Montag, 15.07.2019
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteSport am WochenendeWie Skigebiete auf den Klimawandel reagieren06.01.2019

Serie: Endspiel ums Klima (2)Wie Skigebiete auf den Klimawandel reagieren

Der Wintersport ist abhängig vom Schnee - und der ist in vielen Regionen bereits Mangelware. In den Skigebieten müssen sich die Gemeinden bei der Organisation von Großveranstaltungen deshalb umstellen. Einige gehen das Thema Nachhaltigkeit dabei offensiv an.

Von Susanne Lettenbauer

Schneekanone auf einer Skipiste am Fuße des Fichtelbergs in Oberwiesenthal, Sachsen. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
Der Wintersport ist abhängig von Schnee und Eis. Aber was passiert mit den Pisten und Loipen, wenn es keinen Winter mehr gibt? (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
Mehr zum Thema

Endspiel ums Klima – Welchen Beitrag leistet der Sport?

Endspiel ums Klima (1) Klimasünder Fußballfan

Start in die Ski-Saison Sommerfeeling auf der Piste

Skihallen Das ganze Jahr Schneevergnügen oder weißer Wahnsinn?

Klimawandel in den Alpen Der Kampf um den Schnee

Klimawandel und Wintersport "Der Sport muss den Umweltregeln folgen"

Mitte Dezember im italienischen Wintersportort Cortina d'Ampezzo. Im Großraumbüro des Organisationsteams des Skiweltcups 2019 und der Ski-Weltmeisterschaften 2021 herrscht rege Geschäftigkeit. Zahlreiche E-Bikes der Mitarbeiter stehen vor der Tür. Michele Di Gallo, der 39-jährige Generalsekretär, schaut mit gerunzelter Stirn nach draußen auf die braunen Hänge der umliegenden, berühmten Berge der Dolomiten. Der Monte Cristallo, der Tofane, der Sorapiss, der Monte Pelmo:

"Wenn ich aus dem Fenster schaue, bin ich schon etwas besorgt, denn unser Weltcup ist schon in wenigen Wochen und die Olympialoipe ist nicht einsatzfähig, weil einfach kein Schnee da ist. Das ist ein Problem."

Majestätisch erhebt sich der Monte Cristallo über Cortina d'Ampezzo. Der Ort im Herzen des UNESCO-Weltnaturerbes Dolomiten ist vor allem als beliebter Skiurlaubsort bekannt, (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)Der Monte Cristallo erhebt sich über Cortina d'Ampezzo (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Schneekanonen laufen Tag und Nacht 

Die Schneekanonen an den Olympiapisten oberhalb des 6000-Einwohner-Ortes laufen Tag und Nacht. Zumindest die Temperaturen stimmen, sie liegen Mitte Dezember bei Minus fünf Grad, nur der Schnee kommt nicht. 

"Natürlich arbeiten wir mit den Bergbahnen Cortinas eng zusammen, um die modernsten Technologien der Beschneiungstechnik zu garantieren - gemäß unserer Nachhaltigkeitsoffensive. Dazu gehört eine Reduzierung des Strom- und Wasserverbrauchs. Aber ja, mit Blick in die Zukunft müssen wir uns künftig umstellen bei der Organisation von Großveranstaltungen in den Bergen", weiß Organisationschef Di Gallo. 

Um Nachhaltigkeit, also "Sustainability" der Alpinen Skiweltmeisterschaften 2021, kümmert sich bei ihm die vor einem Jahr eigens angestellte Umweltfachfrau Susanna Sieff. "Wir versuchen unser Bestes. Wir haben neue Schneemaschinen angeschafft mit Niedrigdruck, also nicht die herkömmlichen Hochdruckkanonen. Außerdem verwenden wir keine chemischen oder bakteriellen Zusätze wie andernorts."

Sieff betreute bereits das Umweltmanagement der Olympischen Spiele in Turin 2006. Ihr Schwerpunkt liegt auf der steigenden Luftbelastung durch den Autoverkehr. Natürlich kennt sie die grundlegende Ökorichtlinie, das "Mainau-Manifest" des Internationalen Skiverbandes FIS, das unter anderem festlegt, Zitat: "Die FIS nimmt in ihre Satzung den Grundsatz auf, bei der Ausübung des Skisports Rücksicht auf Natur und Landschaft zu nehmen." Das Manifest wurde 1994 verabschiedet.

Der kleine Konstantin steht am 22.01.2014 mit seinem Schlitten vor einer Schneekanone in Braunlage (picture alliance / ZB / Matthias Bein)Ohne Schneekanonen geht in den meisten Skigebieten heute nichts mehr (picture alliance / ZB / Matthias Bein)

Temporäre Trafostationen für erneuerbare Energie 

Zwei Wochen später. Die Alpen versinken in einem Schneechaos. Es herrscht Lawinengefahr Stufe 4. Auf den sorgfältig präparierten Pisten und Loipen der Olympiaregion Seefeld liegt ein Meter Neuschnee. 

