Samstag, 28. Januar 2023

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Sozialistische Staaten
Von Manövrierräumen in einer kontrollierten Gesellschaft

In den sozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas war das Leben überwacht: Freiräume kaum wahrnehmbar, unkontrollierte Kontakte mit Menschen außerhalb des eigenen politischen Blocks nicht möglich. So das öffentliche Bild. Deutsche und polnische Forscher haben jedoch festgestellt, dass es auch weitgehend unkontrollierte Orte im Sozialismus gab.

Von Mirko Smiljanic | 15.09.2016

    Amateur-Funkgerät
    Auch in sozialistischen Staaten schalteten Amateurfunker ihre Kurzwellenfunkgeräte ein und suchten Kontakt zum Klassenfeind jenseits des Eisernen Vorhangs. (picture alliance / dpa)
    Esperantisten kommunizierten zum Beispiel über die Kunstsprache Esperanto mit Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs; Kleingärtner bauten selbstbestimmt Obst und Gemüse an und entzogen sich so vorgeschriebenen Wirtschaftsnormen, und so weiter. Es gab durchaus "Manövrierräume im Staatssozialismus".

    Man mag es kaum für möglich halten, aber auch so etwas gab es in den Staaten des real existierenden Sozialismus: Amateurfunker schalteten abends ihre Kurzwellenfunkgeräte ein, richteten die Antennen gen Westen und suchten Kontakt zum Klassenfeind jenseits des Eisernen Vorhangs.
    "Das Beispiel Amateurfunk ist besonders interessant, weil sowohl in der DDR als auch in Polen der Amateurfunk eine sehr staatsnahe Institution war."
    Claudia Kraft, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Siegen:
    "Aber die Amateurfunker haben aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten, aufgrund dieses Mediums, was im Prinzip ja per se transnational angelegt ist, Möglichkeiten gehabt, sich zunehmend von staatlicher Bevormundung zu befreien und auf Ebene des Hobbyamateurfunks eine eigene Community zu konstituieren."
    Amteurfunk als geschützter und weitgehend unkontrollierter Ort
    Einen geschützten Ort eben, in dem sie weitgehend unkontrolliert Kontakte knüpfen konnten, die genau genommen gar nicht erlaubt waren. Wissenschaftlich beleuchtet werden diese Orte in dem deutsch-polnischen Forschungsprojekt "Manövrierräume im Staatssozialismus":
    "Manövrierräume würde ich als Begriff immer den Freiräumen vorziehen, weil, bei den Manövrierräumen müssen Sie sich vorstellen, wenn man rückwärts einparken will, man hat nur einen bestimmten Raum, den man ausnutzen kann, aber den kann man ausnutzen, und den kann man auf unterschiedliche Art und Weise ausnutzen. Wir haben hier ein schönes Bild für eine Situation, die typisch ist für solche staatssozialistischen Systeme, in denen eben Freiheiten immer der Akteure begrenzt waren, die Akteure aber nie völlig in den institutionellen Beschränkungen, in den politischen Beschränkungen gefangen bleiben mussten."
    Ein Phänomen, das Claudia Kraft ebenso in der damaligen DDR fand, aber auch in ganz unterschiedlichen Regionen und Gruppen Polens, Rumäniens und der Tschechoslowakei. Grob lassen sich zwei unterschiedliche Manövrierräume unterscheiden. Da sind zunächst einmal Menschen, die ihre nationalen Grenzen überwinden wollten. Neben den Amateurfunker zählten die Esperantisten dazu, die mit der Kunstsprache Esperanto Kontakte in aller Herren Länder knüpften:
    "Und damit im Prinzip sich in gewisser Weise eine bestimmte Form von nicht angepasster Existenz im Sozialismus wählen, ohne dass damit ein großer oppositioneller Anspruch verbunden gewesen wäre. Das ist zunächst einmal ein kulturelles sprachliches Interesse, was dann aber aufgrund seiner grenzüberschreitenden Wirkungen die Leute im Prinzip in Kommunikation mit vielen anderen Menschen jenseits der engen staatlichen Grenzen und auch der Blockgrenzen bringt."
