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StartseiteUmwelt und VerbraucherSind Kühe lila? - Nachhilfe für die Generation Gameboy06.08.2008

Sind Kühe lila? - Nachhilfe für die Generation Gameboy

BUND startet Bildungsoffensive an Ganztagsschulen

Tests belegen, dass viele Schüler tatsächlich glauben, Kühe seien lila - wie es die Werbung suggeriert. Umweltverbände und Schulen engagieren sich jetzt gemeinsam, um dem Mangel an Wissen der Kinder über Natur und Umwelt zu begegnen.

Von Christoph Gehring

Kinder: So sehen Kühe wirklich aus! (Stock.XCHNG / Wendy Domeni)
Kinder: So sehen Kühe wirklich aus! (Stock.XCHNG / Wendy Domeni)

Seit Montag sind sie wieder in der Schule, die Kinder und Jugendlichen in Rheinland-Pfalz. Seit Montag wird wieder gebüffelt, zum Beispiel Biologie. Weil die Natur aber mehr ist, als die Theorie des Biologieunterrichts, hat der BUND in Rheinland-Pfalz zum Beginn dieses Schuljahres eine "Bildungsoffensive" ausgerufen: Die Umweltschutzorganisation bietet den Ganztagsschulen des Landes Natur-AGs an, also freiwillige Arbeitsgemeinschaften, in denen die Schülerinnen und Schüler in der Praxis erleben können, was sie im normalen Unterricht nicht oder nur theoretisch lernen. BUND-Landesgeschäftsführer Erwin Manz nennt Beispiele:

"Man geht mal eben an einen Bach, erkundet die Lebewesen im Bach. Man geht in den Wald und guckt, wo die Kröten unterm Baumstamm liegen. Das kann aber auch heißen, dass man jetzt im Herbst auf die Obstwiese geht, Äpfel erntet, Saft herstellt. Das kann sein, dass man im Sommer rausgeht auf eine Wiese, Schmetterlinge beobachtet. Eigentlich all das, was die Natur zu bieten hat."

Denn, so glaubt der BUND und so glaubt auch das rheinland-pfälzische Umweltministerium, das die Aktion finanziell fördert, viele Kinder und Jugendliche – zumal die in den Städten – haben überhaupt kein Verhältnis mehr zu dem, was da in Wald und Flur kreucht und fleucht. Naturnachhilfe also für die Generation Gameboy:

"In vielen Haushalten ist das heute überhaupt nicht mehr üblich, dass man mit den Kindern rausgeht, auch im normalen Unterricht ist da gar kein Platz für. Und da wollen wir eben Nischen schaffen."

Rund 40 seiner Mitglieder hat der rheinland-pfälzische BUND inzwischen geschult, damit diese Nischen sinnvoll gefüllt werden. Ein solides Grundwissen über die heimische Flora und Fauna wird erwartet und vorausgesetzt, die Vorbereitungs- und Qualifizierungskurse sollen die Freiwilligen didaktisch für die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern fitmachen. Dazu gehören dann auch Projekte, die sich mit dem Energiesparen zuhause, mit der Nahrungsmittelproduktion in der näheren Umgebung und mit gesunder Ernährung beschäftigen. Dass sich das Schulangebot des BUND nur an Ganztagsschulen richtet, hat einen simplen Grund: In deren Stundenplänen ist genug Luft für Arbeitsgemeinschaften, die Schulleiter haben bei der Zusammenstellung der AG-Angebote relativ freie Hand – und die Ganztagseleven sind nachmittags sowieso in der Schule, lassen sich also besser erreichen als Jugendliche, die mittags nach Hause gehen und sich dann zwischen Videospiel und Natur-AG entscheiden müssen.

"Gerade durch die Ganztagsschulen ergeben sich ja neue Chancen, dass die Kinder eben am Nachmittag in der Schule sind, da auch nicht so mit Wissen vollgestopft werden können – und da wollen wir eben dann Naturerlebnisangebote dort formulieren. "

Dass Interessen- und Lobbyverbände in die Schulen gehen und dort Arbeitsgemeinschaften nach Stundenplan anbieten, sehen manche Eltern durchaus kritisch: Wer kann garantieren, dass nach dem BUND morgen nicht der örtliche Energieversorger eine AG anbietet, in der den Kindern die Segnungen der Kohle- oder gar der Atomkraft vorgebetet werden? BUND-Geschäftsführer Erwin Manz baut auf die Sensibilität der Schulleitungen und betont, dass es ja wohl ein Unterschied sei, ob seine gemeinnützige Umweltorganisation oder eine Industrielobby unterrichtsergänzende Schul-AGs anbiete. Praktisches Naturerleben, so Manz, sei doch gesellschaftspolitisch neutral und in der Schule eben Mangelware:

"Wenn die Schulen stärker ein eigenes Angebot dort formulieren, dann wären wir überflüssig. Aber da das derzeit nicht der Fall ist, springen wir in diese Bresche rein. "

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