"Es wäre fahrlässig und einfach nicht ehrlich und korrekt, wenn man sagen würde, eine Sportgroßveranstaltung hat keine Auswirkungen auf Umweltressourcen", Christian Scherer, Chef des Seefelder Organisationsteams, geht das Thema Nachhaltigkeit offensiv an. Sein Büro in der Seefelder Hauptzentrale - ein Überbleibsel von der Ski-WM 1985 - sei von dem neuen skandinavischen Großsponsor Stora Enso nachhaltig umgebaut worden. Alle dringend notwendigen Modernisierungen wie der neue WM-Turm und der neue Schanzenlift seien aus Umweltschutzgründen in vegetationsarmen Monaten gebaut worden, heißt es von den Veranstaltern.

Bei der Seefelder Ski-WM kommen außerdem mobile Bauten in Modulbauweise zum Einsatz, die bei späteren Großveranstaltungen in Tirol wieder verwendet werden könnten. Man setzt für die Stromversorgung zusätzlich auf temporäre Trafostationen für erneuerbare Energie anstelle von Dieselaggregaten.

"Beispielsweise hier in Seefeld wurde im Rahmen des Infrastrukturpaktes FIS Nordische Skiweltmeisterschaften Seefeld 2019 ein großer Beschneiungsteich mit einer Kapazität von 110.000 Kubikmeter Wasser gebaut, der eine Grundbeschneiung der Loipen und Schanzen in 48 Stunden gewährleistet, der so positioniert wurde, dass mit Eigendruck beschneit werden kann, sprich der Speicherteich ist wesentlich höher als die Schneeerzeuger, sprich, ich denke, das sind doch Investitionen in die Zukunft."

Kostenlose Anreise mit der Bundesbahn

Außerdem setzen die Stadt Seefeld und Scherers Organisationsteam auf ein neues Verkehrskonzept: Wer ein Ticket für die Weltmeisterschaft erwirbt, kann für die An- und Abreise am eigens neu gebauten Seefelder Bahnhof kostenlos die Österreichische Bundesbahn wie auch die Werdenfelser Züge der Deutschen Bahn ab München benutzen, ein sechsstelliger Kostenfaktor, betont Cheforganisator Scherer.

Die FIS sollte über Änderungen nachdenken, sagt Robert Kaspar, Professor für Sportmanagement an der Privatuniversität Schloss Seeburg bei Salzburg. Ein Skiweltcupauftakt Ende Oktober sei einfach nicht naturgemäß.

Kaspar koordinierte 2017 die Sonderprojekte der Special Olympics, war 2001 Geschäftsführer der Bewerbung für die Olympischen Spiele Salzburg 2010. Hielt Vorträge zu Nachhaltigkeit vor dem IOC in Vancouver. Der derzeitige Trend, Wettkämpfe kompakter, kürzer und fernsehgerechter zusammenzudrängen, sei aber auch nicht der Königsweg, so Kaspar: "Man muss beide Seiten sehen. Gerade im Schneesport hat der lange Veranstaltungsraum den Vorteil, dass man bei extremen Schneeverhältnissen bei schlechtem Wetter Ausweichmöglichkeiten hat."

Vorhandene Weltcup- oder WM-Infrastrukturen nutzen

Um Nachhaltigkeit kommt die FIS, der Internationale Skisportverband, aber auch das IOC, Internationale Olympische Komitee nicht mehr herum. Einerseits fordern es die Zuschauer und Anwohner, andererseits fordern es aber auch die Austragungsorte. Arno Kompatscher, Landeshauptmann von Südtirol, das sich um die Austragung der Winterolympia 2026 bewirbt, sieht es als ein zentrales Thema der Zukunft.

"Ich habe das seit Jahren schon auch mit Nachdruck den Vertretern des IOC gesagt, man müsse die Regeln grundlegend ändern, um noch künftig olympische Spiele in Europa haben zu können, sonst wäre die Bevölkerung ganz einfach dagegen." Umweltverträgliche Skiweltmeisterschaften sind machbar und müssen generell nicht teurer sein als bisher, betont der Experte. Vor allem wenn man sich auf Austragungsorte beschränkt oder an sie  zurückkehrt, wo Weltcup- oder WM-Infrastrukturen bereits vorhanden sind.

Ausweg Grasskifahren?

Ein Trost bleibt für alle Skisportfans: Sollte es in Zukunft schneefreie Winter geben, dürfte eine Randsportart des Internationalen Skiverbandes FIS stärker in den medialen und touristischen Fokus rücken: Das Grasskifahren. Skifahren auf Grashügeln. Skischuhe, Skistöcke, Helm und Rückenprotektor sind dieselben wie beim Alpinskifahren.

Die ersten Grasski-Weltcuprennen fanden im Mai 2000 in Bursa in der Türkei statt. Der Austria Cup 2019 beginnt im Mai im niederösterreichischen Schwarzenbach. Wettkämpfe in der Erfindung aus dem schwäbischen Geislingen findet man sogar im Iran, Japan und China. Ob diese Sportart umweltfreundlicher ist, ist fraglich.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk