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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Wir kontrollieren viel weniger, was wir schreiben"14.03.2019

Smartphone und Sprache"Wir kontrollieren viel weniger, was wir schreiben"

Der Sprachwissenschaftler Henning Lobin empfindet die Kommunikation in den sozialen Medien als Bereicherung. Die Geschwindigkeit in der Schriftsprache habe enorm zugenommen, durch Emojis und GIFs sei sie zudem visueller geworden, sagte er im Dlf. Die neuen Rahmenbedingungen führten aber auch zu Problemen.

Henning Lobin im Gespräch mit Carsten Schroeder

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Ein Smartphone-Nutzer tippt auf ein Emoji, um es in eine WhatsApp-Nachricht einzufügen. (picture alliance/dpa/Matthias Balk)
Vor 20 Jahren habe noch niemand an die heutige Form der Kommunikation gedacht, sagte der Sprachwissenschaftler Henning Lobin im Dlf (picture alliance/dpa/Matthias Balk)
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Carsten Schroeder: Sprache ist etwas sehr Lebendiges und wandelt sich laufend, neue Begriffe, neue Bezeichnungen tauchen auf. Es gibt Vorlieben und Moden, die sich durchsetzen. Ob man das immer schön findet, steht auf einem anderen Blatt. Gegenwärtig macht unsere zwischenmenschliche Kommunikation große Veränderungen durch. Es wimmelt von Kurznachrichten, E-Mails, WhatsApp-Nachrichten, Twitter-Meldungen. Das alles wird illustriert mit Emojis, mit Smileys und wird mit Abkürzungen auf wenige Schriftzeichen reduziert.

Das bleibt vermutlich nicht ohne Auswirkungen auf die gesprochene und geschriebene Sprache. In dieser Woche veranstaltet das Institut für Deutsche Sprache seine Jahrestagung, und das Thema lautet: Deutsch in den sozialen Medien.

Am Telefon ist der Direktor des Instituts, Professor Henning Lobin. Guten Morgen, Herr Professor Lobin!

Henning Lobin: Guten Tag, Herr Schroeder!

Schroeder: Inwiefern hat sich durch die sozialen Medien und durch die allgegenwärtigen Smartphones unsere Sprache bereits verändert?

Lobin: Ja, sie hat sich – ich glaube, das merkt jeder – dahingehend verändert, dass wir sehr viel spontaner schreiben. Das ist etwas, was neu ist, denn eigentlich ist Geschriebenes immer auf eine gewisse Nachhaltigkeit ausgelegt. In den sozialen Medien schreiben wir, drücken auf Absenden, es kommt innerhalb von Sekunden oftmals eine Antwort wiederum, und diese Geschwindigkeit, die dort vorherrschend ist, führt dazu, dass wir sehr viel weniger kontrollieren, was wir schreiben, und sehr viel verschlissenere Formen auch beispielsweise in Hinsicht auf Rechtschreibung und Zeichensetzung und so weiter dort zu finden sind.

"Es sind verschlissenere Formen in Hinsicht auf Rechtschreibung zu finden"

Schroeder: Und das merkt man auch an den Nachrichten, die verschickt werden, die auf die Smartphones geschickt werden. Macht sich das auch bemerkbar in der geschriebenen Sprache, bei Texten, die als Schriftdeutsch eigentlich laufen sollten?

Lobin: Glücklicherweise nicht so ohne Weiteres, denn das ist ja eine Situation, die wir auch aus ganz vielen anderen Zusammenhängen kennen. In der gesprochenen Sprache differenzieren wir, ob wir in einem Freundeskreis uns austauschen oder in einer sehr formellen Situation sind, was weiß ich, ein Bewerbungsgespräch.

In der geschriebenen Sprache differenzieren wir auch immer schon so. Das lernen wir schon in der Schule. So ist das eben auch in den sozialen Medien.

Normalerweise wissen die Leute, dass dort in bestimmten Zusammenhängen anders kommuniziert wird, als wenn sie, was weiß ich, einen Behördenbrief verfassen oder so etwas, und man sucht sich dann das entsprechende Register, so wie wir das nennen, entsprechend aus.

Schroeder: Sind denn WhatsApp-Nachrichten und Twitter-Meldungen eine neue Form der Kommunikation oder ist es auch normale geschriebene Sprache?

