Montag, 26. Februar 2024

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"Sieht die Schussverletzung ordentlich aus?"

Er spielt im Kölner "Tatort" den Gerichtsmediziner, ist im wirklichen Leben Arzt und hält den nunmehr 40 Jahre alten Sonntagabend-Krimi für "ein tolles Format". Zudem gab es einen unerwartet wohltätigen Begleiteffekt der Kölner Krimiarbeit: Ein Projekt gegen Kinderprostitution.

26.11.2010
    Ein Tatort nach der Spurensicherung
    Ein Tatort nach der Spurensicherung (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
    Christoph Heinemann: Diese Musik kennen Millionen in Deutschland. Sonntags zur besten Sendezeit erscheinen im Fernsehen die Kringel im Auge und das Fadenkreuz schließt sich. 40 Jahre Tatort, für Krimifreunde das, was die Tagesschau für den politisch interessierten Zeitgenossen bedeutet. Jubiläumskommissar ist am kommenden Sonntag der Schauspieler Ulrich Tukur in der Folge "Wie einst Lili". Als Walter Richter am 29. November 1970 erstmals als "Tatort"-Kommissar Paul Trimmel im "Taxi nach Leipzig" unterwegs war, hätte er sich vermutlich nicht träumen lassen, dass er diese Strecke 20 Jahre später ohne Grenzkontrollen und Versteckspiel würde zurücklegen können. "Taxi nach Leipzig" ist ursprünglich übrigens gar nicht für diese "Tatort"-Serie gedreht worden. Wir hören jetzt einmal in die jüngere und fernere Vergangenheit, typische Dialoge aus dem beliebtesten deutschen Fernsehkrimi.

    Einspielung verschiedener O-Töne

    Heinemann: Unverkennbar Schimanski war das am Schluss. – Über den Mord zum Sonntag, wie die ARD kürzlich titelte, möchten wir nun sprechen mit Joe Bausch. Sie kennen ihn als Gerichtsmediziner im Köln-"Tatort". Er liefert den Kommissaren Ballauf und Schenk die Einzelheiten über den Tathergang. Guten Morgen!

    Joe Bausch: Guten Morgen!

    Heinemann: Herr Bausch, 40 Jahre sind im Mediengeschäft eine Ewigkeit. Wieso ist der "Tatort" so erfolgreich?

    Bausch: Ich denke einfach, der "Tatort" ist ein tolles Format, es ist Krimi, es ist Familienkrimi, es hat lokales Colorit in den letzten Jahren ja immer wieder dazugewonnen, neues lokales Colorit, ist seriell, hat tolle Schauspieler natürlich, sympathische Menschen, und er hat offensichtlich immer wieder auch Stoffe geliefert, die dem Zeitgeist sehr nahestehen.

    Heinemann: Entwickelt er sich auch weiter?

    Bausch: Ich bin ganz überzeugt davon, dass er sich weiterentwickeln wird, weil die Autoren werden langsam jünger. Einige habe ich kennengelernt, das sind ja mittlerweile schon 25-, 30-jährige Autoren, die sich dort auch versuchen dürfen, mit großem Erfolg, und die bringen neue Stoffe, neue Ideen. Die Kameraleute sind immer wieder neue, die Regisseure sind teilweise immer wieder Frischlinge auch von der Filmhochschule, die sich da ausprobieren dürfen, alles mit Erfolg wie gesagt. Insofern wird sich der "Tatort" immer auch wieder weiterentwickeln.

    Heinemann: Woran spüren Sie als Schauspieler das Neue vor allem?

    Bausch: Es gibt neue Vorstellungen, wie die Kamera geführt werden soll. Wir haben eher Aufnahmen, die sozusagen freestyled aus der Hüfte geschossen werden. Es gibt heute sozusagen mehr auch dieses dokutainmentartige in der kameraartigen Darstellung. Also da hat sich ganz viel geändert. Man ist ja manchmal erstaunt, wie experimentierfreudig der "Tatort" sein kann.

    Heinemann: Der Gerichtsmediziner spielt fast in allen Episoden eine ganz wichtige Rolle. Ist das so eine Art Gegengewicht zu den Kommissaren?

    Bausch: Ich glaube nicht, dass es ein Gegengewicht ist. Ich glaube einfach, das ist dem geschuldet, dass halt die Gerichtsmedizin in den letzten Jahren oder seit der Erfindung der DNA oder seit der Möglichkeit, DNA zu untersuchen und andere Geschichten zu untersuchen - - Es ist halt einfach unentbehrlich geworden. Der Gerichtsmediziner gehört heute bei den Falluntersuchungen auch draußen fast zwingend dazu, und insofern ist es kein Gegengewicht, sondern es ist ein aufmerksamer und fachkundiger Mitstreiter.

    Heinemann: Herr Bausch, als Schauspieler sind Sie der Gerichtsmediziner im Köln-"Tatort". Das sagte ich eben schon. Sie sind aber auch jenseits der Kamera und außerhalb des Studios Arzt, und zwar Gefängnisarzt. Wie wertvoll ist für Sie der medizinische Beruf und die Erfahrung für die "Tatort"-Rolle?

    Bausch: Ich sage mal, es wäre nicht zwingend notwendig, auch im wirklichen Leben Arzt zu sein, um im "Tatort" den Gerichtsmediziner zu geben. Aber es ist natürlich für mich sehr schön, weil ich weiß, wovon ich rede. Es fängt damit an natürlich, dass mich die Maskenbildnerinnen regelmäßig fragen, sieht die Schussverletzung ordentlich aus, wenn jemand erfroren ist, wie sieht der aus, sieht so eine Strangulationsfurche am Hals aus, wie kann ich die am schönsten so machen, dass es passt, wie sehen Leichenflecken aus bei jemand, der halt eben im Mais oder im Wasser gefunden wird, oder so was. Da kann man mit großer Freude wirklich auch diese Leute unterstützen. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder auch so Momente, wo man halt dann auch dem Regisseur beispielsweise anbieten kann, was macht denn so ein Gerichtsmediziner in der Situation, wenn er halt eine Leiche untersucht. Also ich weiß natürlich auch im Praktischen, was die tun, während vielleicht einer, der nur Schauspieler ist, dann halt wirklich jemand braucht, einen Coach braucht, der sagt, was könnte ich denn da jetzt machen, weil ich natürlich keine Vorstellung davon habe. Ich kann dann einfach sagen, das kann man sehr schön demonstrieren an einem Röntgenbild, das kann ich teilweise sogar beschaffen oder mitbringen, und dann haben wir auch etwas, was sozusagen dem Zuschauer optisch nachvollziehbar macht, was eigentlich die Kunst oder die Profession des Gerichtsmediziners ausmacht.

    Heinemann: Wie reden Ihre Patienten hinter Gitter über den "Tatort"?

    Bausch: Ja, der wird auch dort geguckt natürlich und natürlich wird das von Kriminellen auch gerne gesehen und die reden da sehr positiv von. Ich habe jedenfalls noch keine negativen Stimmen gehört. Vielleicht mag es daran liegen, dass die, die es nicht gut finden, halt nicht mit mir darüber reden. Aber die, die es positiv finden, die reden mit mir darüber und insgesamt stößt der "Tatort" da auf große Begeisterung.

    Heinemann: Die sagen nicht immer, es gewinnt immer der Falsche?

    Bausch: Nein. Es passiert schon mal, dass sie natürlich sagen, die Darstellung der Kriminellen ist ein bisschen eindimensional, oder sie sagen schon mal, na ja, das war mir auch schon nach ein paar Minuten klar, dass der es nicht gewesen sein konnte, oder dass der es gewesen ist. Aber das ist das Gleiche, das unterscheidet sich nicht von der normalen Population.

    Heinemann: Herr Bausch, wie prägend ist die "Tatort"-Rolle für einen Schauspieler? Nehmen wir mal einen Kommissar. Glauben Sie, dass Götz George den Schimanski jemals wieder los wird?

    Bausch: Na ja, Götz George hat lange gebraucht, um den Schimanski los zu werden. Ich denke schon, er hat es dann letztendlich doch auch geschafft. Er hat sich ja irgendwann mal aus dieser Rolle verabschiedet und wir erleben Götz ja in den letzten Jahren in ganz wunderschönen anderen Rollen, ohne dass es dem Schimanski geschadet hätte oder so. Aber manchmal tut natürlich Verknappung Not und gerade für einen Schauspieler ist es natürlich schon auch eine wichtige Entscheidung, ob er sich über viele, viele Jahre halt eben in so einer sehr bekannten, sehr dominanten Rolle vorwiegend austobt und gesehen wird. Das ist immer ein Risiko. Aber ich glaube einfach, auf der anderen Seite gibt es kaum eine Rolle für einen Kommissar oder für einen Schauspieler, die ihn so populär macht, die ihn so bekannt macht und die so nachhaltigen Eindruck hinterlässt als der "Tatort". Der "Tatort" hat fast zehn Millionen Zuschauer und der wird so oft wiederholt, das prägt sich ein, das geht hinein wie Gottes Wort in eine Nonne. Das ist klasse!

