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StartseiteComputer und KommunikationEine Branche unter Zeitdruck09.02.2019

Smart MeterEine Branche unter Zeitdruck

Intelligente Stromzähler sollen künftig das gesamte Stromnetz steuern - und damit auch die Energiewende bewältigen. Allerdings sind sichere Smart Meter noch Mangelware. Schuld daran, so die Netzausrüster, seien vor allem Energiekonzerne und Stadtwerke.

Von Peter Welchering

Der intelligente Stromzähler für den Privathaushalt zeigt den Stromverbrauch sekündlich an und liefert diese Information an einen Kleincomputer. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
Smart Meter werden dringend benötigt, sie können aber erst dann eingebaut werden, wenn ihre Sicherheitsschnittstelle die Sicherheitsüberprüfung bestanden hat. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
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Bouke Stoffelsma: "Die Branche hat die Digitalisierung sehr zögerlich angegangen, und da müssen wir viel schneller werden, sonst werden wir die Anforderungen allein an E-Mobilität überhaupt nicht leisten können."

Manfred Kloiber: Sagt Bouke Stoffelsma, Vorstand des Netzausrüsters Hausheld AG. Das Zeitfenster für die Energiewende, es schließt sich langsam aber sicher. Und alles hängt ab von der Digitalisierung der Stromnetze und ihrem dezentralen Betrieb. Das war die eindeutige Botschaft der Energiefachmesse eWorld, die in dieser Woche in Essen stattgefunden hat. Wo liegen denn die größten Herausforderungen für die Energiewende, Peter Welchering?

Peter Welchering: In der Lieferung der Smart Meter-Gateways, also der Sicherheitsschnittstelle und in der Absicherung der Steuerungsrechner für die Energieversorgung in den Unternehmen. Bei den Smart Meter-Gateways haben wir es gleich mit mehreren Problemen zu tun. Zum einen ist bisher nur ein Gateway vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zertifiziert worden. Diese Gateways wirklich sicher zu kriegen, das war sehr viel komplizierter als gedacht. Da kommt jetzt auch ein Diskussion auf, das Sicherheitsniveau etwas herabzusenken. Und das hätte fatale Folgen.

Und das zweite Problem sind die Steuerungsrechner, die in den Unternehmen für die Lastverteilung zuständig sind, die also dafür sorgen, dass ein Flughafen stabil mit Strom versorgt wird oder ein Krankenhaus oder ein Internet-Provider. Diese Rechner werden zunehmend zum Ziel von Hackerangriffen. Und diese Rechner sind noch nicht auf die Anforderungen ausgerichtet, die eine dezentrale Energieversorgung mit Windkraft und Solarenergie an die Systeme stellt. Deshalb war auf der eWorld des Öfteren zu hören: 2019 wird das entscheidende Jahr für die Energiewende.

Kloiber: Und wir fassen zusammen, wie diese beiden Themen auf der eWorld diskutiert worden sind.

Nur wer intelligent misst, kann intelligent steuern

Bouke Stoffelsma:"Ich glaube, dass die ganze Energiewende nur funktioniert, wenn wir intelligent messen. Nur wer intelligent misst, weiß auch was noch an Kapazität da ist und kann intelligent steuern. Wenn wir wegwollen von zentralen Kraftwerken für Braunkohle, für Steinkohle, raus aus der Atomkraft, dann werden wir viel, viel mehr volatile Lasten nennt sich das bekommen, also Windkraft, die mal da ist, mal nicht da ist, Solarenergie, die mal da ist, mal nicht da ist. Wir müssen das intelligent steuern, dann, wenn es da ist."

So fasst Bouke Stoffelsma, Vorstand des Netzausrüsters Hausheld AG aus Mönchengladbach, die Anforderungen für die Energiebranche zusammen. Um aus der Kohleverstromung herauszukommen, um die Kernkraftwerke abschalten zu können, benötigt die Branche dringend Smart-Meter, also intelligente Stromzähler. Denn die buchen für den Verbraucher nicht nur den günstigsten Tarif, sondern mit ihnen wird das gesamte Netz gesteuert.

