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SonntagsfahrverbotAutos mussten wegen Ölkrise zu Hause bleiben

Vor 40 Jahren, am 25. November 1973, trat eine ungewöhnliche Sparmaßnahme in Kraft, die die meisten deutschen Autofahrer dazu zwang, ihr Fahrzeug stehen zu lassen: Die Ölkrise hatte die Regierung genötigt, ein Gesetz zur Sicherung der Energieversorgung“ zu erlassen und vier autofreie Sonntage anzuordnen, um Benzin zu sparen.

Von Regina Kusch | 25.11.2013

"Mitten auf der Autobahn Richtung Oberhausen. Aber so weit wollte der Mann auf dem Leverkusener Kreuz mit seinem Fahrrad gar nicht."
"Es ist sowieso leer, warum sollte ich nicht auf der Autobahn heimfahren? Warum sollte ich einen Umweg machen, wenn ich es auf der Autobahn näher habe?"
"Nun, viele, die sich an diesem so genannten autofreien Sonntag auf die Straße wagten, hielten Autobahnen und Landstraßen offensichtlich für Kinderspielplätze."
Auch wenn im Radio immer wieder auf die Gefahren hingewiesen wurde, nutzten viele Menschen die Gelegenheit, sich am 25. November 1973 einmal ganz anders als sonst auf deutschen Straßen fortzubewegen. Sie flanierten zu Fuß oder mit Rollschuhen mitten auf Landstraßen. Manche waren an diesem Tag mit Pferdekutschen unterwegs, und in Nürnberg fand ein vergnüglicher Ölkrisen-Fahrverbots-Korso statt, auf dem sich ein als Scheich verkleideter Spaßvogel, im leeren Motorraum seines Wagens sitzend, von einem Pferd ziehen ließ und in die Menge winkte.
Freie Bürger fordern freie Fahrt!
hatte der ADAC auf Plaketten drucken lassen, mit denen Autofahrer ihren Ärger über das Fahrverbot kundtaten. Bundesweit klagten Blumenhändler über einen 70-prozentigen Umsatzausfall, weil viele an diesem Totensonntag den Gang zum Friedhof hatten ausfallen lassen und auch in zahlreichen Ausflugslokalen blieben die meisten Tische leer. Mit dem Sonntagsfahrverbot hatte die Bundesregierung auf die Ölkrise reagiert, die die Organisation der erdölexportierenden Länder, OPEC ausgelöst hatte. Die OPEC wurde damals von arabischen Ländern beherrscht, die den Westen dazu zwingen wollten, seine israelfreundliche Haltung im Nahost-Konflikt aufzugeben.
"Die politisch motivierte Verknappung und Verteuerung des Öls auf der Welt, ihre Begleitumstände und ihre Konsequenzen sind eine Herausforderung an die Vernunft. Sie sind auch eine Herausforderung an die schöpferische Phantasie."
Kanzler Willy Brandt hoffte, durch das Fahrverbot, ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen und rationierte Zuteilungen an Tankstellen Benzin und Diesel zu sparen. Doch dazu kam es nicht. Bis heute, so Claudia Kemfert, Professorin für Energieökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, haben sich die Verhaltensweisen der Verbraucher nicht wirklich geändert.
"Öl wird eingesetzt zum größten Teil für die Mobilität für das Autofahren und für den Gebäudebereich fürs Heizen. Wir haben immer noch einen enorm hohen Ölverbrauch weltweit, der weiter zunimmt, und immer noch das Problem, dass wir extrem abhängig sind vom Öl."
Wegen der Abhängigkeit vom Öl befürchtete Willy Brand eine dauerhafte Krise der deutschen Wirtschaft.
"Nicht nur bei uns in der Bundesrepublik Deutschland, sondern in allen Ländern der Europäischen Gemeinschaft und darüber hinaus in nahezu allen Industriestaaten der Welt. Die Lage ist schwierig und sie kann sich noch verschärfen."
Obwohl sich die Zahl der Industriestaaten in den letzten 40 Jahren erhöht hat und auch zahlenmäßig starke Nationen wie China und Indien inzwischen einen immensen Ölverbrauch entwickelten, ist Willy Brands Befürchtung von 1973 bis heute nicht eingetreten. Auf den Märkten wurde Öl nie langfristig knapp. Wenn es seither zu Versorgungskrisen kam, waren sie genauso wie 1973 politisch hervorgerufen worden: Zum Beispiel Anfang der 80er-Jahre in der Krise zwischen USA und Iran nach dem Sturz des Schah, nach der Besetzung Kuwaits durch Saddam Hussein in den 90ern oder im Irak-Krieg 2003. Die Benzinpreise stiegen zwar weitgehend kontinuierlich an, aber die haben die meisten Autofahrer, wenn auch murrend, jedes Mal bezahlt. Dennoch glaubt Claudia Kemfert, dass die autofreien Sonntage an Deutschland nicht spurlos vorbeigegangen sind.
"Es hat zumindest zu einer Bewusstseinsbildung geführt, dass die Menschen gemerkt haben, wir haben ein Problem. Und das war eben die Konsequenz des autofreien Sonntags, der mehr eine Symbolwirkung hatte, als dass man jetzt wirklich physisch so viel Öl eingespart hat. Aber es war wichtig, weil man auch wirklich aufgerüttelt hat."
Beim Heizen ist der Ölverbrauch in Deutschland zwar zurückgegangen, weil man zum Beispiel Öl durch Erdgas ersetzt oder Energiesparhäuser gebaut hat. Doch Auto gefahren wird nach wie vor ohne Einschränkungen. Das im Zusammenhang mit dem Sonntagsfahrverbot eingeführte Tempolimit wurde schon nach vier Monaten wieder aufgehoben und durch die bis heute geltenden Richtgeschwindigkeiten ersetzt. Es gibt also wieder "freie Fahrt für freie Bürger".