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StartseiteBüchermarktDie bekannteste Unbekannte der englischen Nachkriegsliteratur02.12.2019

Shelagh Delaney: "A Taste of Honey"Die bekannteste Unbekannte der englischen Nachkriegsliteratur

Wütende junge Männer, soweit das Auge reicht – und eine einzige Frau: Shelagh Delaney. Mit Stücken wie „A Taste of Honey“ revolutionierte sie in den 1950er- und 1960er-Jahren Seite an Seite mit John Osborne die Theaterszene. Wie kann es sein, dass ihr Gesamtwerk erst jetzt ins Deutsche übersetzt ist?

Von Mithu Sanyal

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Die Schriftstellerin Shelagh Delaney 1959  (imago stock&people/ ZUMA/Keystone)
Die Schriftstellerin Shelagh Delaney im Jahr 1959 (imago stock&people/ ZUMA/Keystone)
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"Hier bin ich und ich bin hier sicher und ich habe die Schnauze voll davon."

Worte wie Graffitis, wie Tattoos, wie Schmutz auf der Weltliteratur. So erschienen Shelagh Delaneys Texte der englischen Öffentlichkeit, als sie 1958 in die Szene hineinbrauste wie ein Autounfall, dessen Aufprall bis heute zu spüren ist. Delaney war 18 Jahre alt, Tochter eines Busfahrers und arbeitete, seit sie die Schule abgebrochen hatte, als Platzanweiserin in einem Theater, wo sie Terrence Rattigangs "Variaton on a Theme" gesehen hatte und sich dachte: Was für ein lebensfremder Quatsch, das kann ich besser.

In nur zehn Tagen schrieb sie ihr erstes Theaterstück "A Taste of Honey" und schickte es an die einflussreiche Regisseurin Joan Littlewood, die es mit dem legendären Theatre Workshop aufführte. Dazu wäre es beinahe nicht gekommen, da Lord Chamberlain, der Zensurbeauftragte der Krone, das Stück wegen der fluchenden Figuren, die sich an keine Moralgrenzen hielten, eigentlich verbieten wollte. Er winkte es nur durch, weil er davon ausging, dass sich sowieso niemand für einen solchen Haufen Loser interessieren würde. Das Theater sah das ähnlich, der Manager riet den Schauspielern zu fliehen, falls das Publikum gewalttätig werden sollte. Nur die Zuschauer liebten "A Taste of Honey". Es sollte eines der am häufigsten aufgeführten Stücke einer Nachkriegsautorin werden und - verfilmt von Tony Richardson - einer der wichtigsten britischen Filme, so ikonisch, dass seine Sätze ihren Weg in Popsongs hinein fanden, zum Beispiel von Morrissey.

Handlung an der Küchenspüle

"A Taste of Honey" erschien zwei Jahre nach John Osbornes Theaterstück "Blick zurück im Zorn" und ein Jahr vor Alan Sillitoes Short Story "Die Einsamkeit des Langstreckenläufers" und platzierte Shelagh Delaney im Herzen der Kulturbewegung, die als "angry young men" bekannt wurde. Diese wütenden jungen Männer revolutionierten das Theater und die Literatur, indem sie die Handlung aus den Salons der Oberschicht herausholten und sie stattdessen am Küchentisch stattfinden ließen, weshalb diese Form von sozialem Realismus auch Kitchen-Sink-Drama genannt wurde. Männer, die die Bühne bisher nur mit der Schirmmütze in der Hand betreten hatten, um unterwürfig zu ihrem Chef "Yes, Sir" zu sagen, traten nun ins Rampenlicht und erzählten ihre Geschichten. Bloß die Frauen standen noch immer an der sprichwörtlichen Küchenspüle. Bei Shelagh Delaney gibt es zwar ebenfalls Küchen-Realismus:

"Meine Mutter spuckte aufs Bügeleisen. Die Spucke zischte auf der heißen Metallfläche und schoss davon wie Schrotkugeln."

…sowie den Schwermetall-Herzschlag der grauen Arbeiterstädte:

"Die Bäume waren überkrustet mit dem Dreck, der in Industriestädten als frische Luft durchging."

Doch bei Delaney gibt es weibliche Charaktere, die mehr sind als Baby-Maschinen. Es gibt Schwarze und Homosexuelle und Sexarbeiterinnen. Und sie alle sind komplex und liebenswert und absolut unsentimental dargestellt. Da ist Helen, die ihren Ehemann verlassen hat, weil er ihr zu puritanisch war. Seitdem lebt sie von Liebhabern und Freiern. Da ist Jo, ihre Tochter, die eine Beziehung mit einem schwarzen Matrosen beginnt, nachdem Helen wieder einmal mit einem neuen Mann verschwunden ist. Und da ist Geoff, Jos homosexueller Freund, der sich um sie kümmert, als sie - von Liebhaber und Mutter verlassen - bemerkt, dass sie schwanger ist. Tatsächlich ist Geoff eine der ersten offen homosexuellen Figuren, die auf der britischen Bühne positiv dargestellt wurden. Allein das wäre eine Revolution, wenn da nicht noch die ganzen anderen revolutionären Aspekte von "A Taste of Honey" wären:

"Helen, mein Baby wird schwarz sein: Was willst du jetzt machen?
,Keine Ahnung, es ertränken. Wer weiß denn davon?' ,Geoffrey.'
,Und was ist mit der Hebamme? Sie wird einen ziemlichen Schock kriegen.'
,Sie ist auch schwarz.'"

