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StartseiteMusikjournalMeistersohn Siegfried Wagner mit vielen Facetten15.07.2019

Sonderausstellung in GraupaMeistersohn Siegfried Wagner mit vielen Facetten

Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner zeigen die Wagner-Stätten in Graupa eine Sonderausstellung. Die Besucher lernen Wagner darin nicht nur als Komponisten und Leiter der Bayreuther Festspiele kennen, sondern erfahren auch mehr über seine Homosexualität und seinen eigentlichen Berufswunsch.

Von Claus Fischer

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Der Komponist (u.a. "Der Bärenhäuter") und Leiter der Wagner-Festspiele in Bayreuth von 1908-1930, Sohn des Komponisten Richard Wagner, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Siegfried Wagner, Ehemann von Winifred Wagner, wurde am 6. Juni 1869 in Tribschen bei Luzern geboren und ist am 4. August 1930 in Bayreuth gestorben. | Verwendung weltweit (picture-alliance / dpa)
Am 6. Juni 1869 wurde Siegfried als Sohn von Richard Wagner und Cosima von Bülow geboren. (picture-alliance / dpa)
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Zum "Siegfried-Idyll" von Richard Wagner sehen die Besucher der Ausstellung die vergrößerte Reproduktion einer Fotografie. Ein Junge, etwa sechs Jahre alt. Zart und zerbrechlich, ja mädchenhaft sieht er aus.

"In einem Bärenfell und mit einem Schwert, wo er so traurig guckt – also offenbar nicht glücklich in dieser etwas seltsamen Rolle."

Für Wolfgang Mende, den musikwissenschaftlichen Mitarbeiter der Wagner-Stätten in Graupa, ist dieses Foto ein Symbol für das gesamte Leben von Siegfried Wagner, das seinen Ausdruck auch im Titel der Ausstellung findet: "Der fremdbestimmte Sohn".

"Ein vielseitig begabter Künstler, der in bestimmte Rollen gezwungen wurde, aufgrund der sozusagen 'dynastischen Erwartung', die über ihm gelagert hat. Der aber diese Rollen sehr talentiert ausgefüllt hat, sich auch Bereiche gesucht hat, die seinen eigenen Neigungen entsprochen haben, zum Beispiel das Komponieren."

Siegfried Wagner wollte Architekt werden

Richard Wagner starb, als Sohn Siegfried 13 Jahre alt war. Dass er als Komponist in die Fußstapfen seines Vaters treten sollte, lag absolut nicht in der Absicht der Mutter.

"Es ist ja interessant, dass Cosima zwar für ihn Musiktheorieunterricht vorgesehen hat, aber keinen Kompositionsunterricht. Er sollte nicht einmal Klavier spielen lernen! Also da war schon die Vorsicht da, dass er sich da eventuell blamieren könnte, jetzt im direkten Vergleich mit dem Vater."

Siegfried Wagner strebte zunächst die Laufbahn eines Architekten an. Doch die Anforderungen von Seiten der Familie in Sachen Festspielleitung einerseits und die intensiven Anregungen, die er von seinem Kompositionslehrer Engelbert Humperdinck, einem Schüler seines Vaters bekam, machten ihn schließlich doch zum Komponisten.

Märchenopern mit volkstümlichem Gestus

Im Jahr 1899 erlebte in München seine erste Oper, "Der Bärenhäuter", ihre Premiere. Der Erfolg war groß, es gab zahlreiche weitere Aufführungen im gesamten deutschen Sprachraum. Bis zu seinem Tod 1930 komponierte Siegfried Wagner insgesamt 17 Musikdramen, drei mehr als sein Vater. Die meisten verschwanden allerdings nach wenigen Aufführungen in der Versenkung.

"Seine Opern knüpfen ganz klar an Humperdinck an und vor allen Dingen an "Hänsel und Gretel. Also sozusagen leichtere Stoffe, der etwas volkstümliche Gestus, und das Ganze in einer Orchestersprache und auch teilweise Gesangsdiktion, die ganz klar von Richard Wagner geprägt ist. Also so eine Art 'Wagner Light'."

Auch bei den Libretti, die Siegfried Wagner selbst schrieb, finden sich Bezüge zum Vater, bisweilen schon im Titel. Die Oper "Schwarzschwanenreich" aus dem Jahr 1918 verweist selbstverständlich auf Lohengrin. In der Ausstellung in Graupa wird das Begleitbuch gezeigt, das zur Uraufführung veröffentlich wurde, mit heroisch gestalteten Jugendstil-Vignetten des Bayreuther Malers Franz Stassen.

