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Separationsbestrebungen im Nordosten Indiens

Die Inder nennen sie den Hühnerhals, die sieben Staaten im Nordosten des Landes. Doch so entlegen die Staaten auch sind, für die Regierung in Delhi gehören sie zu den zentralen Problemen: Militante Gruppen sorgen für Unruhe. Der Lichtblick in Indiens Nordosten ist Tripura.

Von Marianne Landzettel | 05.03.2011

    40 Minuten dauert der Flug von Calcutta nach Agartala, der Hauptstadt von Tripura. In einem Land mit inzwischen über einer Milliarde Bewohnern ist Tripura mit 3,7 Millionen einer von Indiens kleinsten Staaten. Und Agartala, mit seinen baumbestandenen Straßen und den Häusern, die auch im Zentrum kaum höher als fünf Stockwerke sind, hat einen altmodischen Charme: Selbst in der morgendlichen Rushhour gibt es keine Verkehrsstaus und Jantu Bhattacharya, der Chef der indischen Nachrichtenagentur PTI in Tripura, hat selbstverständlich Zeit für ein Gespräch.

    Noch ein Drittel der Bevölkerung gehört zu Stämmen von Ureinwohnern. Die meisten leben in kleinen Siedlungen in Tripuras Wäldern. Die Mehrheit und die Elite des Staates, erklärt Jantu Bhattacharya, bilden die Bengalis. Seine Familie ist wie viele andere 1947 aus dem neu gegründeten Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesh geflohen. Und das prägt die Identität mehr, als ein indischer Pass:

    "Natürlich sind wir zu allererst Bengalis. Unsere emotionale Bindung an Bangladesch ist sehr, sehr stark."

    Nicht minder stark ist die geografische Bindung: Tripura ist von drei Seiten von Bangladesch umschlossen und nur durch einem 50 Kilometer breiten Landkorridor mit dem angrenzenden Indischen Bundesstaat Assam verbunden. Und Tripura hat mit Ausnahme einer neuen Fabrikationsanlage für die Produktion von Gummifäden keinerlei Industrie. Der Reichtum des Staates sind die Gummibaumplantagen. Ansonsten gibt es Ananas und Jackfrucht, alles andere Obst und Gemüse deckt gerade den Bedarf auf den lokalen Märkten.

    Das bedeutet, dass alle Verbrauchsgüter importiert werden müssen - aus anderen indischen Staaten oder aus Bangladesch. Es ist Freitag, Feiertag im muslimischen Bangladesch. Der Grenzposten in Agartala bleibt für den Güterverkehr geschlossen und die Lkw stauen sich - ein paar auf der indischen Seite, und eine endlose Schlange jenseits des Schlagbaums in Bangladesch.

    Die indische Familie, Vipin Jain, seine Frau und die beiden Kinder, kommen zu Fuß über die Grenze. Sie besuchen Freunde in Tripura. Vipin ist Computer-Ingenieur und arbeitet in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, die nur rund 140 Kilometer von Agartala entfernt ist:

    "Hier kommt man sehr leicht über die Grenze. Es gibt keine Probleme. Fünf Kilometer von hier ist Akhora und von dort gibt es einen direkten Zug nach Dhaka. Der Zug braucht ungefähr zweieinhalb Stunden. Bei den Straßen gibt es einen 15 Kilometer langen Abschnitt, der in sehr schlechtem Zustand ist. Mit dem Auto braucht man ungefähr eine Stunde länger."

    Ein Katzensprung, verglichen mit der Bahn- und Straßenverbindung durch den Hühnerhals zum indischen Kernland. Calcutta, die Hauptstadt West Bengalens, ist fast 1700 Kilometer entfernt. Eine Distanz, die ein Lkw in etwa fünf bis sieben Tagen bewältigt, denn die Straßen lassen oft nicht mehr als Schritttempo zu. Mit der Bahn geht es etwas schneller, aber weil in Assam die Spurbreite wechselt, muss alles umgeladen werden. Um Schmugglern und vor allem den verschiedenen Rebellengruppen das Leben zu erschweren, hat die indische Regierung die 850 Kilometer lange Grenze zwischen Tripura und Bangladesch mit einem Stacheldrahtzaun gesichert. Was den illegalen Warenfluss angeht hat die Maßnahme nur mäßigen Erfolg.

