Mittwoch, 08. Dezember 2021

Archiv

Serie: Buddhismus in DeutschlandDer Weg zu mehr Ruhe, Klarheit und Gelassenheit

Seit Ende des 19. Jahrhunderts interessierte man sich vor allem im deutschen Bildungsbürgertum für den Buddhismus. 1903 gründete der Indologe Karl Seidensticker in Leipzig den ersten buddhistischen Verein im deutschen Kaiserreich. Heute gibt es in Deutschland Organisationen fast aller buddhistischer Traditionen.

Von Jan Tengeler | 29.04.2014

Thich Nhat Hanh, buddhistischer Mönch, Schriftsteller und Lyriker
Thich Nhat Hanh, buddhistischer Mönch, Schriftsteller und Lyriker, ist auch in Deutschland ein Publikumsmagnet. (picture-alliance/ dpa / Jogye Temple)
Immer mehr Intellektuelle, die es sich leisten konnten, reisten nun in den Fernen Osten, um dort den Buddhismus sozusagen aus erster Hand kennenzulernen, wie etwa der Arzt Paul Dahlke, der in den 1920er-Jahren das erste buddhistische Kloster in Berlin errichtet, das "Buddhistischen Haus".
1922 veröffentlichte Hermann Hesse dann seinen Roman "Siddhartha", in dem er der Gründergestalt des Buddhismus, Siddhartha Gautama, ein literarisches Denkmal setzte.
In den 30er-Jahren hatten einige Nationalsozialisten im Zusammenhang mit der Erforschung der Ursprünge der arischen Rasse ein besonderes Interesse an Indien. Und so sie machten die indische Swastika zu ihrem Hakenkreuz. SS-Reichsführer Himmler schickte sogar eine Expedition nach Tibet, um nach Spuren der arischen Urreligion in buddhistischen Schriften zu forschen.
Aber insgesamt war die Zeit des Nationalsozialismus eine Zeit des Stillstandes für den Buddhismus in Deutschland. Manche Gruppierungen lösten sich sogar auf.
Neuausrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es dann zu einer Wiederbelebung zunächst des klassischen Theravada-Buddhismus, die 1955 zur Gründung des ersten Dachverbandes Deutscher Buddhisten führte.
Gleichzeitig wuchs jetzt auch das Interesse am japanischen Zen-Buddhismus, den der Philosoph Eugen Herrigel mit seinem Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" bekannt machte.
Parallel zu dem von Deutschen importierten Buddhismus kamen nun auch mehr Einwanderer aus asiatischen Ländern und brachten ihre eigenen religiösen Traditionen des Buddhismus mit. Die Zahl der ethnischen Buddhisten schätzt der Erziehungs- und Religionswissenschaftler Olaf Beuchling, der auch am Zentrum für Buddhismuskunde an der Universität Hamburg lehrt, heute auf etwa 250.000.
Olaf Beuchling:
"Generell sind die asiatischen buddhistischen Gemeinschaften relativ unsichtbar, auch wenn man sich mit dem Thema befasst hat, muss man bestimmte Gemeinschaften wirklich suchen, man kann nicht einfach das Telefonbuch aufschlagen und dann sieht man das. Und dann entdeckt man plötzlich, dass es Abseits der großen Straßen hier ein sehr reges vitales buddhistisches Leben von Zuwanderergemeinschaften gibt, womit man nicht gerechnet hat. Es gibt viele Pagoden im asiatischen Stil, die mehr und mehr auch das architektonische Bild prägen. Die vietnamesischen Gemeinden sind mit 150.000 Menschen relativ groß."
Großer Einfluss der Vietnamesen
Buddhisten aus Vietnam sind als Bootsflüchtlinge nach 1975 in Westdeutschland aufgenommen worden oder sie kamen als Vertragsarbeiter in die DDR. Die Pagoden beziehungsweise kleinen Klostergemeinschaften, die sie hier aufgebaut haben, sind ein Abbild des buddhistischen Lebens in Südostasien.
Olaf Beuchling:
"Der zweite Aspekt ist, dass buddhistische Klöster immer auch soziale Treffpunkte sind für die jeweiligen Gemeinden, die dort hingehen, zusammen feiern, zum Teil gemeinsame Zeremonien machen, zusammen essen, nach jeder offiziellen Zeremonie gibt es ein gemeinsames Essen der Gemeindemitglieder. Nationale Ausrichtungen treten in Diaspora noch verstärkt auf, die soziale Komponente ist etwas stärker."
Um in der fremden Umgebung nicht aufzufallen, halten sich die asiatischen Buddhisten in Deutschland mit ihrer Religion im öffentlichen Leben eher zurück. Sie leben den Buddhismus oft auf eine volkstümliche und einfache Weise.
Zuständig für die spirituellen Inhalte sind in den asiatischen Ländern die Mönche, die den Menschen außerhalb der Klostermauern in ihrem gesamten religiösen Leben zur Seite stehen und als Gegenleistung wird dann das Leben der Mönche im Kloster unterstützt. Christoph Bangert, Leiter des buddhistischen Zentrums in Köln:
