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StartseiteKultur heuteSinnfrei dem Leben zuschauen13.02.2012

Sinnfrei dem Leben zuschauen

"The Happy Ending of Franz Kafka's Castle" in München

Martin Kusej, der neue Intendant des Residenztheaters, räumte der Performance-Truppe "Showcase Beat Le Mot" bei der Uraufführung von "The Happy Ending of Franz Kafka’s Castle" im Münchner Marstall breitesten Raum ein. Ein Konzept allerdings war nicht erkennbar.

Von Rosemarie Bölts

Szene aus der Performance "The Happy Ending of Franz Kafka's Castle" von Showcase Beat LeMot im Münchner Marstall. (Renate Neder)
Szene aus der Performance "The Happy Ending of Franz Kafka's Castle" von Showcase Beat LeMot im Münchner Marstall. (Renate Neder)

Draußen ist es bitterkalt. Augenscheinlich gehört das zum Programm. Die Leute sollen sich erstmal die Beine in den Bauch stehen, ehe sie auf den, wie es heißt, "Parcours" geschickt werden: offene Feuerstellen, ein Bettgestell mit Daunendecke und ein stickiges Rundzelt, als "Sauna" apostrophiert.

20 Minuten dauert das Vorspiel im gefrorenen Schnee, eine Schnapsflasche wird herumgereicht, Trommel und Tröten schinden das Ohr, und am Schluss wird die ganze Marstallfront in eine Lichtinstallation getaucht: das Wort FÜRCHTERLICH ist auch zu lesen. Hier sollen Franz Kafka und sein Castle ein glückliches Ende nehmen?

Endlich Einlass in den ehemaligen Pferdestall der Königlichen Residenz, aber auch hier im unwirtlichen Gang zwischen Container und Gabelstapler heißt es warten, während ein Scherenschnitt-Video zappelnde Strichmännchen zeigt, die ebenso sinnfrei von zwei Männern in langen Mänteln auf Polnisch und Deutsch dialogisiert werden.

Und dann ist richtig Jahrmarkt. Dann werden endlich zwei schmale Türen geöffnet, man tritt in einen schwefligen Nebel und tastet sich durch Berge von Gerümpel den Weg zu einer Sitzgelegenheit vor oder gleich zum "Buffet", wo es während der pausenlosen Veranstaltung Butterbrot und Bier in Plastikbechern für alle gibt. Garniert mit lautem Beat.

Die vier Männer von Showcase Beat Le Mot und die vier echten Profis des Residenztheaters performen nun rund um den in der Mitte des Raumes aufgebauten Turm aus Lautsprecherboxen und Schlagzeugtrommeln, was spontane Animation und Spielfetzen hergeben :

"Elf. Zwölf. Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig!"

Sie spielen Verstecken, sind pantomimisch unterwegs, kurven in umgebauten Rollstühlen umher, erzeugen mit einem Geigenbogen auf Radspeichen Töne. Einer wischt nass und gründlich den Fußboden, einer trommelt mit langen Knochen, ehe er sie in den Ofen steckt. Einer zieht eine Fantasieritterrüstung an und klappert damit auf einer Nähmaschine. Die anderen tragen graue Anzüge und verkleiden sich auch manchmal, zum Beispiel als Pferde, die sich Witze erzählen:

"Ich habe auch einen: Was sind zwei Österreicher auf einer Kanonenkugel? Ein Dum-dum-Geschoss. Ha!"

Showcase Beat Le Mot reklamieren für sich die totale Freiheit von jeglicher Art von Theater-Text-Schauspiel-Inszenierungsanwandlung. Postdramatischer Flickerlteppich. Soweit geht das in Ordnung. Die Bühne ist keine Bühne. Geräusche und Töne liegen ebenso über- und durcheinander wie das Gerümpel aus dem Fundus. Ein Konzept ist nicht erkennbar, es gibt auch keine Geschichte, keine Choreografie, es gibt eigentlich nur sinnlose Ansatzpunkte:

"Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran?"
"Ja. "
"Wer sind Sie denn?"
"Mein Name ist K. So wie käuflich oder krossartig."
"Ist das Ihr richtiger Name?"
"Eigentlich heiß ich Klemtovic. Aber Sie wissen ja, wie das ist. Alles verkürzt sich auf der Welt. "
"Alles? Hallo?"
"Hallo? Hallo, sind Sie noch dran?"
"Mein Name ist K. wie Kain. Also so wie Abel, nur Kain."

Nicht, dass man irgendetwas erwarten sollte bei dem laut Programmheft international relevanten Performance-Kollektiv. Es ist so von gestern. Damals hieß das Anti-Theater und hatte noch einen Anspruch. Hier im Stall-Ambiente geht es zu wie auf einer dieser neo-belanglosen Parties. Zuschauer schlendern durch den Raum mit Wurstbrot in der einen und Bier in der anderen Hand, hocken sich auf den Teppich, gehen nah ran an die Protagonisten, zeigen freundliches Interesse. Mehr Mitmachtheater funktioniert nun mal nicht mit dem Münchner Publikum. Sinnfrei dem Leben zuschauen, nichts verstehen müssen, aus dem Moment raus irgendwas machen, Spaß haben, scheint das Credo zu sein.

Was das mit Kafka und dem Schloss … ? Wirklich überflüssige Frage. Kein Happy Ending, nur ein Happy Together, für Showcase Beat Le Mot.

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