"Da findet man also auf über 100 Seiten Informationen über den Stoff, über die musikalische Gestaltung, über die mythologischen und märchenhaften Quellen – also das ist mit einem unheimlichen Aufwand gemacht worden. Trotzdem ist der Erfolg ausgeblieben."

Heirat mit Winifred

Den Operntitel "Schwarzschwanenreich" hat Siegfried Wagner zweifellos als autobiografische Reminiszenz gewählt, eine Verarbeitung seiner Neigung zum eigenen Geschlecht, die damals unter Strafe stand und ihn damit erpressbar machte. Dieses Kapitel wird in der Ausstellung in Graupa hinter einem rosafarbenen Paravent aus Holz präsentiert. Das wirkt klischeehaft, entspricht aber natürlich dem damaligen prüden Zeitgeist. Auf Betreiben seiner Mutter Cosima heiratete der 46-jährige Siegfried Wagner schließlich die 17-jährige in Deutschland aufgewachsene Engländerin Winifred Williams.

"Ja, dann hat er sich halt drauf eingelassen, innerhalb von vier Jahren vier Kinder gezeugt. Insofern ist das natürlich geglückt nach außen hin, aber die Erpressbarkeit war damit nicht aus der Welt geschafft."

Richard-Wagner-Stätten Pirna-Graupa (Deutschlandradio/Claus Fischer) Richard-Wagner-Stätten Pirna-Graupa (Deutschlandradio/Claus Fischer)Winifred war es, die im Laufe der 1920er-Jahre immer stärker die Nähe zu Adolf Hitler und der NSDAP suchte. Damit verstärkte sich auch die antisemitische Grundhaltung der Familie. Interessant ist, dass Siegfried Wagner diese zunächst nicht teilte. Auf den Brief eines Wagnerianers, der kritisierte, dass jüdische Bankiers die ersten Festspiele nach dem ersten Weltkrieg im Jahr 1924 mitfinanzierten, antwortete er:

"Wenn die Juden gewillt sind, uns zu helfen, so ist das doppelt verdienstlich, weil mein Vater sie in seinen Schriften angegriffen und beleidigt hat! Sie hatten daher allen Grund Bayreuth zu hassen – und trotzdem verehren viele meines Vater Kunst mit echter Begeisterung."

Trotz dieser Zeilen - die Person Siegfried Wagner erscheint an diesem Punkt zwiespältig, sagt Wolfgang Mende und zeigt einen anderen Brief, gerichtet an den damaligen Bayreuther Rabbiner. Darin behauptet er:

"Dass es gut ist, wenn die Rassen quasi rein bleiben, wenn sozusagen sich die Deutschen mit den Juden nicht vermischen. Also da kommt natürlich ein ganz klarer Rassismus zum Vorschein."

Siegried Wagner und der Nationalsozialismus

Die enge Verbindung von Ehefrau Winifred zu Hitler und dessen Entourage behagte Siegfried Wagner wohl bis zu seinem Tod im Jahr 1930 nicht. Verklausuliert, aber erkennbar, hat er das in seinem letzten Musikdrama "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" verarbeitet, das leider Fragment geblieben ist. Protagonist ist der Anführer einer Bande.

"Dieser Räuberhauptmann heißt Wolf in der Oper und das ist ja nun eine nicht gerade sehr versteckte Anspielung auf Adolf Hitler. Und das ist ein sadistischer Räuberhauptmann, der also seine Bräute dann schlachtet."

Auch wenn sich Siegfried Wagner dem konservativen Geist in Bayreuth nicht entgegenstellte, setzte er doch als Festspielleiter behutsam Neuerungen durch, engagierte zum Beispiel für die "Tannhäuser"-Produktion des Jahres 1930 mit Arturo Toscanini den ersten ausländischen Dirigenten und choreografierte das "Bacchanal" mit äußerst spärlich bekleideten Ausdruckstänzerinnen und -tänzern.

Vielschichtiges Bild - aber nur Momentaufnahme

Die Ausstellung "Der fremdbestimmte Sohn" im Wagnermuseum Graupa erschließt die Facetten Siegfried Wagners auf nachvollziehbare Weise, entwirft ein vielgestaltiges Bild, ohne sich zu verzetteln. Allerdings kann sie nur eine Momentaufnahme sein, betont Wolfgang Mende. Denn viele Dokumente, die Aufschluss über den "Meistersohn" geben können, befinden sich im Besitz der Familie Wagner unter Verschluss. Erst vor Kurzem, im April, verstarb Siegfrieds Wagners Tochter und Richard Wagners Enkelin Verena Lafferentz. Womöglich wird ihr Nachlass neue Erkenntnisse zutage bringen.

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