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StartseiteForschung aktuellShutdown auch am Südpol21.10.2013

Shutdown auch am Südpol

Haushaltsstopp in den USA beeinträchtigt Antarktisforschung

Nach der Einigung im US-Haushaltsstreit dürfen Hunderttausende Staatsangestellte wieder arbeiten. Auch Forschungseinrichtungen sind wieder geöffnet. Das gilt auch für die amerikanischen Antarktis-Missionen. Für sie allerdings wird die eingelegte Zwangspause nicht folgenlos bleiben.

Von Monika Seynsche

Die Auswirkungen des Shutdowns haben die ohnehin kurze Spanne der möglichen Forschungszeit am Südpol weiter verkürzt.   (Alfred-Wegener-Institut)
Die Auswirkungen des Shutdowns haben die ohnehin kurze Spanne der möglichen Forschungszeit am Südpol weiter verkürzt. (Alfred-Wegener-Institut)
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Forschung auf Eis

Der Haushaltsstopp in den USA hätte für die Antarktisforschung zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Es ist Frühling auf der Südhalbkugel. Anfang Oktober bringen Flugzeuge und Schiffe normalerweise Hunderte von Forschern in die Antarktis. Dieses Jahr aber wurden die meisten Transporte gestoppt und die drei amerikanischen Antarktisstationen waren zwei Wochen lang weitgehend geschlossen. Für die Meeresbiologin Gretchen Hofmann war das eine nervenaufreibende Zeit.

"Unsere Arbeiten laufen auf dem gefrorenen Ozean, wir müssen uns also auf dem Meereis bewegen können. Im Oktober ist das Eis noch fest und sehr stabil, aber je wärmer es wird, desto weicher und unsicherer wird das Eis. Spätestens Mitte Dezember können wir es nicht mehr betreten. Wir haben also nur ein sehr kurzes Zeitfenster zur Verfügung, etwa zehn Wochen. Davon haben wir jetzt schon zwei verloren.”"

Gretchen Hofmanns Team von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara muss auf das Eis, um Sensoren zu bergen, die sie im vergangenen Sommer unter dem Eis angebracht haben. Schaffen sie das nicht mehr, bevor das Eis schmilzt, sind die Geräte und mit ihnen die aufgezeichneten Daten verloren.

""Diese Sensoren sind wichtig für uns, da sie kontinuierlich den pH-Wert des Wassers messen, also Aufschluss geben über die Versauerung des Ozeans. Aus ihnen können wir zum ersten Mal ablesen, wie der pH-Wert sich im Jahresverlauf verändert. Solche Daten fehlen uns bislang. Diese Messgeräte sind ganz neu,es sind also die ersten Daten, die wir aus diesem Untersuchungsgebiet bekommen werden."

Seit dem Wochenende ist Gretchen Hofmann wieder etwas optimistisch. Die Nationale Behörde für Forschungsförderung, NSF, hat zugestimmt, dass eine ihrer Mitarbeiterinnen nun doch in die Antarktis reisen darf und die Messgeräte so möglicherweise noch rechtzeitig bergen kann. Die NSF ist dafür zuständig, das jetzt wieder fließendes Geld des Staates auf die Antarktisprojekte zu verteilen. John Priscu befürchtet, dass eines seiner Projekte dabei leer ausgehen wird. Der Professor für Mikrobiologie an der Montana State University untersucht unter anderem Seen und Flüsse, die unter mehreren tausend Metern Eis begraben sind.

"Das WISSARD-Projekt ist ein subglaziales Bohrprogramm, bei dem wir den Untergrund des Whillans-Eisstroms untersuchen. Solche Projekte sind logistisch extrem aufwendig: um vier Tage bohren zu können, brauchten wir im letzten Jahr drei Monate Vorbereitung. Durch die Verzögerung jetzt werden wir es in diesem Sommer nicht mehr schaffen, zu bohren. Uns fehlt die Zeit."

Das sei ärgerlich, sagt John Priscu, aber verkraftbar. Andere Projekte dagegen sind darauf angewiesen, kontinuierliche Datenreihen aufzubauen. Gerade ökologische Projekte laufen zum Teil seit Jahrzehnten. Geht solchen Langzeitstudien ein Jahr verloren, schwindet ihre Aussagekraft und die Arbeit vieler Jahrzehnte wird wertlos. John Priscu hofft, dass die NSF solche Langzeitprojekte, die auf kontinuierliche Datenreihen angewiesen sind, bevorzugen wird. Neben den möglicherweise verlorenen Daten macht sich Gretchen Hofmann vor allem Sorgen um den wissenschaftlichen Nachwuchs.

"Ich bin eine Professorin und habe viele verschiedene Projekte, die gleichzeitig laufen. Aber die jungen Studenten und Doktoranden haben nur ein Projekt. Wenn jemand zum Beispiel ein Experiment in der Antarktis durchführen will, bereitet er sich ein Jahr lang zu Hause in den Staaten darauf vor und übt den Umgang mit der Technik. Dann hat er ein ganz kurzes Zeitfenster, um in die Antarktis zu reisen und das Experiment durchzuführen. Wenn er jetzt nicht reisen kann, bedeutet das, dass dieser junge Mensch fast zwei Jahres seines Lebens verloren hat, weil er im Zweifelsfall das Experiment dann erst im nächsten Jahr durchführen kann."

Die nächsten Tage werden über die Zukunft vieler Antarktisprojekte entscheiden.

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