Mittwoch, 17. August 2022

Frauen im Fußball
Sexismus auch heute noch ein großes Problem

Die Stadien bei der Fußball-EM der Frauen sind so voll wie nie zuvor. Die Aufmerksamkeit für die deutschen Spielerinnen ist so groß wie selten. Eine Recherche von NDR und Süddeutscher Zeitung zeigt jedoch, dass Fußballerinnen aus allen Ligen in Deutschland im Alltag regelmäßig mit Sexismus konfrontiert sind.

Von Elena Kuch, Lena Gürtler, Hendrik Maaßen und Marcus Engert | 21.07.2022

    Fußballerinnen sind auch heute noch Sexismus im Profi- und Amateurbereich ausgesetzt.
    Fußballerinnen sind auch heute noch Sexismus im Profi- und Amateurbereich ausgesetzt. (IMAGO/Eibner)
    Almuth Schult hat so ziemlich alles gewonnen, was das Fußballerinnenherz begehrt. Sie war lange die Nummer eins im deutschen Tor der Fußballnationalmannschaft. Ein Big Player im Fußballgeschäft, könnte man sagen und trotzdem gerät sie immer wieder in seltsame Situationen. Zum Beispiel bei Interviews: "Wenn man von Journalisten angesprochen wird. Und wie fühlt sich das dann an, wenn man als eine der wenigen in der Mannschaft einen Mann liebt und keine Frau? Es ist wie das Vorurteil, dass nur Lesben Fußball spielen. Da merkt man das."
    Auch Tabea Kemmes fußballerische Bilanz ist beachtlich: Sie war deutsche Meisterin, englische Meisterin, Champions League Siegerin und Olympia Siegerin - muss sich aber mit Blick auf ein Fußballspiel solche Gespräche gefallen lassen: "Das war jetzt erst letzte Woche, wenn man in den Austausch geht und dann sagt, wir ja hier, die, die eine […], die ist auch richtig heiß, die würde ich auch mal wegbügeln wollen."

    Sexistische Sprüche von Zuschauern und Vereinskollegen

    "Sieht aus wie ein Mannsweib, die mit den kurzen Haaren sollte bei uns spielen. Ist es überhaupt eine Frau oder nicht? Na ja, Gott sei Dank hat sie ja Brüste." Das sind Zuschauersprüche, die Franziska Bielfeld immer wieder hört. Sie ist Amateur-Fußballerin, spielt seit 22 Jahren und war unter anderem Kreismeisterin.
    Einmal ergreift sie das Wort bei einer Spartensitzung ihres Sportvereins in Schleswig-Holstein. Sie beschwert sich im Namen der Mannschaft, über die Sprüche von Zuschauern und auch Vereinskollegen und fordert eine klare Haltung im Verein. Die Reaktion sei zunächst betretenes Schweigen gewesen, berichtet sie. "Und dann sagte mein Trainer: Jungs, ihr kennt ja euer Jagdrevier. Und denn musste gar nicht weitergesprochen werden, weil halt alle gelacht haben.

    DFB-Generalsekretärin: Jeder Fall ist einer zu viel

    Der Trainer bewertet die Situation anders: Er habe sich an die männlichen Spieler gewannt, damit sie in ihrem Umfeld interessierte Spielerinnen für die Frauenmannschaft suchen. Das Anliegen sei allerdings berechtigt gewesen. Heike Ullrich, Generalsekretärin beim Deutschen Fußballbund und langjährig mit Frauenfußball befasst, sagt zur Diskriminierung von Frauen im Fußball: "Jeder Fall der auch wahrgenommenen Grenzüberschreitungen ist einer zu viel. Das muss angesprochen werden."
    Und dennoch scheinen Frauen in der Fußballwelt noch immer keine Selbstverständlichkeit zu sein. Eine ehemalige Bundesligistin, die lieber anonym bleiben möchte, berichtet: "Ich hatte das Gefühl, dass unser Trainer nicht besonders glücklich war, dass er eine Frauenmannschaft trainiert. Es kamen immer wieder Sprüche wie, dass wir ja eh nie das Niveau der Männer erreichen würden. Oder in die Richtung: Ihr könnt es eh nicht, Ihr seid ja Frauen. Man wird einfach nicht ernst genommen als professionelle Athletin."

    Ungleichbehandlung in Vereinen zählt längst nicht zur Vergangenheit

    Natürlich gäbe es im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten auch mehr Anerkennung und Akzeptanz berichten viele Spielerinnen gegenüber NDR und SZ, doch die Ungleichbehandlung in den Vereinen zähle längst nicht zur Vergangenheit. Im Amateurbereich, wie Franziska Bielfeld sagt: "Das sind Kommentare. Das sind Trainingszeiten, die schlecht sind. Das sind Anstoßzeiten, die schlecht sind. Das ist fehlende Öffentlichkeit."
    Und auch im Profibericht, wie Almuth Schult berichtet. Ihr ehemaliger Verein VfL Wolfsburg hat sieben Meistertitel auf dem Konto. Die männlichen Kollegen waren ein Mal deutscher Meister: "Unser Gym ist auch nicht so groß wie von den Männern. Wir haben keine Becken, keine Sauna. Das ist bei den Männern dann schon da."
    Die Neuinstallation der Sauna im Frauenbereich erfolge in Kürze, schreibt der VfL Wolfsburg dazu und fügt hinzu, dass 2019 ein neuer Kabinentrakt inklusive Fitnessraum entstanden sei. Doch Spielerinnen wie  Almuth Schult geht es um mehr. Mit höheren Investitionen in den Frauenfußball in Deutschland, könnten die Frauen auch mehr einspielen, sagt sie: "Es ist gerade das Momentum dafür, einen Wandel hervorzurufen. Es geht […] um Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Und dieses Momentum sollte man nutzen."