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StartseiteEuropa heuteSerbien - zehn Jahre nach Milosevics Rücktritt05.10.2010

Serbien - zehn Jahre nach Milosevics Rücktritt

Zeitzeugen berichten, wie sie den Sturz des Diktators erlebt haben

Am 6. Oktober 2000 verkündete der serbische Diktator Slobodan Milosevic seinen Rücktritt - nachdem Hunderte das Parlament gestürmt hatten. Wo steht Serbien heute, zehn Jahre nach Milosevics Sturz?

Von Stephan Ozsváth

Vor zehn wurde Diktator Slobodan Milosevic gestürzt.   (AP)
Vor zehn wurde Diktator Slobodan Milosevic gestürzt. (AP)

Ein Neubauviertel in Neu-Belgrad - Beton reiht sich an Beton - unter den Brücken leben Roma in zusammengezimmerten Wellblechhütten. Die 36-jährige Olga Lazarevic hat hier eine Wohnung gekauft - Und sie war vor zehn Jahren dabei, als Milosevic gestürzt wurde:

"Am 5. Oktober war eine ganz tolle Atmosphäre - Viele Menschen sind Richtung Rathaus gegangen. Viele waren begeistert. Und wir haben gehört, dass Milosevic die Armee vorbereitet hat."

Vor dem Parlament - ganz in Nähe des Belgrader Rathauses - hat sich am 5. Oktober 2000 eine vieltausendköpfige Menschenmenge versammelt. Die Polizei schießt Tränengasgranaten. Es kommt zu Zusammenstößen Mit dabei in der Menge ist auch der Bauunternehmer Ljubisav Djokic. Er fährt mit seinem Bagger vor das Parlamentsgebäude:

"Ich sagte: Leute, steigt in die Baggerschaufel. Ich hob sie hoch bis zum ersten Stock, dann haben sie auch dort Feuer gelegt. Dann fuhr ich zurück und sah, wie sich die Polizei zurückzieht."

Djokic fährt weiter zum Gebäude des Staatsfernsehens RTS, erzählt er. Eine Forderung der Opposition damals: Die Führung des Milosevic-Sprachrohrs soll zurücktreten:

"Wir kamen zum Fernsehen, dort war überall Tränengas. Dort hatten sich 15, 20 Polizisten verschanzt und die schossen wie wild auf mich. Ich machte die Tür kaputt, dann strömten Demonstranten herein. Einer kam zu mir - und sagte: Da ist vorhin ein hoher Offizier auf Deinen Bagger gestiegen und hat auf Dich geschossen."

Dann zeigt "Bagger-Joe", wie er genannt wird, einen Zeitungsartikel:

"Das ist dieser Mann hier - in Den Haag hat er ausgesagt, dass er den Auftrag hatte, mich zu töten."

Der Bagger steht ein paar Kilometer von seiner Wohnung entfernt – in einer Kiesgrube. Der Motor ist ausgebaut – das Metall rostet – aber die Einschusslöcher in den Fenstern des Führerhauses sind noch gut zu sehen

In einem Einkaufszentrum in "Neu-Belgrad" zündet sich Milja Jovanovic eine neue Zigarette an, der Aschenbecher vor ihr füllt sich stetig. Die korpulente Kettenraucherin gehört zu den Gründern der Studentenbewegung "Otpor", die vor 10 Jahren Demos gegen Milosevic organisiert hat:

"Ich denke, es war ein Aufstand, keine Revolution. Und das ganze System, wie Politik funktioniert - ist nicht sehr verändert worden. Und mich hat immer sehr geärgert, dass die Leute diesen CIA-Unsinn erzählt haben, dass Otpor von außen gesteuert wurde."

Die Knez Mihajlova - die Fußgängerzone in der Innenstadt der serbischen Hauptstadt. Sonja Biserko - die Grande-Dame der serbischen Demokratie-Bewegung nippt an ihrem Kaffee. Der Geist Milosevics ist - zehn Jahre nach seinem Sturz - weiter lebendig, sagt die Präsidentin des Belgrader Helsinki-Komitees. Die Grenzfragen sollen offen bleiben:

"Ich glaube, dass die Elite Serbiens darauf setzt. Sie wollen die EU nicht, das sind nur leere Worte, sie wollen nur das Geld. Und deswegen ist Mladic so wichtig - sie halten ihn fern von Den Haag, solange sie glauben, mit der EU spielen zu können, um Geld für ihr politisches Überleben zu bekommen. Sie verschleiern ihre wahren Interessen, nämlich die Teilung von Bosnien."

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