Sexuelle Gewalt im Erzbistum Köln"Die Kirche definiert selber, welche Akten sie freigibt"

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki werde seinem hohen Anspruch nicht gerecht, den Umgang mit sexueller Gewalt im Erzbistum aufzuklären, sagte der Kirchenkritiker Carsten Frerk im Dlf. Das ändere auch das veröffentlichte Gutachten nicht. Dieses basiere auf Quellen, die das Bistum vorsortiert habe.

Carsten Frerk im Gespräch mit Dirk Müller | 18.03.2021

Kardinal Rainer Maria Woelki hält das Gutachten kurz nach der Veröffentlichung in der Hand.
Kardinal Rainer Maria Woelki kannte das Gutachten bis zur Veröffentlichung am 18. März nicht, über die Bereitstellung der Quellen habe das Bistum aber Einfluss auf die Ergebnisse nehmen können, sagte der Kirchenkritiker Carsten Frerk im Interview (picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Ina Fassbender)
Am 18. März wurde ein Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke zum Umgang des Kölner Erzbistums mit Fällen sexueller Gewalt veröffentlicht. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki wird darin nicht belastet, sein Vorgänger, der 2017 verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner, hingegen schwer. Auch Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und der Offizial Günter Assenmacher haben sich dem Gutachten zufolge nicht korrekt verhalten. Kardinal Woelki hat beide mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben entbunden.
Alles, was bisher bekannt sei, belaste Woelki nicht, sagte der Kirchenkritiker Carsten Frerk im Deutschlandfunk. Die Kirche gehe aber nach wie vor nicht transparent mit den Fällen um. "Es sind nur die Akten ausgewertet worden, die vom Bistum selber zur Verfügung gestellt worden sind", sagte Frerk. Es sei denkbar, dass Woelki in dem noch zurückgehaltenenen Gutachten belastet werde. Aktuell wird ein Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) noch unter Verschluss gehalten. Ab dem 25. März soll es nach harter Kritik nun doch einsehbar sein.
Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki bei einer Messe im Dom
Zwei Gutachten und viele Vorwürfe
Das Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln findet Hinweise auf 202 Beschuldigte und 314 Betroffene sowie Pflichtverletzungen durch hohe Kleriker. Bei Kardinal Woelki habe man keine Pflichtverletzungen feststellen können. Ein Überblick.
Carsten Frerk: Tag, Herr Müller!
Dirk Müller: Ist der Kardinal entlastet?
Carsten Frerk: Nachdem, was bisher bekannt geworden ist, ist er persönlich bisher nicht belastet worden.
Müller: Und das ist für Sie okay?
Frerk: Das ist okay. Das war ja die Vermutung nach dem ersten Gutachten, dass er das eben zurückgehalten hat, weil er auch darin persönlich belastet werden könnte oder ist, weil es gibt ja diesen einen Fall eines nachweislich auch pädophilen Priesters, den er nicht gemeldet hat, weil er den geschützt hat. Das ist scheinbar jetzt in diesem Gutachten nicht der Fall, weil es nicht aktenkundig war, keine Ahnung.
Müller: Sie haben jetzt nicht gesagt, dass Woelki nur Gutachten veröffentlicht, wo er selbst nicht beschuldigt wird.
Frerk: Nein, das sind ja alles Vermutungen, und das ist ja eben das Thema, dass es eigentlich gar nicht wirklich darum geht, was da jetzt genau drinsteht, sondern dass dieser hohe Anspruch, ich bin ehrlich, gnadenlos und ohne Rücksicht auf Amt und Würde… Und dann wird ein Gutachten mit einer formalen Begründung der nicht juristischen Glaubwürdigkeit zurückgehalten. Darin liegt ja der Kernpunkt. Aber man muss einfach, glaube ich, als Hintergrund immer klar haben, die Stellung des Klerus innerhalb der katholischen Kirche: Der Klerus ist wirklich der Mittler zwischen Gott und den sündigen Laien, und nur durch den Klerus ist es den Menschen möglich, wieder die Verbindung zu Gott zu erhalten. Da muss man sich als zweites Mal zu Gemüte führen, wie denn die richtige Ansprache von Woelki ist. Das ist der hochwürdigste Herr, seine Eminenz, Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, ein Kirchenfürst. Da hat man so eine gewisse Spannweite.