    Heinemann: "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk, ein Gespräch mit dem Schauspieler und Arzt Joe Bausch, der im Köln-"Tatort" den Gerichtsmediziner spielt. – Herr Bausch, Sie haben zusammen mit Ihren Kommissaren, mit den Schauspielern Klaus Behrendt und Dietmar Bär den Verein "Tatort – Straßen der Welt" gegründet. Der geht zurück auf den "Tatort" "Manila", ein Film über Kinderprostitution und Menschenhandel, der 1998 ausgestrahlt wurde. War das ein spontaner Entschluss?

    Bausch: Das war ein sehr spontaner Entschluss. In Manila, angesichts dieses Elends, das wir dort gesehen haben, haben wir einfach gesagt, was können wir tun, wir möchten was tun, aber was können wir tun. Und wir hatten das große Glück, dass wir mit diesem Pater Sheikhan, der halt eben auch uns für die Vorbereitung des Films unterstützt hat, dann auch jemanden getroffen haben, der auch wirklich eine charismatische Figur ist, ein Mann, der da unten seit 36 Jahren für die Kinder und gegen die Prostitution kämpft. In dem hatten wir dann sozusagen auch jemand, da wussten wir, den möchten wir unterstützen, das was der da macht, das möchten wir unterstützen. Dann haben wir spontan da unten gesagt, wir gründen einen Verein und wir wollen uns engagieren. Zunächst war es ein spontaner Entschluss und nach einem Jahr, nach zwei Jahren, nach drei Jahren haben wir gesagt, lasst uns noch mehr tun dafür, weil, das ist eine tolle Geschichte, die wir da machen, das ist ein tolles Projekt, was wir da mit unterstützen können. Wir haben jetzt doch insgesamt, glaube ich, in den letzten Jahren 1,7 Millionen Euro zusammengebracht und davon haben wir zwei Häuser gebaut da unten für Straßenkinder, einmal ein Haus für Jungs mit 120 Plätzen und jetzt bauen wir gerade eines für Mädchen natürlich auch. Das alleine zu erleben, wie die dort jetzt ein zu Hause finden, wie sie behandelt werden, wie sie ihre schweren Traumatisierungen auch los werden können, wie sie eine Berufsausbildung bekommen und wie sie dann anschließend – die ersten haben ja schon Familien und kommen dort hin und zeigen uns ganz stolz das, was sie geschafft haben und wie weit sie gekommen sind. Das ist toll und macht dann auch glücklich.

    Heinemann: Da wurde der "Tatort" zum Ausgangspunkt für eine gute Tat?

    Bausch: Ja, sollte er eigentlich immer werden.

    Heinemann: Genau. – Herr Bausch, welche ist Ihre Lieblingskommissarin oder Ihr bevorzugter Kommissar?

    Bausch: Na ja, natürlich sind das meine Jungs in Köln. Klaus und Dietmar sind sicherlich diejenigen, die ich auch am liebsten sehe, nicht nur privat, sondern auch auf der Mattscheibe. Und dann kommt schon sehr schnell für mich jedenfalls Ulrike Folkerts, die ich sehr, sehr gerne sehe und seit vielen Jahren mit Freude betrachte. Dann kommen natürlich die Jungs aus München, Wachtveitl und Nemec. Also es gibt kaum einen, den ich jetzt nicht mag. Simone Thomalla und Martin Wuttke sind sicherlich eine riesige Bereicherung für das "Tatort"-Format und ich bin mal gespannt jetzt auf Uli Tukur, der ja jetzt, glaube ich, am Sonntagabend zum ersten Mal ausgestrahlt wird.

    Heinemann: Genau. Die letzte Frage ist, glaube ich, damit überflüssig. Was machen Sie Sonntags um 20:15 Uhr?

    Bausch: Ja! Sonntag, 20:15 Uhr, gucke ich mir den Uli Tukur an. Mal gucken, was die in Frankfurt jetzt da Neues machen.

    Heinemann: Joe Bausch, im Köln-"Tatort" wie auch im richtigen Leben Arzt. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

    Bausch: Ja, auf Wiederhören! Danke schön!

    ARD-"Tatort"