusammen. Wer Kontakt suche, der finde ihn, wer allein bleiben wolle, müsse halt die Tür schließen. Henriette Memmer.

"Im Sommer hab‘ ich zwei Stühle vor der Tür und einen kleinen Bistrotisch und dann setzte ich mich raus. Und noch keine fünf Minuten bleibt irgendjemand stehen und hält mit mir ein Gespräch. Und da habe ich an einem Nachmittag mehr Unterhaltung als in Altstadt in meiner Wohnung die ganze Woche."

Die beiden zweigeschossigen Bauten des Seniorendorfes umschließen jeweils einen begrünten Innenhof. Auf den breiten umlaufenden Wegen und auf der Galerie stehen Stühle, Tische, Bänke. Diese Bauweise wurde bewusst gewählt, um die Kommunikation zu fördern, damit die sozialen Kontakte in der neuen Umgebung wachsen können. Nun braucht es nur noch einen guten Sommer.

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