"Die Klöster stellen auch gleichzeitig die Bildung bereit, weil es kein Schulsystem, wie bei uns gibt. In Tibet geht mindestens ein Kind ins Kloster, das war eine Ehre, wenn die das machen konnten. Die praktizieren sehr intensiv und stellen Spiritualität als Dienstleistung für den Rest der Bevölkerung zur Verfügung, dass man Zeremonien durchführt, wenn Leute krank sind oder sterben, man geht in Familien, das ist ein Geben und Nehmen. Die Klöster werden unterstützt von Gemeinden, aber gleichzeitig ist es auch eine Dienstleistung, die sie geben, einmal Bildung, aber auch, dass sie die Menschen in ihrer Spiritualität unterstützen."
Die Art und Weise, wie der Buddhismus in den Herkunftsländern gelebt wird, diese Mischung aus monastischer Tradition einerseits und Volksreligiosität andererseits, sei aber kein Modell für den Westen, betont Bangert. Das hätten auch jene Tibeter schnell gemerkt, die ihr Land in den 50er-Jahren verlassen haben, um vor den chinesischen Besatzern zu fliehen.
Verschiedene Schulen des tibetischen Buddhismus in Deutschland
Zuvor hatte man in Deutschland kaum Notiz davon genommen, dass in Tibet eine ganz besondere Form des Buddhismus entstanden war, in der sich die alten Lehren mit den exotisch anmutenden Ritualen einer animistischen Kultur verbunden hatten.
In den letzten Jahrzehnten haben sich verschiedene Schulen des tibetischen Buddhismus auch in Deutschland erfolgreich etabliert. Allerdings nicht in ihrer ursprünglichen Form, wie Olaf Beuchling betont:
"Es gibt einige Zentren, die einen Residentlama haben, ein Mönch, der die geistige Leitung übernommen hat und der dann vier mal die Woche Meditationen anbietet, anleitet oder für Frage Antwort Sitzungen zur Verfügung steht. Es gibt auch größere Zentren, wo die Einleitung durch deutsche Buddhisten übernommen wird, die dann auch keinen Mönch mehr da haben. Das ist auch so gewollt, weil man den Buddhismus an die deutsche Umwelt anpassen möchte und nicht so stark folkloristisch wirken möchte. Deutsch unterrichten."
Buddhistische Leitfiguren als Publikumsmagneten
Bis heute ist es immer noch etwas Besonderes, wenn der geistliche Führer einer bestimmten buddhistischen Schule aus Asien seine Anhängern im Westen besucht. Ganz gleich ob der tibetische Dalai Lama oder der aus Vietnam stammende Thich Nath Than kommen - die bedeutendsten buddhistischen Leitfiguren sind auch immer große Publikumsmagneten.
Obwohl jede übertriebene Form der Verehrung, die solche Führungspersönlichkeiten zu Heiligen macht, dem buddhistischen Grundsatz widerspricht, dass jeder Lehrer auch kritisch zu hinterfragen ist.
Anderseits gehört es aber zu den Prinzipien des Buddhismus, dass ein Lehrer, der die Wahrhaftigkeit und Authentizität einer bestimmten Schule verkörpert, dies weitergeben soll. Olaf Beuchling:
"Natürlich gibt es die Autorisierung, eine Lehrbefugnis, sodass man auch weitere Schüler lehren kann, das sollte eine ungebrochene Kette sein, die man zurückverfolgen kann, dass man dann auch einen schriftlichen Beleg hat, Meister X hat mir eine schriftliche Lehrbefugnis gegeben."
Ole Nydahl ist der bekannteste konvertierte Buddhist
Der Däne Ole Nydahl, hier bei einem seiner Internetauftritte, ist hierzulande der bekannteste konvertierte Buddhist. Seit den 1970er-Jahren bringt er die Lehren der Karma Kargüye Linie, eine der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus in den Westen.
Und das mit großem Erfolg. Nydahl hat weltweit über 600 Zentren dieser buddhistischen Schule gegründet. Allein in Deutschland sind seine Anhänger, abgesehen von den asiatisch-stämmigen Buddhisten, mit geschätzten 30.000 Mitgliedern, die größte buddhistische Gruppierung.
Nydahl ist das Paradebeispiel des modernen Sinnsuchenden, der sich im Zuge der 68er-Bewegung von den Werten der westlichen Gesellschaft abwandt hatte, um dann in Asien spirituelle Erfahrungen zu machen. Eine spannende Lebensgeschichte, die Nydahl gut einzusetzen weiß.
Der spöttisch "Wikinger-Buddha" oder "Wellness-Buddhist" genannte Nydahl hat aber nicht nur viele Fans, sondern wird auch heftig kritisiert, sowohl von kirchlichen Kreisen als auch innerhalb der buddhistischen Szene. Ob Ole Nydahl sich tatsächlich als Lama bezeichnen darf, ob er also wirklich eine offizielle Lehrbefugnis von einem tibetischen Meister erhalten hat, darüber wurde sogar öffentlich gestritten, wie Olaf Beuchling berichtet:
