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StartseiteCorsoTypisch Refn!17.06.2019

Serie "Too Old To Die Young"Typisch Refn!

Kult-Regisseur Nicolas Winding Refn macht eine eigene Serie und schickt einen Auftragskiller auf einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und japanische Verbrechersyndikate. Thema und Stil sind bekannt, deshalb kommt irgendwann Langeweile auf.

Von Julian Ignatowitsch

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Nicolas Winding Refn beim Fotocall für "Old To Die Young" Photocall beim 72. Internationalen Film Festival in Cannes. (picture alliance / Aurore Marechal)
Regisseur Nicolas Winding Refn stellte seine Serie beim 72. Filmfestival in Cannes vor (picture alliance / Aurore Marechal)
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Ein Mann am Fenster in einem Motelzimmer vor beigen Gardinen, die im Gegenlicht der Sonne leuchten. Er schaut hinaus, nachdenklich, bewegungslos. "Sieh mich an!" Wie ein Gemälde von Edward Hopper erscheint die erste lange Einstellung in der neuen Serie von Kult-Regisseur Nicolas Winding Refn. Der Mann dreht sich langsam um, er sieht eine Frau. "Gefällt dir, was du siehst?"

Nicht-Orte ohne Gesetze und Regeln

Trotz der scheinbar intimen Atmosphäre bleibt das Paar auf Distanz. Die Einsamkeit des Menschen in der kultivierten Gesellschaft, beim postmodernen Refn wie beim modernen Hopper ein Dauerthema. Und nicht umsonst suchen die Charaktere des Filme- und jetzt Serienmachers Refn immer wieder die abgelegenen Orte unserer Zivilisation auf. Dunkle Hinterzimmer, schäbige Bars, leerstehende Fabrikhallen: Heterotopien, Nicht-Orte also, um mit dem postmodernen Theoretiker Michel Foucault zu sprechen, an denen die Gesetze und Regeln des Alltags nicht zu gelten scheinen, in denen gezockt, gefickt und gefoltert wird.

Die Filme Refns sind in dieser Hinsicht ein einziges Heterotop. Sie folgen ihren eigenen Gesetzen und Regeln. Genau das gilt auch für seine erste Serie "Too Old To Die Young", die zahlreiche Querverweise und Zitate auf seine früheren Filme enthält. "Die sind tot!"

Martial Arts-Elemente

Angefangen beim Thema: Der Polizist Martin Jones – der Mann aus dem Hotelzimmer - führt ein Doppelleben als Auftragskiller in Los Angeles. "Ich stehe in einem Kühlraum." Er fährt stylische Autos und verkehrt in der Unterwelt. Klingt stark nach "Drive", Refns Erfolgsfilm von 2011. Sieht auch stark so aus und hört sich im Soundtrack auch stark so an.

Dazu kommen Martial Arts-Elemente und fernöstliche Verbrechersyndikate wie in "Only God Forgives" von 2013, Drogenexzesse wie in der "Pusher"-Trilogie ab 1996 und junge, hübsche Frauen, Models, die wie in "The Neon Demon" von 2016 missbraucht und abgeschlachtet werden. "Willst Du mir nicht helfen? - Nein."

Schauspieler Miles Teller, als Polizist und Auftragskiller Martin, ist in dieser Serie quasi das Ryan Gosling-Double. Gosling gab zweimal den Protagonisten in Refns Filmen: Er schaut genauso ungerührt, genauso stoisch und - ja - auch fast genauso gut aus. "Ich mache das nicht mehr."

Nah am Zynismus und irgendwie nervtötend

Die Serie trägt auch den typischen Refn-Stil: Langsame, lange, fein säuberlich arrangierte Einstellungen, viel Zentralperspektive, generell düstere Kulisse, aufgeladen mit knalligen Leuchteffekten und hohen Kontrasten. 

Intensiv, brutal, kühl, um sich selbst kreisend, nah am Zynismus und irgendwie nervtötend - so lässt sich die Serie ganz im Sinne von Refns Filmen - beschreiben. "Die Welt ist grausam". Der exzentrische Regisseur zwingt den Zuschauern seine ästhetisch-schaurigen Bilder auf und fordert dabei in "Too Old To Die Young" noch mehr Geduld und Durchhaltevermögen ein als bislang. "Und jetzt verpiss Dich."

Viel Selbstzitat und Egozentrik

Das Premieren-Publikum in Cannes war gespalten: Manche verließen den Saal, manche applaudierten lautstark. Genauso ist - oder war - das bei Refn. Man liebt ihn oder man hasst ihn.Vielleicht ist man aber auch irgendwann gelangweilt von soviel Selbstzitat und Egozentrik. "Denn eines fehlt der Serie in jedem Fall: das Überraschende. Wer Refn kennt, hat all das schon gesehen und fühlt sich an Literat Bret Easton Ellis erinnert - ein ganz ähnlicher Künstlertyp - der sich nach "American Psycho" nur noch wiederholt hat.

Der Kritiker also gähnt - Mein Fazit: Liebe und Lust sind der Langeweile gewichen!

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