    Das Abkommen, das Indien und Bangladesch beim Besuch Shaik Hassinas in Delhi im Januar 2010 geschlossen haben wird nicht nur den Handel maßgeblich erleichtern, für Tripura und die anderen Staaten im Hühnerhals kommt es einer Revolution gleich: Bangladesch öffnet seinen größten Hafen, Chittagong, für den indischen In- und Export. Von Chittagong bis nach Tripura sind es nur 200 Kilometer und schwere Güter können auf Binnenwasserwegen bis fast zur Grenze gebracht werden. Bereits geliefert worden sind die Turbinen für ein 760 Megawatt Kraftwerk, das die riesigen Erdgas Vorräte in Tripura nutzen wird. In wenigen Monaten soll es ans Netz gehen. Tripura kann dann nicht nur den Eigenbedarf an Energie decken, sondern zu dem die Überschüsse nach Bangladesch exportieren.

    Die verbesserten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Indien und Bangladesch sind nicht nur wirtschaftlich von Vorteil, sagt Jantu Bhattacharya von der Nachrichtenagentur PTI, in Tripura bedeuteten sie als einzigem Staat des indischen Nordostens das Ende für Rebellenbewegungen und militante Gruppen:

    "In Assam, Manipur und auch in Nagaland gibt es weiterhin militante Gruppen. In Tripura haben wir inzwischen eine so friedliche Situation, weil Shaik Hassina, nachdem sie an die Macht kam, ankündigte, dass sie nicht tolerieren würde, wenn militante Gruppen aus Indiens Nordosten von Bangladesch aus operierten. Sie nahm ihre Aufgabe sehr ernst, die Sicherheitskräfte haben viele Camps der Rebellen zerstört und wir haben hier wieder Frieden."

    In Tripura waren es vor allem die Beamten des Landwirtschaftsministeriums, die aus Freiheitskämpfern Bauern machten. Bis in die 90er-Jahre lebten Tripuras Ureinwohner von Brandrodung. Für diesen nicht sesshaften Lebensstil war Grundbesitz unnötig - was sich nach 1947 Hunderttausende von ins Land strömender Bengalen zu Nutze machten, indem sie in großem Stil Land erwarben und den Tripuris die Existenzgrundlage nahmen.

    Inzwischen haben Landwirtschaftsberater 60.000 Ureinwohner überzeugt sesshaft zu werden und auf dem ihnen zugewiesenen Land Gummibäume anzupflanzen. Die meisten sind in Kooperativen organisiert und am späten Vormittag liefern die Zapfer Kanister mit Rohlatex an, die and den Sammelstellen in Fässer umgefüllt werden.

    Das nahe gelegene Dorf besteht aus mehr als einem Dutzend Häusern, jedes mit einem sauber gefegten Hof aus festgestampftem Lehm und einem Garten mit Hühnern, einer Kuh oder auch einem neugierig grunzenden Schwein.

    Vor zehn Jahren hat die Familie angefangen Gummibäume zu pflanzen, erzählt Gubjarani. Damals hätten sie oft nicht einmal genug für eine einzige Mahlzeit am Tag gehabt. Jetzt geht es ihnen gut, strahlt sie, und zeigt auf die Satellitenschüssel neben dem geräumigen, strohgedeckte Haus. Und bis auf die Jüngste, die noch zu klein ist, gehen alle ihre Kinder zur Schule.

    Mit 50.000 Hektar Gummiplantagen ist Tripura nach Kerala im Süden schon jetzt der zweit größte Gummi Produzent Indiens. In den nächsten 20 Jahren soll die Fläche fast verdoppelt werden.

    Noch wird die eingedickte, rohe Latexmilch überwiegend zu Matten gepresst, die dann zum Beispiel zu Autoreifen, Förderbändern oder Dichtungen weiter verarbeitet werden. Für andere Produkte, Wärmflaschen, Kondome, Gummiringe oder Schuhsolen, muss der Rohlatex industriell aufgearbeitet werden. Am Stadtrand von Agartala ist ein Areal für einen Industriepark ausgewiesen. Man wartet nur darauf, dass das geplante neue Erdgas-Kraftwerk ans Netz geht. Mit den neuen Exportmöglichkeiten über den Hafen von Chittagong und den seit zwei Jahren kontinuierlich steigenden Kautschukpreisen ist man nicht nur in Tripura optimistisch: Die Landwirtschaftsexperten gehen davon aus, dass das Konzept "Rohgummi statt Rebellen" langfristig auch in Tripuras Nachbarstaaten funktionieren könnte. Der kurze Flug zwischen Agartala und Calcutta würde dann vielleicht eine von vielen Verbindungen zu Indiens Nordosten.