    Schwarzmarkt und Kleingärtnerei als Manövrierräume im Sozialismus
    Bei der zweiten Gruppe von Manövrierräumen standen ökonomische Interessen im Vordergrund. Etwa in der Stadt Zakopane im Grenzgebiet der polnischen und slowakischen Tatra. Seit Jahrhunderten blühten dort Schwarzmarkt und Schmuggel, die mit den Idealen sozialistischer Ökonomie rein gar nichts zu tun hatten. Oder bei Kleingärtnern, die auf Miniparzellen Gemüse anbauten und so nach und nach eine Schattenwirtschaft etablierten. Selbst in großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, LPGs, ließen sich Manövrierräume nachweisen, so Maria Hetzer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen:
    "Die LPG ist eine sozialistische Wirtschaftsform, aber sie baut natürlich auf Akteuren, die in diesem Dorf schon waren bevor es diese LPG gab und die eine Erfahrung des Wirtschaftens mitbringen über Jahrhunderte, die sich natürlich als bäuerlich-praktisches Wissen durch die Familien tradiert hat."
    Tradition trifft Revolution – Ungerechtigkeit, Härten und Chaos sind vorprogrammiert.
    "Es gibt Produktionsengpässe, es gibt Versorgungsengpässe, es gibt kein Nachschub an Saatgut oder ähnliches, wie geht man damit um? Es gibt politische Vorgaben, die in nichts dem bäuerlichen Wissen entsprechen, also Getreide, das früher geerntet werden soll, damit mehr da ist, damit nicht durch Regen eine Ernte zerstört wird, aber das Getreide ist grün, das heißt, wir haben in diesem Dorf Leute, die mit diesen politischen Vorgaben umgehen müssen und daraus Sinn machen müssen."
    Arrangement zwischen Akteuren in den Manövrierräumen und der Staatsmacht
    Indem sie kreativ vorhandene Manövrierräume nutzten. So unterschiedlich Schmugglerparadiese und Amateurfunker, Schrebergärtner und Esperantisten auch sein mögen, sie haben eine gemeinsame Schnittmenge: Es sind geographische, gesellschaftliche oder institutionelle Räume, deren Existenz die Staatsmacht weitgehend kennt, akzeptiert und nutzt. Kleingärtner konnten zum Beispiel viele Versorgungsengpässe abfedern. Man dürfe sich das Verhältnis zwischen den Akteuren in den Manövrierräumen und der Staatsmacht nicht als Fundamentalopposition vorstellen, so Claudia Kraft, es war vielmehr ein Arrangement, das Grau zwischen Schwarz und Weiß:
    "Wir brauchen natürlich diese Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, um erstmal eine Forschungsperspektive auf unsere Gegenstände zu richten. Wenn wir aber in die Forschung einsteigen, verschwimmt doch die Grenze sehr stark. Was ist denn eigentlich Staat und was ist Gesellschaft? Kann denn zum Beispiel der polnische Staat nach 1945 auf die gesellschaftliche Organisation des Roten Kreuzes verzichten? Kann er nicht, weil das Rote Kreuz traditionellerweise die Blutspende organisiert."
    Und was geschah nach 1989? Verschwanden die Manövrierräume geräuschlos im historischen Orkus? Keineswegs! So wie Staat und Gesellschaft sich nach Kriegende arrangieren mussten, so arrangierten sie sich nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Ein gutes Beispiel für diesen Prozess sei die von ihr untersuchte Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, so Maria Hetzer von der Universität Siegen. Weil die LPG nach 1989 Felder stilllegen musste, gab es ungenutzte Maschinen und Arbeitskräfte ohne Arbeit. In dieser Situation erinnerte man sich an die Partnerschaft mit einer Kolchose in der Ukraine: Blitzschnell wurden ungenutzte Ressourcen dorthin verlagert.
    "Einerseits kann man das als Bruch betrachten, also die Art und Weise, wie eben die Existenzen der LPGen aufhören und etwas Neues, ein Betrieb anfängt, eine GmbH. Man kann aber auch sagen, hier gibt es ganz starke Kontinuitäten, personelle Kontinuitäten, Netzwerke, die weiter bestehen, Wissen, was tradiert wird und auf dessen Grundlage gearbeitet wird und so weiter."