"Man muss auch bedenken, dass es mindestens drei hochrangige Würdenträger gibt, die wieder ihre eigene Schulen haben, die selber als Vorsitzende einer Traditionslinie erachtet werden und insofern gibt es auch ein gewisses Konkurrenzverhältnis und manchmal werden die Streitigkeiten nach Europa getragen, dann gibt es Gerüchte, man stellt die Lehrausrichtung in Frage und so weiter . Wenn wir das auf Deutschland beziehen, dann gibt es die Metapher des religiösen Wettbewerbs, dass Religion nicht einfach nur nebeneinander her existieren, sondern dass sie um potenzielle Mitglieder werben."
Es ist schwierig, eine Gesamtzahl der deutscher Buddhisten anzugeben, schließlich gibt es kein offizielles Register wie bei den Kirchen. Die Schätzungen variieren zwischen 100.000 und 350.000.
Die Konkurrenz auf dem buddhistischen Markt sei mittlerweile beachtlich, alleine in einer Großstadt wie Hamburg würden sich rund 50 verschiedene Gruppierungen um den interessierten Laien bemühen, so der Erziehungs- und Religionswissenschaftler Olaf Beuchling.
Buddhismus ist stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt
Dazu kommen auch Angebote, die nicht direkt mit den religiösen Lehren des Buddhismus verbunden sind, die sich aber mehr oder weniger stark davon beeinflusst sehen. Angefangen bei asiatischer Kampfkunst über tibetisches Yoga bis hin zu derzeit sehr populären Achtsamkeitsübungen. Alle diese Angebote für einen besseren Umgang mit dem eigenen Körper, zur Förderung des inneren Friedens und dem schonenden Umgang mit Umwelt und Mitmenschen haben Konjunktur.
Und das wirkt sich auch bis in die deutschen Gärten aus, in denen immer weniger Gartenzwerge, aber immer häufiger die sanft lächelnden Buddha-Figuren anzutreffen sind.
Doch dies alles als eine Modeerscheinung zu belächeln und als vorübergehenden Trend abzutun, hält der Religionswissenschaftler Olaf Beuchling für eine völlige Fehleinschätzung:
"Das ist kein Lifestyle, das sind ernsthafte Gruppierungen mit ernsthaft interessierten Menschen, das ist nicht modischer als die evangelische Kirche oder der Islam."
Ernst zu nehmen sei vor allem der Grund, aus welchem sich die Menschen im Westen den religiösen Lehren des Buddhismus zuwendeten. Meistens stehe dahinter ein gewisser Leidensdruck, wie Christoph Bangert vom buddhistischen Nyingma-Zentrum in Köln bestätigt:
"Was kann mir der Buddhismus bieten, was mein Leben leichter macht, oft ist das ja der erste Impuls. Die wollen ja nicht in erster Linie mitfühlende Wesen werden, sondern die sagen: So, wie das bisher läuft, geht das nicht weiter. Mein Job stresst mich, zu Hause habe ich Stress mit der Familie."
Buddhismus ist als Erfahrungsreligion für viele interessant
Anziehend für viele Menschen ist dabei heutzutage auch, dass der Buddhismus keine Glaubensreligion ist. Man muss nicht etwas glauben, was von anderen vorgegeben wird. Der Buddhismus ist eine Erfahrungsreligion, bei der es im Kern darum geht, durch Meditation zu mehr Ruhe, Klarheit und Gelassenheit zu kommen.
Aber es wird immer auch die Frage gestellt, ob der Buddhismus in der westlichen Welt, nicht zu stark den westlichen Lebensgewohnheiten angepasst werde und letztlich kaum noch als Buddhismus bezeichnet werden könne.
Christoph Bangert teilt diese Bedenken nicht. Der Buddhismus in der westlichen Welt ist für ihn ein offenes Experiment. Immerhin habe der Buddhismus über Jahrtausende in den unterschiedlichsten asiatischen Ländern gezeigt, wie anpassungsfähig er ist, ohne dabei den Kern seiner Lehre zu verlieren: nämlich Leid zu vermeiden und Glück zu erfahren.
Aber geht es im Buddhismus letztlich nicht darum, die Erleuchtung zu erlangen? Der Religionswissenschaftler Olaf Beuchling hat die Erfahrung gemacht, dass sich im Blick auf das letzte große Ziel nämlich "die Erleuchtung" im Westen aber genauso auch in Asien die Erwartungen verändert haben:
"Es ist nicht das Ziel der meisten Buddhisten die Erleuchtung zu erlangen, um aus dem Kreislauf der Wiedergeburt auszusteigen. Ich habe sehr viele Interviews gemacht mit deutschen und asiatischen Buddhisten, explizit hat das keiner gesagt als sein Ziel, das ist zu weit weg, wie eine Erlösungsvorstellung, das teilen die modernen Menschen in der Regel nicht mehr."