Lobin: Also es ist schon insofern eine neue Form der Kommunikation, weil die Rahmenbedingungen so anders sind. Wie gesagt, die Geschwindigkeit ist eine andere, es ist auch eine höhere Visualität dort zu verzeichnen, denn sehr viele Nachrichten auf Twitter, WhatsApp, Facebook-Nachrichten sind ja mit kleinen Emoticons, Emojis oder sonstigen Bildern versehen, teilweise auch richtige Fotografien dabei oder diese beweglichen GIFs zum Beispiel, die eine ganz eigene Bedeutungsebene noch damit hineintragen. Also insofern gibt es da tatsächlich ganz neue Elemente.

Auf der anderen Seite basiert das natürlich alles auf der Standardschriftsprache des Deutschen, die allerdings hier in vielen Fällen in abgewandelter Form auch verwendet wird.

Schroeder: Ist das denn aus Ihrer Sicht eine Verarmung oder eine Bereicherung der Sprache?

Lobin: Es ist ein ganz neues Feld, in dem wir kommunizieren. Man muss sich ja vergegenwärtigen, dass wir vor 20 Jahren dieses Feld der Kommunikation überhaupt gar nicht hatten. Immer dann, wenn sich ein neues Feld ergibt, schriftsprachlich und gesprochensprachlich – Stichwort zum Beispiel Telefon oder auch Fernsehen –, immer dort entstehen auch neue Arten des Kommunizierens in der Sprache, und so ist das jetzt auch in diesem Bereich.

Insofern ist das eine Bereicherung. Allerdings gibt es natürlich – davor verschließen wir nicht die Augen – in der Kommunikationsweise insgesamt, also in dem Gebrauch dieser Medien, Probleme. Das wissen wir ja alle, dass da die berühmten Echokammern entstehen, wo dann auch, sagen wir, Meinungen sich verstärken können und gar nichts anderes mehr durchdringt, aber in sprachlicher Hinsicht kann man sagen, dass hier durchaus interessante neue Phänomene zutage treten und wir hier ein Gebiet sehen, das sich gewissermaßen vor unseren Augen formiert als ein Kommunikationsbereich.

Alexa, Siri und Co. könnten die gesprochene Sprache verändern

Schroeder: Wir haben jetzt automatisch etwas mehr über die geschriebene Sprache gesprochen und die Auswirkungen, aber ich kann mir natürlich auch vorstellen, dass die sozialen Medien und auch, dass die Smartphones eine Veränderung der gesprochenen Sprache mit sich bringen. Wie sieht das aus?

Lobin: Ja, das ist vielleicht noch nicht ganz so klar zu verzeichnen, denn in der Tat ist es so, dass die sozialen Medien bislang ja eher schriftsprachlich konstituiert waren. Es gibt da den interessanten Effekt, dass wir da Übernahmen in der Schriftsprache aus dem gesprochensprachlichen Bereich auch haben und dieser sehr schnelltaktige Austausch ja eigentlich auch ein Merkmal der gesprochenen Sprache des Gesprächs eigentlich ist.

Was allerdings im Moment sicherlich sehr stark im Kommen ist, ist, dass tatsächlich auch die gesprochene Sprache eine verstärkte Rolle spielt.

Das hat etwas mit der Spracherkennung auch zu tun. Es ist immer besser möglich, aus der gesprochenen Sprache auch tatsächlich den sprachlichen Sinn abzuleiten, und das führt dazu, dass zum Beispiel solche Geräte wie Amazon-Alexa oder die Apple-Siri-Anwendung, oder auch Google bietet so etwas an und einige andere Firmen, dass diese Anwendungen tatsächlich auf gesprochener Sprache basieren.

Interessant ist die Frage, dafür haben wir noch keine genauen Daten, interessant ist die Frage, ob wir da tatsächlich uns angewöhnen, anders zu sprechen, also ob wir gewissermaßen eine Art Maschinendeutsch uns angewöhnen, weil wir davon ausgehen, dass das anders verarbeitet wird, dass man da vielleicht nicht höflich sein muss und dass man da einfach eine Anweisung so erteilen kann, wie man das einem Familienmitglied gegenüber oder einem Freund nicht machen würde.

Schroeder: Vielen Dank! Das war Professor Henning Lobin, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache!

Lobin: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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