Das Leben muss weitergehen

1958 war das das Stück, das junge Menschen, die ihre Rolle in der Gesellschaft in Frage stellten, sehen wollten - auch wenn viele sich ein glücklicheres Ende für die Charaktere wünschten. Dabei gibt es gar kein Ende: Das Leben muss halt weitergehen. Für Helen und für Jo und für ihr Baby.

Mehr als 60 Jahre später ist es noch immer das Stück für gesellschaftliche Außenseiter und solche, die es werden wollen. Es ist überraschend wenig gealtert, obwohl es in einer anderen Zeit spielt, in einer anderen Welt, in Bruchbuden ohne Heizung und Badezimmer, die längst abgerissen sind. "A Taste of Honey" springt einem noch immer von der Seite direkt ins Gesicht. Das Überraschendste ist aber, dass viele seiner Tabubrüche bis heute ans Eingemachte gehen, allen voran die Ablehnung von Mutterschaft: dass Helen lieber Sex möchte, als sich um ihre Tochter zu kümmern, und dass Jo ihre Gewaltphantasien in Bezug auf ihr ungeborenes Kind laut und wütend ausspricht.

Die "Daily Mail" murrte, der Education Act sei schuld an diesem Schund, weil er Mädchen aus der Arbeiterklasse wie Shelagh Delaney eine Schulbildung ermöglicht hatte. Tatsächlich war Delaney bei der Prüfung, die alle englischen Schulkinder mit elf Jahren ablegen müssen, nicht als gut genug für eine akademische Laufbahn befunden worden. Herkunft entschied nach wie vor maßgeblich über den Schulweg. Als sie mit 15 dann doch noch aufs Gymnasium geschickt wurde, hatte sie jedes Interesse an dem Schulsystem verloren, das sie als verlogen empfand.

"Keiner von uns hätte ernsthaft Widerspruch eingelegt, wenn jemand behauptet hätte, dass wir aus einer eher kulturlosen Schicht stammten. Aber uns darüber hinaus auch noch für dumm zu verkaufen, ging für unser Empfinden dann doch etwas zu weit."

Bruch mit Theaterkonventionen

1960 schrieb Delaney ihr zweites Theaterstück "Der verliebte Löwe". Diesmal war das Setting keine abrissreife Wohnung, sondern eine ganze Straße mit einer zerbombten Trümmerlandschaft als Hinterhof. Es gab nicht nur drei Hauptfiguren, sondern direkt zwölf. "Der verliebte Löwe" brach so konsequent mit Theaterkonventionen, dass die Presse begeistert war, das Stück zerreißen zu können. Einige dieser Verrisse fanden ihren Weg in Delaneys Short Story Band "Süß singt der Esel", der 1963 erschien.

"Es ist nur angemessen zu sagen, dass es sich um eines der besten Stücke handelt, die je von einer 19-jährigen Assistentin eines Fotografen geschrieben wurden. Wenn es aber aus der Feder irgendeines anderen stammen würde, wäre ich nicht so gnädig - ein intellektualistisches West-End-Publikum war anscheinend begeistert wie Studenten der Insektenkunde, die zum ersten Mal unter einen Gesteinsbrocken gucken."

Die Schriftstellerin Jeanette Winterson schrieb in ihrem Nachruf auf Shelagh Delaney, die Kritiken würden sich wie ein Lehrstück in Sexismus lesen. Ebenso wie das einzige erhaltene Fernsehinterview, in dem der Moderator Delaney fragt, ob sie ihr erstes Stück selbst geschrieben habe. Bei dem zweiten waren sich alle bis auf Delaney einig: Das war gar kein richtiges Stück, schließlich hatte es nicht einmal einen klassischen Plot. Doch war das genau der Punkt! Denn das Leben ihrer Charaktere hatte keinen Plot, ihnen wurde von der Gesellschaft jede Form von Kontinuität verweigert. Wie Frank, der in einem Bauchladen Nippes auf dem Markt verkauft und sich vergebens um eine Lizenz für einen festen Marktstand bemüht. Oder Katherine, genannt Kit, die vergebens versucht, sich an ihre Bewährungsauflagen zu halten und nicht schon wieder betrunken zu randalieren. Trotzdem verzweifelt niemand in Delaneys Theaterstücken oder Short Storys. Ihre Figuren nehmen die Schläge, die ihnen das Leben versetzt, hin, klopfen sich den Staub von der Kleidung und machen halt weiter.

Was hätte sein können

Auch Shelagh Delaney war nicht tragisch. Sie lebte ihr Leben ebenfalls weiter, obwohl ihr die glänzende Schriftstellerinnenkarriere verweigert wurde, die sie verdient hätte, die wir als Leserinnen verdient hätten. Sie hörte auf, Theaterstücke zu schreiben, aber sie hörte nicht auf zu schreiben. Sie wechselte nur das Medium. Stattdessen schrieb sie Drehbücher für Filme, wie für den preisgekrönten "Dance with a Stranger" über Ruth Ellis, die letzte Frau, die in England zu Tode verurteilt wurde.

Die gesammelten Theaterstücke und Kurzgeschichten von Shelagh Delaney zu lesen, ist notwendigerweise melancholisch, weil man sich der Frage nicht entziehen kann, was hätte sein können - hätte sie die Anerkennung und Unterstützung erhalten, um weitere Theaterstücke zu schreiben und erst einen Roman! Aber dieser Band eröffnet immerhin den Blick darauf, was war.

Shelagh Delaney: "A Taste of Honey. Erzählungen und Stücke"
Aus dem Englischen von Tobias Schwartz
Herausgegeben von Tobias Schwartz und André Schwarck
Aviva Verlag, Berlin. 400 Seiten, 22 Euro.

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