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StartseiteComputer und KommunikationPeinliche Fotos verschwinden lassen03.01.2015

Software Place AvoiderPeinliche Fotos verschwinden lassen

Mit Datenbrillen lassen sich in kurzer Zeit sehr viele Bilder schießen und in soziale Netzwerke hochladen - dabei könnten unter den Aufnahmen auch Bilder mit peinlichen Motiven sein, oder welche, die die Privatsphäre Anderer verletzen. Forscher der Indiana University in den USA haben eine Software entwickelt, die das Problem lösen soll.

Von Holger Bruns

Eine Frau trägt die Datenbrille Google Glass. (dpa/picture alliance/Jens Kalaene)
"Bei den Datenbrillen besteht auch die Gefahr, dass Sie Bilder aufnehmen, die Sie nicht wirklich mit der Welt teilen wollen," so David Crandall von der Indiana University. (dpa/picture alliance/Jens Kalaene)
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Datenbrillen sind tragbare Monitore an einem Brillengestell - noch ziemlich neu auf dem Markt und kosten entsprechend viel Geld. Dennoch ist absehbar, dass es etliche Interessenten dafür gibt, zumal sich diese Datenbrillen nicht nur als Monitor eignen, sondern auch als Life-Logging-System. Es schießt in Abständen von Sekunden eine Flut aus tausenden von Fotos, die kein Mensch mehr gescheit durchsehen und aussortieren kann. Das ist keinesfalls risikofrei, sagt David Crandall, Professor an der US-amerikanischen Indiana University:

"Vor zwei oder drei Monaten besuchte ich meinen Neffen. Er ist erst sechs Monate alt, so ungefähr. Und ich trug eine Datenbrille. Es hat viel Spaß gemacht, weil ich hinterher all diese tollen Bilder sah, mit mir und dem Kind. Ich hätte diese Bilder niemals anders bekommen können. Aber natürlich besteht mit diesen Datenbrillen auch die Gefahr, dass Sie Bilder aufnehmen, die Sie nicht wirklich mit der Welt teilen wollen."

Diese Bilder sind problematisch, denn sie werden unauffällig aufgenommen und verletzen möglicherweise damit die Privatsphäre anderer Menschen. Aber nicht nur das. Auch im Leben des Trägers der Datenbrille können sehr private Dinge plötzlich als Foto oder Video erscheinen, die man eigentlich niemandem zeigen möchte.

"Sie liefern hochwertige Informationen mit allem, was Sie nach Facebook schicken, oder auf welcher Website Sie nach Ihrer E-Mail schauen, und mit ihren Texten. Da gibt es also viele persönliche Informationen. Dabei geht es nicht um den physischen Ort, sondern wirklich um Ihre Kommunikation. Und in diesem Sinne begreifen wir auch Computermonitore. Sie wissen, was ein Bild heikel macht. Die meisten Leute werden es hoffentlich brauchbar finden, dass wir einige wichtige Situationen erkennen können," sagt Apu Kapadia, ebenfalls Professor an der Indiana University. Zusammen mit seinem Kollegen David Crandall und einem weiteren Kollegen entwickelte er eine Software namens Place Avoider, die peinliche Bilder vor Weiterleitung beispielsweise in die sozialen Netzwerke aussortiert. Zu diesem Zwecke nahmen am Projekt beteiligte Studierende massenhaft Bilder auf, die automatisiert ausgewertet werden. David Crandall:

"Basierend auf diesen Bildern baut das System eine Art von visuellem Modell auf, wie der Ort aussieht, oder jeder Raum aussieht. Und da ist die Idee, dass dann, wenn die Datenbrille den ganzen Tag über Bilder aufnimmt, während jemand in der Gegend herumläuft, diese Bilder zu nehmen und mit einem dieser Modelle zu vergleichen, um herauszufinden, wo im Haus das Bild aufgenommen wurde."

Noch ein rein akademisches Projekt

Das ist eine praktische Lösung für den Fall, dass nach einem Tag mit der Datenbrille so eine Bilderflut vorliegt, die den Menschen überfordern würde. Der Place Avoider geht bei der Sichtung nach Verfahren des maschinellen Lernens vor. Ist diese Software erst einmal trainiert, kann sie zum Beispiel das Bad vom Schlafzimmer und auch von anderen Räumen noch unterscheiden.

"Der erste Ansatz ist ein Algorithmus, der versucht, nach sehr spezifischen Details eines Ortes zu sehen. So sieht er nach bestimmten Objekten und bestimmten Eigenschaften, die in einem Raum zu finden sind, aber nicht so oft in anderen Räumen."

Auf diese Weise lassen sich Fotos ausschließen, die in bestimmten Räumen aufgenommen wurden. Doch das alleine reicht nicht. Sehr oft sind die Bilder verwackelt, schlecht fokussiert und falsch belichtet. Also achtet der Place Avoider nicht nur auf Bettgestelle und Sanitärkeramik, sondern auch auf Wandfarben, Fliesen und Tapetenmuster.

"Der Grund dafür, das zu machen, ist, dass Kameras in Datenbrillen häufig sehr verschwommene Bilder liefern. Sie bekommen auch Bilder, wenn die Kamera auf eine zufällige Wand zeigt, ohne das wirklich interessante Objekte zu sehen sind. Hier wollen wir dann trotzdem herausfinden, um welchen Raum es sich handelt."

So lassen sich peinliche Bilder ziemlich einfach aussortieren, aber natürlich kann man den Spieß auch umdrehen und bewusst kompromittierende Fotos herauspicken, die dann auf irgendwelchen Netzwerken landen. Aber so soll der Place Avoider ja nicht benutzt werden, und außerhalb der Indiana University hat die Software noch niemand ausprobiert. David Crandall sieht seinen Place Avoider im Moment jedenfalls noch als rein akademisches Projekt.

"Ich meine, momentan ist das hauptsächlich von interner Bedeutung. Nicht etwa, weil wir versuchen, das zu schützen. Aber es ist jetzt noch ein kompliziertes Ding, das in vielen verschiedenen Programmiersprachen geschrieben wurde. Eventuell werde ich das als Open Source Software veröffentlichen. Wir brauchen aber noch einige Zeit dafür, das alles aufzuräumen."

 

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