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StartseiteKulturfragen"Jede Stimme hat das Recht, gehört zu werden"04.10.2020

Skadi Jennicke über 30 Jahre Deutsche Einheit"Jede Stimme hat das Recht, gehört zu werden"

Leipzig hat 30 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch kein Freiheits- und Einheitsdenkmal. Ein Siegerentwurf war 2013 erst gekürt, dann verworfen worden. „Ich warne vor Eile“, sagte dazu die Leipziger Beigeordnete für Kultur, Skadi Jennicke, im Dlf. „Der Weg dorthin ist vielleicht schon das Denkmal.“

Skadi Jennicke im Gespräch mit Karin Fischer

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Skadi Jennicke, Leipziger Bürgermeisterin für Kultur, bei der Eröffnung der Erlebniswelt Südamerika im Zoo Leipzig 2018 (imago images / PicturePoint)
Die Leipziger Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur lässt alle Perspektiven auf die Einheit gelten (imago images / PicturePoint)
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In Leipzig hatten im Oktober 1989 bis zu 70.000 Menschen an den Montagsdemonstrationen teilgenommen. Den Auftrag, ein Einheits- und Freiheitsdenkmal in Leipzig zu errichten, gibt es weiterhin. Über den mühsamen Prozess dorthin sagt Skadi Jennicke: "Wenn wir zu früh kanonisieren, zu früh einer Perspektive auf dieses historische Ereignis das Vorrecht geben, dann wiederholen wir Fehler der Geschichte."

"Jeder hat seine eigene Wahrheit"

Moderne Erinnerungskultur lebe von Multiperspektivität: "Und die will eben auch ausgehalten werden, und das ist mühsam. Und kostet Zeit. Und die nehmen wir uns aber auch in Leipzig." Jeder habe das Recht auf eine eigene Erinnerung an 1989, jeder seine eigene Wahrheit. Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sei dieser Prozess mit Reibungsverlusten verbunden. "Ich sag dann immer, die gehören halt dazu. Wir müssen genau da durch und dürfen auch nichts wegdrücken. Jede Stimme hat das Recht, gehört zu werden."

Die Wende hat sie als Pubertierende erlebt und als eine Zeit der Befreiung, des Aufbruchs und der Chancen für ihre ganze Generation. Die zentrale Erfahrung dabei: "Nichts ist Gottgegeben. Ein gesellschaftliches System ist änderbar. Und es sind die Menschen, die es ändern, das heißt aber auch, dass sie es gestalten und prägen können." Das unterscheide ihre Generation durchaus von Menschen aus Westdeutschland, dass sie nichts für selbstverständlich genommen habe und dass es auch Mühe koste, sich etwas zu erarbeiten.

Heute beschäftige sie die Frage: "Wo stehen wir denn mit dem Demokratie-Bewusstsein? Und da muss ich leider feststellen, dass das, was da '89 mit sehr viel Inbrunst, mit Leidenschaft und Engagement propagiert wurde, auch heute noch nicht in sehr vielen Körpern und sehr vielen Menschen angekommen ist."

"Demokratie ist Freiheit zur Verantwortung"

Aktuell vermisst Skadi Jennicke bei vielen Ostdeutschen den Mut, individuelle Verantwortung für die Demokratie oder demokratische Prozesse zu übernehmen. "Da werde ich wütend. Und gleichzeitig, auf der anderen Seite, erlebe ich immer wieder ostdeutsche Menschen, die zu schnell und zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt werden einfach nur deswegen, weil sie ein zutiefst verankertes Gerechtigkeitsempfinden haben. Und das wird in unserer Gesellschaft an so vielen Stellen tatsächlich verletzt. Und ich glaube, wir tun gut daran, auch in der politischen Verantwortung, dafür mehr Sensibilität walten zu lassen."

Skadi Jennicke war 12 Jahre alt, als die Mauer fiel. Sie studierte in Halle/Wittenberg und promovierte über das "Theater als soziale Praxis. Ostdeutsches Theater nach dem Systemumbruch". Jennicke arbeitete als Dramaturgin, ist Mitglied der Partei DIE LINKE im Bundestag und Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig.

Die Kultur werde im Osten Deutschlands als gemeinschaftsstiftendes Element nicht in Frage gestellt, so die Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig. "Dieser Wert ist tief in den Menschen verankert." In der DDR sei der Künstler gefragt und mit einem Auftrag versehen gewesen, die Gesellschaft mitzugestalten. "Dieser Auftrag war ein normativer, aber er hat dem Künstler auch Aufmerksamkeit, Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz beschert. An diesem spannungsvollen Verhältnis zur Kunst halten viele aus guten Gründen fest, und das ist gut und richtig: natürlich baut Kunst und Kultur mit am Fundament unserer Gesellschaft."

"Stecke knietief in der Krisenbewältigung"

Das sieht Jennicke auch durch Corona nicht bedroht, um die Kunstproduzenten sorge sie sich nicht. Der Kulturbetrieb sei bis im Sommer aber im absoluten Notbetrieb gewesen. Nun lerne man langsam, Corona nicht als kurzfristiges Phänomen zu begreifen. In den Haushalten der Kommunen und Länder, aber auch in den Kulturinstitutionen werde es nachhaltige Einnahmeverluste geben. "Ohne finanzielle Hilfe vom Bund werden wir die Struktur und die kulturelle Vielfalt im Land nicht gut aufrechterhalten."

Kultur könnte unterm Strich teurer werden, so Skadi Jennicke. Aber: "Sie glauben nicht, was für unfassbare Erlebnisse Sie im Theatersaal oder Konzert jetzt in der Krise haben. Ich glaube, es wurde noch nie so viel geweint, vor Rührung und Angefasstsein von dem, was auf der Bühne gesungen oder gespielt wurde. Man spürt einfach, wie sehr unsere Seele und unser Geist diese Erlebnisse braucht."

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