"Bis 2010 war praktisch der Missbrauch eine kircheninterne Angelegenheit"

Müller: Ja, Kirchenfürst, dann lachen Sie, das haben wir vor allen Dingen in der Literatur des Mittelalters immer wieder, die Kirchenfürsten, aber es wird heute noch verwendet, gerade gegenüber Bischöfen, Kardinälen, gegenüber eben der Führung des Klerus. Aber wenn wir noch ein bisschen bodenständiger wieder drauf zurückkommen: Es geht ja jetzt um ein mögliches Eingreifen des Bischofs oder anderer führender Kleriker, das heißt eingreifen, versuchen aufzuklären, versuchen weiterzuleiten diese Informationen, auch in Richtung Staatsanwaltschaft, dann personelle Konsequenzen zu ziehen. Das ist alles ja nicht passiert bis zum heutigen Tag, die Namen haben wir eben gehört, die betroffen sind. Kann ein Kardinal von all dem, was in diesen 700 Seiten steht – ohne dass wir das jetzt auch schon alles wissen, müssen wir auch zugeben –, kann er davon nichts gewusst haben?
Frerk: Ich kenne nicht die Kommunikationsstruktur im Erzbistum Köln, aber man muss einfach mal auch sich ins Gedächtnis rufen, bis 2010, als es diesen Disput gab zwischen der Justizministerin und dem damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz Zollitsch, war praktisch der Missbrauch eine kircheninterne Angelegenheit, wo der Staat keinen Einblick hatte. Das ist erst seit 2010 – so zumindest vom Anspruch her, von der Zusage her – hat sich da etwas verändert. Das muss man auch immer so… Was wird den Leuten tatsächlich vorgeworfen? Dass sie es nicht mal Rom gemeldet haben oder nicht mit dem Staat zusammengearbeitet haben – das sind zwei völlig verschiedene Ebenen.

"Das so in die Öffentlichkeit zu bringen, das ist schon eine neue Qualität"

Müller: Aber hat sich wirklich was verändert, weil wir brauchten ja jetzt – was heißt wir, wir sind nicht wir –, aber das Erzbistum in Köln brauchte jetzt ein zweites Gutachten. Das erste war nicht opportun genug, wie auch immer, wollen wir jetzt nicht bewerten …
Frerk: Was man vermuten könnte, ja.
Müller: Jetzt kommt das zweite Gutachten – ist das tatsächlich ein transparenter Schritt, zu sagen, ich gehe jetzt so weit und gebe ein Gutachten in Auftrag?
Frerk: Ich denke mal, die Namen, die drin genannt worden sind – das ist ja nicht nur Schwaderlapp und Heße und so weiter, das sind schon eben hochrangige Kleriker, auch der Heße in Hamburg ist Erzbischof. Das über Kollegen so auch in die Öffentlichkeit zu bringen, das ist schon eine neue Qualität.
Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013
Der Priester, der Kardinal und die Kinder
Ein Pfarrer, so der Verdacht, soll sich mehrfach schwer an Kindern vergangen haben. Sollte der Vorwurf zutreffen, war die Bestrafung milde: Er war weiter als Seelsorger tätig, hielt Vorträge, schrieb Bücher. Eine Recherche im Hoheitsgebiet der Kardinäle Meisner und Woelki.
Müller: Das ist eine neue Qualität – noch mal die Frage: Rainer Maria Woelki, der Kardinal, der Erzbischof, seit vielen Jahren in Köln, hat das vorher alles nicht erkannt?
Frerk: In Gesprächen auch mit hohen Klerikern in anderen Bistümern war ich immer gelegentlich erstaunt, was die nicht gewusst haben, bitte, was die nicht gewusst haben…
Müller: Oder was sie nicht zugegeben haben?
Frerk: Nein, was die wirklich tatsächlich nicht gewusst haben. Ich hab mal einen hohen Kleriker gesprochen, der wusste nicht, dass es den bischöflichen Stuhl als Rechtsträger gibt. Ich hab nur gedacht, will der mich hier auf den Arm nehmen oder was. Wie deshalb das kommuniziert wird, wer wem was vorenthält und so weiter – beim Meisner heißt es, ja, er hab abseits der Bistumsakten einen persönlichen Ordner über seine schwarzen Schafe geführt.
Müller: Bei Meisner, hatte ich Sie richtig verstanden, phonetisch, akustisch.
Frerk: Bei Meisner, ja, Meisner. Abseits der offiziellen Bistumsakten soll der einen eigenen Ordner gehabt haben mit persönlichen Notizen über die schwarzen Schafe, das heißt die pädophilen Priester in seinem Bistum.

