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StartseiteRock et ceteraSingen zur Selbsterkenntnis18.07.2021

Songwriter Hiss Golden MessengerSingen zur Selbsterkenntnis

Unter dem Namen Hiss Golden Messenger veröffentlichte M.C. Taylor 2010 das Debütalbum "Bad Debt", seitdem entwickelte er seinen charakteristischen Sound zwischen Old-Time Music und 70er-Rock. Auf seinem zwölften Longplayer "Quietly blowing it" schaut Hiss Golden Messenger vor allem auf sein Inneres.

Von Anke Behlert

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Ein Mann mit Hut und Brille blickt in die Kamera. (Chris Frisina)
M.C. Taylor ist Kopf des Projektes Hiss Golden Messenger (Chris Frisina)
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Musik: "I need a teacher"

Sein neues Album "Quietly blowing it" zählt für den "Rolling Stone" und das Internet-Magazin "Pitchfork" zu den meisten erwarteten Veröffentlichungen in diesem Jahr. Aber das nimmt er alles nicht so ernst, sagt M.C. Taylor lachend. Taylor ist Musiker, Songwriter und Kopf des Projekts Hiss Golden Messenger - ein schlanker Mann mit rotblondem Vollbart, stechendem Blick und sehr vielen Tätowierungen. Er hätte durchaus Grund, stolz auf sich zu sein, seine Band erfreut sich stetig wachsenden Erfolgs, und das letzte Studioalbum "Terms of Surrender" war immerhin für einen Grammy nominiert. Aber für Ruhm oder Geld ist der gebürtige Kalifornier nicht in diesem Geschäft. Sein Metier und seine Stärke sind die stete Suche nach dem "Warum", die Innenschau und das Ausleuchten aller Facetten des Menschseins.

"In meinen Songs stelle ich viele Fragen, versuche aber nicht, sie zu beantworten. Manchmal gibt es keine Antworten oder sie ändern sich von Tag zu Tag. Die Frage zu überhaupt stellen, hat schon einen Wert."

Musik: "Domino (Time will tell)"

Seit über zehn Jahren lotet Taylor mit Hiss Golden Messenger die Schublade Americana für sich aus, in seinen Songs vereint er Blues, Gospel, Folk, Alternative Country und einiges mehr. Von den düster anmutenden, oft spröde wirkenden minimalistschen frühen Aufnahmen zum vielschichtigen, beseelten Klang seines Ensembles hat Taylors Projekt eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Bemerkenswert auch deshalb, weil er das Musikmachen eigentlich schon aufgegeben hatte. Während der Highschool spielte Taylor in der Hardcore-Punkrock-Band Ex-Ignota, von 1998 bis 2007 sang er bei The Court and Spark, deren Westcoast-Sound von Countryrock-Legende Gram Parsons beeinflusst war.

Musik: The Court and Spark - "Berliners"

Nach der Auflösung von The Court and Spark 2007 hatte Taylor erstmal genug vom Banddasein, vom Touren und davon in irgendwelchen Tagesjobs zu arbeiten. Er zog mit seiner jungen Familie von Kalifornien nach Durham und studierte an University of North Carolina Folklore. Die Begegnung mit Musikern vor Ort, die Musik nur um ihrer selbst willen machten, inspirierte ihn.

"Wir sind nach North Carolina gezogen, weil es in San Francisco damals schon sehr teuer war. Und ich wollte im Süden der USA leben, weil vieles, das ich als grundlegend für amerikanische Musik erachte, von dort kommt. Ich hab schon in Kalifornien Musik gemacht, die davon beeinflusst war. Aber ich wollte diese Traditionen noch intensiver erleben und besser verstehen. Hat das funktioniert? Ich denke schon. Ich bin mehr zu den Wurzeln durchgedrungen, als ich es gehofft hatte."

Staubbedeckte Stiefel und endlose Highways

M.C. Taylor schrieb mit der Akustikgitarre an seinem Küchentisch neue Songs, spielte und sang sie direkt in einen Kassettenrekorder. Daher auch die leicht verrauschten, aber dennoch berührenden Aufnahmen auf dem 2010er Hiss Golden Messenger-Debütalbum "Bad Debt". Taylor komponiert größtenteils in Dur-Tonarten, stimmt einzelne Saiten seiner Gitarre einen Schritt tiefer oder höher, wie in dem Stück "Jesus shot me in the head" – das B bzw. H wird hier zu einem tieferen A. Seine Melodien wirken neu und gleichzeitig vertraut. Die Texte sind nicht im engeren Sinne religiös, aber voll von biblischen Bildern, die man in unserem christlich geprägten Kulturraum leicht versteht. Die Songs tragen die Atmospäre von staubbedeckten Stiefeln und sich endlos in den Horizont erstreckenden Highways.

Musik: "Jesus shot me in the head"

Einige der Songs von "Bad Debt" nimmt Taylor für die nachfolgenden Alben "Poor moon" und "Haw" erneut auf, dieses mal mit vollem Bandarrangement. Die beiden Longplayer umreißen den typischen Hiss Golden Messenger-Sound zwischen Old-time Music und 70er-Rock mit Bläsern und E-Gitarren.

Musik: "I‘ve got a name for the newborn child"

Musik: "Heart like a levee"

Sie hören den Deutschlandfunk "Rock et cetera", heute mit einem Porträt des amerikanischen Songwriters M.C. Taylor und seines Projekts Hiss Golden Messenger. Schon auf seinem dritten Album "Haw" steht für Taylor eine Frage im Zentrum, die ihn immer wieder und auch auf seinem neuen Werk "Quietly blowing it" beschäftigt: Was ist, wenn all die Dinge, die ich will, im Gegensatz zueinander stehen?     

