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StartseiteUmwelt und VerbraucherSind Wasser und Böden verseucht?12.06.2002

Sind Wasser und Böden verseucht?

In Sao Paulo streiten Behörden und Shell um ein Treibstofflager

<strong>Nach den Skandalen um das Nordseetanklager Brent Spar und der Ölförderung in Nigeria hatte der Shell-Konzern in punkto Umweltschutz Besserung gelobt und sich entsprechende Selbstverpflichtungen auferlegt. Danach war es ruhig um Shell geworden. Jetzt gerät der Konzern in Brasilien wieder in die Schlagzeilen. Die Behörden von Sao Paulo, der drittgrößten Stadt der Erde, werfen dem Multi vor, durch ein riesiges Treibstofftanklager nicht nur Böden und Grundwasser des Betriebsgeländes, sondern auch der umliegenden Viertel geschädigt zu haben. Shell bestreitet die Vorwürfe und so richtet man sich in Sao Paolo auf einen langen Rechtsstreit ein. </strong>

von Klaus Hart

Alle paar Minuten verlässt ein Tanklaster an der Rua Colorado das größte Benzindepot der Siebzehn-Millionen-Stadt Sao Paulo, das derzeit Schlagzeilen macht. Nach Darstellung der lokalen Umweltstaatsanwaltschaft hat der Betreiber Shell dort zahlreiche Gesetzesverstöße begangen – Ende Mai wurde die ganze Anlage von der Präfektur geschlossen, weil, wie es hieß, Shell dafür gar keine gültige Lizenz besaß. Doch das Unternehmen erwirkte nur Stunden später den Weiterbetrieb – per einstweiliger Verfügung. Jose Cardoso Teti Filho ist der verantwortliche Direktor für dieses und alle anderen 39 Shell-Tanklager in ganz Brasilien:

Direkt auf dem Betriebsgelände wurden Rückstände aus den Tanks in der Erde eingelagert – das war jahrzehntelang die international übliche Praxis. Wir holen jetzt alle diese Rückstände wieder raus, schaffen sie weg – kontaminiert ist nur Shell-Gelände, das Grundwasser nebenan im Viertel ist nach unseren Untersuchungen nicht betroffen. Die Leute nebenan haben keinen Kontakt mit dem Boden – und das Grundwasser wird ja nicht für häusliche Zwecke genutzt. Einige Substanzen haben wir aber auch außerhalb unseres Geländes im Bodenwasser festgestellt.

Aber stimmen denn Berichte, dass Kinder hoch mit Blei belastet seien, dass laut Schätzungen der Umweltstaatsanwaltschaft bis zu dreißigtausend Menschen betroffen sein könnten?

Eine gefährliche Feststellung, die die Bevölkerung in Panik versetzt. Wer solches erklärt, hatte mit Sicherheit keinen Zugang zu den Fachdokumenten, oder hat sie nicht genau gelesen. Wir haben eine Vielzahl von Daten, Statistiken, technischen Berichten, die uns zumindest bis auf weiteres Sicherheit geben, dass die Bevölkerung ringsum nicht dem Risiko einer Kontaminierung ausgesetzt ist.

Die zuständige Präfektur betonte auf Anfrage, Shell keine Betriebsgenehmigung erteilt zu haben, ein entsprechender Antrag von 1998 sei im Jahr 2000 abgelehnt worden. Shell-Direktor Teti Filho erklärt dies so:

Unsere Dokumente wurden leider als nicht ausreichend eingestuft – das war ein Interpretationsfehler – gemeinsam mit den Behörden korrigieren wir das jetzt. Unser neuer Aktionsplan sieht vor, bis nächstes Jahr sämtliche Tankrückstände zu beseitigen, mehr Messstellen zum Prüfen der Wasserqualität zu installieren. Wir wollen allerletzte Sicherheit haben, dass ein eventuelles Entweichen von Substanzen aus unserem Gelände unter Kontrolle ist, Grenzwerte eingehalten werden.

Die Präfektur Sao Paulos ist indessen nicht nur von Umweltschäden außerhalb des Shell-Geländes überzeugt. Rui Dammenhain, technischer Direktor der Gesundheitsüberwachung, ließ im April sämtliche Brunnen des angrenzenden Viertels schließen, nahm Trinkwasserproben.

Das Wasser ist ziemlich trübe, hat einen charakteristischen Geruch, wie der von Insektiziden. Die Leute haben sich über dieses Wasser immer wieder beschwert, weil beim Wäschewaschen die Farbe rausging, Weißes gelb wurde. Ich habe keine Zweifel mehr, dass es eine Kontaminierung in großem Ausmaß gibt – wir stellen jetzt alle denkbaren Untersuchungen an, um das zu beweisen.

Rui Dammenhain widerspricht den Angaben des Shell-Direktors, wonach die Bevölkerung nie Risiken ausgesetzt war, weist auf die hohe Giftbelastung von Bewohnern nahe einer Shell-Pestizid-Fabrik bei Sao Paulo, derzeit ebenfalls in den Schlagzeilen:

Die Leute hatten Pestizide im Blut, alles ist bewiesen – aber dennoch wird es von dem Unternehmen bis heute in Abrede gestellt, ist ein enormer Rechtsstreit im Gange. Shell hat nun einmal eine gute Rechtsabteilung, um die Dinge für lange Zeit hinauszuzögern, zu verschleppen.

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