"Nur Akten ausgewertet, die vom Bistum zur Verfügung gestellt worden sind"

Müller: Und da hat der Gutachter jetzt herausgefunden, das sagt er ja zumindest, in über 20, ich meine 24 Fällen – ich hab mir das jetzt nicht genau notiert – soll gerade Joachim Meisner eben auch nicht aktiv, nicht tätig geworden sein. Reden wir über die andere Perspektive, was auch vorkam in unserem Gespräch schon mit unserer Korrespondentin: Die Betroffenen haben gesagt, wir waren gar nicht dabei, wir sind nicht einmal dazu gehört worden. Vielleicht sind es viel, viel, viel mehr Fälle als diese 100 plus, die jetzt genannt wurden. Ist das nicht fahrlässig?
Frerk: Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe nur gelesen, die Hälfte der Betroffenen ist gehört worden, eine andere Hälfte nicht, und es sind nur die Akten ausgewertet worden, die vom Bistum selber zur Verfügung gestellt worden sind.
Müller: Das heißt, es wurde nur mit den Quellen agiert, die vorher vorsortiert wurden?
Frerk: Ja. Das ist ja keine staatsanwaltschaftliche Ermittlung, dass man in eigener sozusagen Zielrichtung den gesamten Personalaktenbestand durchgeht oder Stichproben macht und so weiter. Es ist das gleiche Thema wie auch bei anderen Gutachten: Die Kirche definiert selber, welche Akten sie freigibt und welche nicht.
Müller: Dann hat Dominikus Schwaderlapp vermutlich diese Akten nicht freigegeben, weil er ist jetzt einer derjenigen, die die Konsequenzen tragen müssen, im Gegensatz beispielsweise zum Kardinal.
Frerk: Schwaderlapp ist nur Weihbischof, und Woelki ist nicht nur als Erzbischof sein Chef sozusagen, sondern er führt auch das Metropolitankapital, er ist sozusagen auf dieser Ebene der Vorgesetzte der ihm untergebenen Priester.

"Das ist auch Kirchenpolitik, wer arbeitet da gegen wen"

Müller: Ja, ist unstrittig. Also Sie gehen davon aus, Woelki hat die Akten durchgeschaut und hat dann gesagt, so, jetzt können wir die rausgeben. Weil ich stehe nicht drin.
Frerk: Das ist eine Vermutung.
Müller: Genau.
Frerk: Ob man dem Raum geben will oder nicht, da weiß ich… Das ist auch Kirchenpolitik, wer arbeitet da gegen wen, wer innerhalb der katholischen Kirche… Das sind ja auch teilweise sehr verfeindete Lager, die sich da gegenüberstehen, von Reformern und Traditionalisten, da müsste man eine genauere Analyse machen. Natürlich spricht das dafür, dass der Woelki – sei es durch Zuträger, die ihm gesagt haben, Sie können das ruhig da begutachten lassen, Sie stehen nicht drin –, das wäre dann der Freifahrtschein gewesen. Aber ich möchte mich an solchen Vermutungen eigentlich nicht beteiligen, weil sie führen zu nichts.
Lisa Kötter, Mitinitiatorin vom Kirchenstreik «Maria 2.0», steht vor einer bewalten Wand
Kirchenaktivistin: Da entblößt sich das hässliche Gesicht der Kirche
Die Skandale rund um den Kölner Kardinal Woelki zeigten genau, wie das System der katholischen Kirche funktioniere, sagte Lisa Kötter, Mitgründerin der Bewegung Maria 2.0, im Dlf. Es gehe um Macht, Geld und Einfluss.
Müller: Okay, wollen wir auch nicht übertreiben. Wir haben noch eine halbe Minute, ich möchte Sie das noch zum Schluss fragen, Herr Frerk, und zwar zugunsten von Kardinal Woelki, das gehört sich so, wir wollen keine Vorverurteilungen hier auch über den Deutschlandfunk verbreiten: Es kann also sein, dass der oberste Kirchenfürst in Köln tatsächlich so weit abgeschirmt, isoliert war, dass er das nicht wirklich mitbekommen hat?
Frerk: Ich denke, zu seiner Zeit, da war er auch selber Weihbischof in Köln, da muss er in diese Kommunikation nicht unbedingt eingebunden gewesen sein. Und was er seitdem gemacht hat, müsste man schauen, seitdem er eben Erzbischof in Köln ist.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.