Helga Schütz: "Heimliche Reisen"Sentimentales Mosaik eines wechselvollen Lebens

Mit "Heimliche Reisen" hat Helga Schütz einmal mehr einen autofiktionalen Roman geschrieben. Sie ruft darin Erinnerungen auf an die traumatische Flucht nach Dresden, die sie als Achtjährige erlebte, genauso wie an den von der Stasi überwachten Alltag im ehemaligen Grenzgebiet.

Von Alexandra Wach | 07.12.2021

Helga Schütz: "Heimliche Reise" - zu sehen sind die Autorin und das Buchcover
Helga Schütz: "Heimliche Reise" (Cover: Aufbau Verlag / Foto: Christian Werner)
Wäre nicht der Zweite Weltkrieg gewesen, hätte ihre Großmutter das schlesische Falkenhain nie verlassen. Hier wurde Helga Schütz geboren. Nach der Wende hat sie den Ort mit ihrer Mutter nochmal besucht. Die Mutter wunderte sich über die vielbefahrenen Autobahnen und überlaufenen Shoppingmalls, allgegenwärtige Zeichen des triumphierenden Kapitalismus. Anders Helga Schütz. Bei ihr ruft die Rückkehr nach Falkenhain das Kindheits-Trauma der Flucht wach:
„Ich, acht Jahre, versteckt hinter Großmutters Rücken. Flüchtlingstreck. Lauter graue Gesichter mit großen Augen. Die Arme schlenkern. Alle Fäden gerissen. Die Gelenke lahm. Sie gehorchen nicht mehr, und das ist noch das Beste. Die Dienstverweigerung der Knochen und der inneren Organe. Und dass wir Anfang und Ende durcheinanderbringen.“
Wie schon der 1986 erschienene Roman „In Annas Namen“ so ist auch „Heimliche Reisen“ ein autofiktionales Buch. Auch in „Heimliche Reisen“ erzählt Schütz von dem Waisenkind Anna, von Familienschicksalen der Schulfreundinnen und von sich selbst, von ihrer Beziehung mit dem Filmregisseur Egon Günther, ihrer Arbeit als Drehbuchautorin für die DEFA und von den vielen Reisen vor und nach der Wende, in die USA an ein Elite-College, Rom, Sizilien und Tibet. Ihr eigentliches Thema ist aber der Mauerfall und wie sich Ostdeutschland seitdem verändert hat.
 „Man versammelte sich in Kirchen, zog durch die Straßen. Viele reisten nach Prag oder nach Budapest, dort versuchten sie, die Sperre nach dem Westen zu überwinden. Wohnungen standen neuerdings leer. Lehrerinnen, Ärzte fehlten. Die Zurückgebliebenen trauerten, schimpften, packten den Rucksack.“

Die Mauer verlief durch den eigenen Garten

Dem historischen Umbruch vorangegangen sind Lebensjahre in einem maroden Haus im einstigen Grenzgebiet. Das Politische spiegelte sich dort in der Natur wider, in gefällten Bäumen und vergifteten Böden, die allmählich eingemauert wurden, bis die Mauer durch den eigenen Garten verlief. In diesem ursprünglich von einer wohlhabenden jüdischen Familie erbauten Haus erzog Schütz ihre Kinder und ertrug die Überwachung durch die Stasi. Die neuen Bewohner suchen jetzt ihren Rat. Schließlich stellen sie alles so wieder her, so wie es in der Vergangenheit einmal war.
„Der Uferabhang grünte gepflegt wie auf einem Gemälde von Max Liebermann. Ein sanft zum Wasser hin geneigtes Gelände, junge Birken tanzten in lockerer Reihe, wie es sich für einen glücklichen Anfang gehörte. Die Neuen, die Alteigentümernachfahren, hatten Bauzeichnungen, auch alte Bücher und Fotoalben mit Schwarz-Weiß-Fotos aufgestöbert. Das Sommerhaus von außen und von innen. Korbmöbelzeit.“
Längst ist der früher wegen der Anwesenheit der Grenzsoldaten gar nicht begehrte Rückzugort von der Gentrifizierung bedroht. Schütz betrachtet das Haus, in dem sie über Jahre gelebt hat, nun aus der Perspektive der Investoren:
 „Wetten, dass an dem Fleck, wo das Grenzgebietshaus steht, was Großes hingesetzt werden wird, eine Wellnessoase, ein Rosenhof für Senioren, jedenfalls eine Investition, die Geld bringt. So ein Fleck am See ist eine Goldgrube, ein fester Wert, der jeden Tag alleine durchs Dasein an diesem Ort noch mehr gewinnt. Speckgürtel von Berlin.“

Stalin im Klassenzimmer

Was macht es mit einem Menschen, wenn die vertraute Umgebung, die über Jahrzehnte der Mittelpunkt des eigenen Lebens war, plötzlich von zugereisten Fremden beansprucht wird? Die das Alte abwickeln und auf den unbebauten Grundstücken Baukräne aufstellen lassen? Schütz möchte die Überbleibsel, die auf ihr einstiges Leben hindeuten, festhalten. Deshalb reist sie in die Vergangenheit, sprunghaft und ohne jede Chronologie, in ihre kurze Schulzeit, als ein Bild von Stalin im Klassenzimmer hing, oder zu den Resten der Mauer, die sich ihre aus den USA angereisten Studenten in die Taschen stopften. Auch mal in die Gegenwart einer S-Bahn, in der alle auf ihre Smartphones starren, bis auf einen Obdachlosen, mit dem sie ins Gespräch kommt. Oder sie spricht mit Ostdeutschen, die mit der Gegenwart hadern, wie die ältere Frau, der von einem Jugendlichen die Geldbörse entwendet wurde:
 „Vielleicht liegt das ganze traurige Theater an der Einheit, die wir nun haben, oder an der Freiheit in ganz Europa. Früher hätte es das nicht gegeben. Eine Sorte gültiges Geld bis zum Mittelmeer. Wahnsinn. Die Diebe hatten es einesteils leichter, andernteils: Es lohnte sich damals viel weniger, jemanden auszutricksen. Das Geld kostete ja nichts, jedenfalls bei uns die Ostmark, also klaute man zu meiner Zeit statt Geld viel lieber Kirschen in einer volkseigenen Plantage. Jetzt hängt alles am Geld.“
Ähnlich geht es der Autorin selbst, wenn sie versucht, sich auf der Homepage des Finanzamts zurechtzufinden. „Steuererklärungen sind ein Verhängnis. Es gibt sie wohl seit der Antike: In mein Leben sind sie mit emEinigungsvertrag gekommen. Sie stoppen einmal im Jahr für Tage, gar für Wochen meinen Lebenslauf. Arbeiten müssen unterbrochen werden, Ausflüge entfallen. Die Enkel bekommen kein warmes Essen. Manchmal reißt der rote Faden einer angefangenen Geschichte, bloß weil Rechnungen sortiert und Formulare ausgefüllt werden müssen.“
Vom Alltäglichen zum Wesen des Menschen, von der Entzauberung einer Utopie zur digitalen Bürokratie der Zukunft - wieder gelingt Schütz das melancholische, aber nie sentimentale Mosaik eines wechselvollen Lebens. Lebensechte Dialoge erlauben es, ganz nah an die Figuren zu kommen, auch an jene, die an dem vereinigten Deutschland zweifeln.
Helga Schütz: „Heimliche Reisen“
Aufbau Verlag, Berlin.
377 Seiten, 24 Euro.