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StartseiteCorsoFuturistische Vermischungsfantasien10.11.2018

"Siblings" von Colin SelfFuturistische Vermischungsfantasien

Der amerikanische Musiker und Performance-Künstler Colin Self verbindet auf seinem Album "Siblings" digitale Gegenwartsklänge mit nostalgischen Sounds aus seiner Jugend. Das führt zu unerwarteten musikalischen Resultaten - die zudem von einer aktuellen politischen Botschaft begleitet werden.

Von Raphael Smarzoch

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Auf dem Bild ist der Musiker Colin Self in zwei unterschiedlichen Posen zu sehen. Links wird sein Gesicht von seinen wehenden Haaren verdeckt. Rechts schreit er mit geschlossenen Augen in den Raum. Er trägt ein buntes Batikshirt (Jonathan Grassi)
Der Musiker Colin Self (Jonathan Grassi)
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"Ich war schon immer an der Elastizität und dem Potential interessiert, das mit der Stimme selbst verbunden ist. Dass es dieses Ding ist, das die Fähigkeit hat, sich fast seiner eigenen Realität zu widersetzen."

Colin Self experimentiert mit seiner Stimme. Mit digitalen Werkzeugen wird sie zerstückelt, multipliziert, gestreckt, beschleunigt und verlangsamt. Für den in Berlin lebenden Amerikaner sind die Tage, in denen Gesangsspuren naturbelassene Authentizität und Nähe suggerierten schon lange vorbei. In seiner Musik wird die menschliche Stimme zum Abbild der heutigen digitalen Realität.

Colin Self: "Das Interesse daran, die Stimme zu dehnen und an ihre Grenzen zu bringen, ist in hohem Maße auf die allgegenwärtige Technologie zurückzuführen, durch die wir unsere Stimmen heutzutage hören."

Jenseits binärer Geschlechteridentitäten

Die elektronische Manipulation der Gesangsstimme ist für den 32jährigen Produzenten allerdings nicht nur ein Mittel, um die Omnipräsenz digitaler Medien in seiner Musik zu thematisieren. Sie bietet ihm auch die Möglichkeit, in neue Rollen zu schlüpfen, jenseits binärer Geschlechteridentitäten. Self versteht sich als ein queerer Produzent, der seine Musik als performatives Werkzeug begreift, um die Kategorien von männlich und weiblich mit neuen Schattierungen zu ergänzen.

Colin Self: "Viele Trans-Künstler benutzen Technologie, um die Vorstellung zu erweitern, was eine trans- oder queere Stimme sein kann. Ich halte es für notwendig, eine Vielzahl an Stimmen oder Geschlechtern darzustellen."

Eine wichtige Inspiration für "Siblings" ist der philosophische Sci-Fi-Feminismus Donna Harraways. In ihrem 1985 veröffentlichten Essay "Cyborg Manifesto" setzt sich die amerikanische Biologin für die Etablierung neuer Körperbilder ein, die durch den experimentellen Einsatz technischer Medien entwickelt werden können. Heutzutage imaginiert Harraway eine radikale Ökologie im Sinne einer Welt, in der Menschen mit Tieren fusionieren. Nur durch die Vereinigung mit anderen Spezies sei es möglich, die durch den Menschen praktizierte Vernichtung der Erde zu beenden. Futuristische Vermischungsphantasien, die auch Colin Self anziehend findet. In dem Song "Emblem" beschreibt er seine Queerness als eine biologische Anomalie, für die es keine Erklärung gibt.

Romantischer Sehnsuchtssound

"Siblings" entwirft auch eine musikalische Welt jenseits von digitalen Zukunftsszenarien und biologischen Experimenten. Teile des Albums klingen wie eine Hommage an das britische 4AD Label. Tracks wie "Foresight" oder "Survival" erinnern mit ihrem romantischen Sehnsuchtssound an Bands wie This Mortal Coil oder Cocteau Twins.

Auf dem Bild ist der Musiker Colin Self zu sehen. Er wirbelt seine nassen Haare in die Luft. Sein Oberkörper ist nackt. Auf seiner Brust hat er zwei Tätowierungen.  (Jonathan Grassi)Der Musiker Colin Self (Jonathan Grassi)

Colin Self: "Ich liebe This Mortal Coil und die Cocteau Twins. Sie sind ein fester Teil meines musikalischen Bewusstseins. Es ist schon lustig, meine Verbindung zu diesen Bands kommt aus der Drag-Kultur. Ich habe früher zu This Mortal Coil und den Cocteau Twins Playback gesungen, weil sie Emotionen und Affekte hervorriefen, mit denen ich mich identifizierte."

Ein Spiel mit Ambivalenzen

Die Sängerin Enya ist ein weiterer Einfluss, den Colin Self bestätigt. Celine Dion ebenfalls. Weibliche Diven, mit denen Self bereits im jungen Alter in Berührung kommt und eine Welt zwischen Camp und Kitsch kennenlernt, die auch Eingang auf "Siblings" findet. Self versteht es, mit Ambivalenzen zu spielen. Darin liegt die Stärke seines Albums. Es vereint Entwürfe digitaler Gegenwartsmusik zwischen Club und Experiment mit nostalgischer Erinnerungsarbeit. Obendrein transportiert es eine politische Botschaft. "Siblings" erzählt die Geschichte von Lebewesen, denen es gelingt, ein solidarisches Miteinander zu gestalten. Eine Utopie, deren Verwirklichung von Tag zu Tag dringender wird.

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