Bouke Stoffelsma: "Die Einführung von Intelligenten Messsystem, also Smart Metern, setzen wir ein, um gleichzeitig auch zu sehen, was in den Netzen heute an Strom fließt, an Strömen fließt, wie der Zustand der Netze ist, und das können wir visualisieren. Damit kann man sehen, an welchen Abschnitten noch Photovoltaikanlagen nachgerüstet werden können, wo überhaupt noch Platz für E-Mobilität ist, für Ladesäulen. Man sieht auf einmal als Netzbetreiber anhand der Messdaten, wie geht es meinem Netz."

Erst ein Gateway-Anbieter zertifiziert

Aber die so dringend benötigten Smart Meter können erst dann eingebaut werden, wenn ihre Sicherheitsschnittstelle, das Smart-Meter-Gateway, die Sicherheitsüberprüfung bestanden hat. Denn unsichere Smart Meter würden letztlich zu Stromausfällen und somit zur Katastrophe führen. Der Sicherheitsforscher Professor Hartmut Pohl aus Sankt Augustin warnt denn auch.

Hartmut Pohl: "Smart Meter-Gateways bilden ja den Abschluss des Endverbraucher-Netzes, das ist der Bürger mit seiner weißen Ware und dem Stromanschluss fürs Auto et cetera und Sonnenkollektoren, die wieder einspeisen, also Verbraucher und Stromgeneratoren. Das Risiko bei dem Thema ist, dass es einem Täter gelingt, aus diesem privaten oder Unternehmen oder Bürger Netzen heraus ins Smart Grid zu kommen und das stromlos zu schalten."

Bisher hat erst ein einziger Gateway-Anbieter die hohen Sicherheitshürden der Zertifizierung geschafft. Doch erst wenn Gateways von drei Herstellern am Markt sind, kann der Smart-Meter-Ausbau in der Fläche beginnen. Hier steht die Branche unter Zeitdruck. Um diesem Zeitdruck zu begegnen, liefern viele Stadtwerke statt der benötigten Smart-Meter nur sogenannte "moderne Messeinrichtungen". Das sind zwar auch digitale Stromzähler, aber eben keine intelligenten Stromzähler. Sie können zum Beispiel keine Verbrauchsdaten an den Energieversorger senden. Dr. Christian Bogatu vom Anbieter Fresh Energy aus Berlin beschreibt das so:

"Der Großteil, und was ist eigentlich die Krux, der Großteil der Haushalte, also 85 Prozent, 90 Prozent der Deutschen bekommen gar nicht so einen Smart Meter, sondern sie bekommen eine sogenannte moderne Messeinrichtung, und die ist eigentlich, so wie sie jetzt einfach verbaut wird, überhaupt nicht intelligent. Die kann nämlich gar nicht Daten senden. Und es gibt keinen wirklichen Mehrwert für den Endkunden."

Und so schieben nicht wenige Stadtwerke die Smart-Meter-Problematik erst einmal weit von sich. Bouke Stoffelsma findet das fahrlässig:

"Viele Stadtwerke denken, das wird vielleicht nicht so schlimm werden. Doch, es wird so schlimm werden! Und wir müssen jetzt handeln. Wir müssen aktiv uns mit diesen Systemen beschäftigen, müssen sie einbauen, und wir müssen sie zum Funktionieren bekommen."

Ausweichstrategie der Stadtwerke

Kloiber: Das ist also ganz offensichtlich eine Ausweichstrategie einiger Stadtwerke. Gefährden die damit die Energiewende, Peter Welchering?

Welchering: Das wird von vielen so gesehen. Zwar können die sogenannten Modernen Messeinrichtungen dann mit entsprechender Sendetechnik nachgerüstet werden. Aber um das geforderte hohe Sicherheitsniveau der dann zertifizierten Smart Meter mit ihren Gateways flächendeckend zu realisieren, müsste diese Messeinrichtungen eigentlich ausgetauscht werden. Das kostet Geld und wird deshalb herausgezögert.

Kloiber: Gibt es denn schon Terminvorstellungen, wann die zertifizierten Gateways am Markt sein werden?

