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StartseiteKalenderblattKunst ganz selbstverständlich19.01.2014

Sophie Taeuber-ArpKunst ganz selbstverständlich

Sophie Taeuber-Arp war ein Kind ihrer Zeit: Geprägt von den Ideen der Reformbewegung, des Konstruktivismus und des Bauhauses schuf die Schweizer Künstlerin ein facettenreiches Werk, in dem angewandte und freie Kunst eins wurden.

Von Anette Schneider

Sophie Taeuber-Arp, Bar Aubette (Rekonstruktion), 1926-28/1998 (Kunstsammlung NRW)
Sophie Taeuber-Arp, Bar Aubette (Rekonstruktion), 1926-28/1998 (Kunstsammlung NRW)

Verborgen unter einem weiten, mit bunten Dreiecken und Quadraten bemalten Overall und einer finster blickenden Maske, trat Sophie Taeuber 1916 in der "Galerie DADA" in Zürich auf.

"(Sie) tanzte einen Goldfisch, der sein ganzes Gold verliert und arm und erbärmlich von dannen schwimmt. Sie tanzte den Finsteren, den Bösen, der sich langweilt und das Gegenteil von sich werden möchte, aber sich nicht entschließen kann, ob er ein Kind oder ein Engel werden soll."

Schrieb damals Hans Arp. Einige Jahre später heirateten die beiden. Die Kunsthistorikerin und Taeuber-Spezialistin Karin Schick organisierte 2011 in Davos eine umfangreiche Retrospektive der Künstlerin. Sie meint: Taeuber, die u.a. bei Mary Wigman Ausdruckstanz gelernt hatte, tanzte Bilder.

"Das war wirklich ein lebendiges Bild. Das war ein gestalteter Körper. ... Und das finde ich ganz aufregend bei ihr, weil man sieht, dass sie der festen Überzeugung war, dass Kunst ins Leben gehört, eigentlich aus dem Leben heraus entsteht."

Blumenmuster langweilten sie

Taeuber wurde am 19. Januar 1889 in Davos geboren. Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war. Danach zog die Mutter mit den fünf Kindern ins Appenzeller Land, wo sie eine Pension eröffnete, und Sophie früh traditionelles Weben und Sticken lernte. Doch Blumenmuster langweilten sie. Sie wollte Künstlerin werden. So studierte sie zwischen 1910 und 1914 an den reformorientierten "Lehr- und Versuchsateliers angewandter und freier Kunst" in München.

An ihre Schwester Erika schrieb sie:

"Ich merke, dass ich endlich freier und selbstständiger werde. ... Für uns ist eben Kunst, natürlich gute Kunst, ganz Kunst und doch ganz selbstverständlich."

Zurück in Zürich entwickelte Taeuber um 1915 eine Formensprache, die sie ihr Leben lang beibehielt: Sie zeichnete und aquarellierte Kompositionen aus farbigen Dreiecken, Rechtecken, Kreisen und Balken, später kamen noch Linien hinzu. Karin Schick:

"Das sind Werke, die so früh - oder vielleicht früher als Piet Mondrian oder Wassili Kandinsky - die abstrakte Kunst eigentlich erfinden, die ungegenständliche Kunst erfinden. ... Sie ist eine der wirklich großen Künstler - nicht nur Künstlerinnen - sondern Künstler des 20. Jahrhunderts."

Abstrakte Formen

Geprägt von Reformbewegung, DADA und Bauhaus und befreundet mit zahlreichen Künstlern, am engsten mit Sonia Delaunay, wollte Sophie Taeuber Kunst und Leben vereinen. So malte sie nicht nur, sondern entwarf auch Stoffe und Möbel, Schmuck und Marionettenfiguren, arbeitete als Architektin und Innenarchitektin. Und für alles nutzte sie ihre abstrakten Formen.

1926 leitete sie in Straßburg den Umbau der "Aubette": Gemeinsam mit anderen Architekten und Künstlern verwandelte sie das Innere des klassizistischen Militärgebäudes in ein avantgardistisches riesiges Vergnügungszentrum. Dessen Innenarchitektur war geprägt von klaren Strukturen, viel Licht, und ...

"… Sie hat da unglaublich schöne Räume gemacht, mit eben ganz konkreter Kunst an den Decken, an den Wänden, auch die Möbel. Das ist, glaube ich, bis heute eine Sensation. Die Räumlichkeiten sind ja auch restauriert worden, und sind jetzt wieder im alten Glanz, und allein die Farbigkeit ist grandios."

Über Wasser gehalten

Neben all diesen Tätigkeiten lehrte die zurückhaltende, schweigsame Sophie Taeuber an der Kunstgewerbeschule in Zürich, verdiente zwischen 1916 und 1929 für sich und Arp den Lebensunterhalt.

"Also: Sie hat ihn über Wasser gehalten. Und er war sehr bezogen auf sie. Also: Die Sophie Taeuber, die Stille, Ruhige war der Fels in der Brandung, auch in dieser Künstlerbeziehung. Und ohne sie ging gar nichts."

1929 zog sie mit Arp in das von ihr entworfene Haus in der Nähe von Paris. Nach langer Zeit begann sie dort wieder zu malen. Arp schrieb damals an einen Freund:

"meine frau schwingt tag und nacht den zirkel und das lineal blickt dann wieder in den himmel woher die schönen visionen kommen lächelt dankbar und schwingt dann den zirkel und das lineal wieder weiter."

1940 flohen die Arps vor den deutschen Faschisten nach Südfrankreich. Zwei Jahre verbrachten sie unter ärmlichen Bedingungen in Grasse. Im Januar 1943 starb Sophie Taeuber während eines Schweiz-Aufenthaltes an einer Rauchvergiftung.

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