Ein Mann in einer grünen Jacke mit Hut und Brille steht auf einem abgemähten Feld. Im Hintergrund stehen rotgefärbte Bäume.. (Chris Frisina)M.C. Taylor Musik nimmt eine sehr wichtige Rolle in seinem Leben ein (Chris Frisina)

"Auf diesem Album geht es vor allem um das Ringen mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen, die aber oftmals widersprüchlich sind. Im ersten Song "Way back in the way back" zum Beispiel spreche ich darüber, dass es mich auf die Straße zieht. Aber dann klage ich darüber, dass ich mein Zuhause vermisse. Und diese Spannung zwischen Herumziehen und Daheimsein begleitet mich schon mein ganzes Leben. Als Musiker reise ich normalerweise viel und das ist super. Aber ich will eben auch wieder zurück nach Hause."

Musik: "Way back in the way back"

Bitte kein Perfektionismus!

Die neuen Songs hat der Musiker zu Hause auf seiner Martin Triple-O geschrieben, einem Instrument, das ihn schon lange begleitet. Der vergleichsweise kleine Korpus sorgt für einen knackigen Sound und Details gehen nicht so leicht unter, findet Taylor. Pandemiebedingt hatte er zum ersten Mal seit seinem Debütalbum viel Zeit, sich mit den Arrangements und allen Kleinigkeiten zu beschäftigen. Um sich nicht darin zu verstricken, verfolgt Taylor beim Songschreiben einen pragmatischen Ansatz: nur nicht zu perfektionistisch sein!  

"In anderen Lebensbereichen bin ich manchmal ein Perfektionist und tappe da auch in die Fallen rein, die das mit sich bringt, nämlich: Dinge nicht zu Ende zu bringen. Aber ich habe so viele Alben gemacht, dass ich weiß: Perfektion in der Musik ist kein erstrebenswertes Ziel. Weil es ohnehin eine Illusion ist. Als Hörer finde ich Musik oft langweilig, von der ich weiß, dass die Instrumentalisten jahrelang dran gearbeitet haben und jede Note sitzt. Da kommt nichts rüber. Wenn man Fehler hört oder vermeintliche Schwachstellen, interessiert mich das viel mehr."

Musik: "Mighty Dollar"

M.C. Taylor hat keine feste Band, aber es gibt einen Pool von Musikerinnen und Musikern, mit denen er immer wieder zusammenarbeitet. Auf "Quietly blowing it" sind unter anderem Josh Kaufman und Anaïs Mitchell von der Band Bonnie Light Horseman dabei, sowie Gitarrist Buddy Miller und Taylors langjähriger Schlagzeuger Matt McCaughan.

"Es gibt so zehn, fünfzehn Leute, die regelmäßig mit mir arbeiten. Sie wissen schon, wonach ich suche. Mein Drummer spielt schon seit 2014 mit mir und er kennt meine Vorliebe für kleine rhythmische Eigentümlichkeiten."

Das sind zum Beispiel Synkopen und leicht verrutscht gespielte Beats in Songs wie "The Great Mystifier". Sie stören das smooth groovende Gesamtklangbild nicht, im Gegenteil, sie verleihen den Stücken zusätzlichen Reiz.

Musik: "The Great Mystifier" 

Spirituell aber nicht religiös

Vermutlich ist es auch Taylors Vorliebe für Reggae, die seine rhythmuslastige Musik beeinflusst. Aber auf jeden Fall hat er Gospel und Soul verinnerlicht. Gut zu hören zum Beispiel im Song "If it comes in the morning" mit zarten, nachklingenden Gitarrenarpeggios, einem aufrüttelnden Snare-Trommelwirbel und Taylors flehentlich wirkendem Ruf-und Antwort-Gesang, der fragt: "If it comes in the morning/Will I be grateful?".

"Ich mache zwar keine Gospelmusik, aber spirituell ist sie auf jeden Fall. Ich bin kein Atheist,  institutionalisierte Religion interessiert mich einfach nicht. Aber ich möchte schon dieses erhebende Gefühl verspüren, wenn ich Musik mache."

Musik: "If it comes in the morning"

Durch die Pandemie hat M.C. Taylor im letzten Jahr so viel Zeit zu Hause mit seiner Familie verbracht, wie seit langem nicht mehr. Auf die Frage, ob das seiner Frau und seinen Kindern gefallen hat, muss er lachen.

"Das hoffe ich! Mein Sohn ist zwölf, meine Tochter ist fast vier und sie kennen das gar nicht, dass ich so viel zu Hause bin. Das hat mich echt traurig gemacht. Und es hat mir nochmal vor Augen geführt, was es bedeutet ein professioneller Musiker zu sein. Aber ich liebe Musik und live zu spielen und Musik hat eine sehr wichtige, zentrale Rolle in meinem Leben."  

Und sie ist für Taylor nicht zuletzt auch ein Mittel, mit mentalen Problemen umzugehen, so heißt es in "Sanctuary" dem letzten Song das Albums: "Feeling bad/Feeling blue/Can’t get out of my own mind/But I know how to sing about it."

"Ich schleppe viele Fragen mit mir herum, Ängste und einfach einen großen emotionalen Rucksack. Darüber zu singen bedeutet nicht, dass diese Ängste verschwinden oder dass ich den Rucksack nicht mehr trage. Aber es hilft mir irgendwie."

Musik: "Sanctuary"

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