Freitag, 09. Dezember 2022

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Sommermärchen-Affäre
"Alle wussten frühzeitig von der Millionen-Schieberei"

"Tote Zeugen reden nicht" - nach diesem Motto sollen die noch lebenden Betroffenen im Sommermärchen-Skandal verfahren sein, sagte der sportpolitische Experte Thomas Kistner im Dlf. Nun sind Protokolle eines Bankmitarbeiters aufgetaucht, die zeigen: Es ist keineswegs so abgelaufen, wie es alle darstellen.

Thomas Kistner im Gespräch mit Marina Schweizer | 15.07.2017

    Fans schwenken 2006 im Stadion in Stuttgart deutsche Fahnen
    Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat brisante Protokolle gefunden, die nicht nur deutsche Funktionäre unter Druck setzen, erklärte Thomas Kistner im DLF. (picture alliance / dpa / Tony Marshall)
    Wer wusste was und wann im Skandal um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland? Nach und nach stellt sich heraus: Die Beteiligten wussten früh von ominösen Millionen-Zahlungen, erklärte Thomas Kistner, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, im Dlf. "Im Hinblick auf die zehn Millionen Schweizer Franken, um deren wirklichen Verwendungszweck es bis heute geht, und die mit Lug und Trug auf mysteriösen Wegen durch die halbe Welt geschleust werden mussten, wurde von den Beteiligten bisher stets auf den früheren Beckenbauer-Manager Robert Schwan und den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus verwiesen."
    Die beiden hätten die Geschäfte abgewickelt. "Worum es dabei ging, wollte keiner genau wissen und das ließ sich natürlich leicht so darstellen, weil beide nicht mehr befragt werden können - beide sind lange tot." Jetzt hat die Schweizer Bundesanwaltschaft brisante Protokolle gefunden. Der wahre Verlauf zeige, dass mehr oder weniger die gesamte DFB- und OK-Spitze in das drängende Problem der Rückzahlung involviert waren. Debatten und Gipfeltreffen hätten sich über drei Jahre hinweg gezogen.
    Beckenbauer "nicht der völlig ahnungslose Kaiser"
    Auch die FIFA sei früh in die Problematik involviert gewesen. "Das zeigt, dass es ein übergreifendes, die Deutschen und den Weltverband betreffendes Problem, diskret zu lösen galt. Dass also alle frühzeitig von der Milionen-Schieberei gewusst und an der Lösung gearbeitet haben, zeigt, dass es um einen höchst heiklen Verwendungszweck ging."
    Auch WM-Organisationschef Franz Beckenbauer gerate einmal mehr durch die neuen Enthüllungen in das Zentrum der Kritik. "Aus meiner Sicht deutet eine Menge darauf hin, dass er auch hier nicht der völlig ahnungslose Kaiser war."
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.