Welchering: Gefordert wird das bis zum Herbst. Und es gibt zwei weitere Forderungen, die in diesem schmalen Zeitfenster auch noch erfüllt sein müssen. Zum einen müssen die Smart Meter die Verbrauchsdaten auch wirklich vollkommen anonymisiert weitergeben. Das Stromnetz mit regenerativen Energien braucht diese Daten, damit es überhaupt steuerbar ist. Und einige Energieversorger wollen mit diesen Verbrauchsdaten ein zusätzliches Geschäft machen, so in der Art: "Lieber Verbraucher, buche dich für ein paar Mehrwertdienste bei uns ein. Dann sorgen wir dafür, dass Dir automatisch Waschmittel ins Haus geliefert werden, wenn Du die dreißigste Maschinenladung gewaschen hast. Dass es die 30. Maschinenladung ist, sagt uns Dein Smart Meter." Das wollen die meisten Verbraucher nicht. Die wollen nicht über ihren Stromverbrauch in ihren häuslichen Tätigkeiten kontrolliert werden. Und auf diese dezentrale Stromversorgung sind die größeren Unternehmen häufig noch gar nicht vorbereitet. Die sind noch im zentralistischen Stromzeitalter. Und das ist gefährlich.

Sicherheitsniveau zu senken, wäre fatal

Kloiber: Was muss bei den größeren Unternehmen passieren?

Welchering: Da müssen dringend die Steuerungsrechner für die unternehmensweite Stromversorgung fit gemacht werden für das Smart-Meter-Zeitalter. Die sind Stand heute vielfach noch nicht ausreichend gegen digitale Angriffe geschützt. Wenn so ein Unternehmenseigner, also nicht auf Seiten des Energieversorgers, sondern ein Lastverteilungsrechner, der beim Verbraucher steht, Unternehmen sind da ja auch Versorgungskunden, wenn solch ein Rechner angegriffen wird, kann das zwei Konsequenzen haben.

Konsequenz Nr. 1: Die Stromversorgung in Unternehmen bricht zusammen. Wenn es sich dabei um einen Internet-Provider, um einen Flughafen handelt, also mehr oder weniger kritische Infrastruktur, ist das fatal für deren Kunden. Kunden, die auf Internet-Verbindung angewiesen sind, Passagiere, die fliegen wollen usw. Aber es ist auch für das Stromnetz insgesamt fatal. Denn über diese unternehmenseigenen Lastverteilungsrechner kann ein Angreifer in das allgemeine Stromnetz gelangen. Und da für einen Blackout sorgen. Das ist die zweite Gefahr, der sich die Branche widmen muss.

Kloiber: Welche Bremsen müssen denn da gelöst werden, damit hier effektive Sicherheitslösungen für die Energiewende umgesetzt werden können?

Welchering: Die Gateway-Zertifizierung muss in diesem Jahr Fortschritte machen. Da arbeitet das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) auch unter Hochdruck. Gleichzeitig wäre es fatal, wenn hier das Sicherheitsniveau herabgesenkt würde. Aber viele Netzausrüster sagen: Sowohl bei den Stadtwerken als auch bei vielen Energiekonzernen hat die Digitalisierung noch gar nicht angefangen. Die haben nach wie vor ihr zentralistisches, traditionelles Kohleverstromungsmodell. Und die Herausforderungen in dezentralen Netzen Versorgungsstabilität zu garantieren, haben viele noch nicht richtig erkannt. Eine Anekdote am Rande der eWorld mag das illustrieren: Microsoft bietet ein Softwarepaket Stadtwerke365. Software, die also nicht mehr gekauft, sondern gemietet wird über Microsoft-Server. So wie Office 365. Und auf die Frage, was denn passiere, wenn Microsoft die Lösung Stadtwerke365 mal nicht korrekt betreiben könnte, sagte die Microsoft-Mitarbeiterin, die Server seien sicher. Das würde nicht passieren. Einwand: bei Office 365 kam es zu Ausfällen über mehrere Tage, die Büros lahmgelegt haben. Was ist, wenn das bei Stadtwerke365 auch passiert? Und die Antwort von Microsoft: das ist im Handbuch nicht vorgesehen.

Kloiber: Peter Welchering über SmartMeter und die Zukunft der Stromversorgung. Besten Dank!

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