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Späte Vaterschaft macht fit für ein langes Leben

Viel ist von den Risiken später Elternschaft die Rede. Doch US-amerikanische Forscher haben nun entdeckt: Ältere Väter vererben eine wichtige Voraussetzung für ein längeres Leben. Denn die Chromosomen ihrer Kinder besitzen besonders lange Schutzkappen – sogenannte Telomere. Überschätzen sollte man ihren Einfluss jedoch nicht.

Von Martin Winkelheide | 12.06.2012

    Das Erbgut in unseren Zellen liegt auf den Chromosomen. Um diese wichtige Information zu schützen, gibt es an allen Enden der Chromosomen Schutzkappen, sagt Dan Eisenberg von der Northwestern University in Evanston im US-Bundesstaat Illinois.

    "Bildlich gesprochen sind die Telomere so etwas wie die kleinen Plastikkäppchen am Ende unserer Schnürsenkel. Die Telomere sind so etwas wie Schutzkäppchen für die Chromosomen, sie sorgen dafür, dass das Erbmolekül intakt bleibt."

    Wenn Zellen in unserem Körper sich teilen, dann hat das Auswirkungen auf die Telomere. Mit jeder Zellteilung werden sie ein kleines Stückchen kürzer.

    "Wenn die Telomere zu kurz sind, dann kann eine Zelle sich nicht weiter teilen, und sie wird absterben. Eine geringe Telomer-Länge wird als ein Grund dafür angesehen, dass wir öfter krank sind, wenn wir älter werden."

    In allen Körperzellen nimmt die Telomerlänge mit dem Alter ab – mit einer Ausnahme: den Spermien.

    "Es gibt ein Enzym mit Namen Telomerase. Das baut die Telmore auf. Im Hoden von Männern wird besonders viel Telomerase gebildet. Je älter Männer sind, um so mehr Telmomerase bilden sie in den Hoden und um so länger sind also die Telomere in den Spermien."

    Kinder – egal ob Mädchen oder Jungen - , die von älteren Männern gezeugt wurden, besitzen längere Schutzkappen auf ihren Chromosomen. Das haben frühere Studien bereits gezeigt.

    "Wenn Sie einen 40- und einen 50-jährigen Menschen miteinander vergleichen: Nehmen wir an, der Vater des 50-Jährigen war zum Zeitpunkt seiner Geburt zehn Jahre älter als der Vater des 40-Jährigen, dann können Sie davon ausgehen, dass beide ungefähr gleich lange Telomere besitzen. Der 50-Jährige hat also die gleiche Telomerlänge wie der 40-Jährige – weil sein Vater bei der Zeugung zehn Jahre älter war."

    Dieser Effekt, so haben Dan Eisenberg und seine Kollegen in einer Studie auf den Philippinen zeigen können, hält über mindestens zwei Generationen an. Denn auch das Alter des Großvaters zum Zeitpunkt, als er den Vater zeugte, hat einen Einfluss auf die Telomerlänge.

    "Wir haben gesehen: Mit jedem zusätzlichen Jahr, das der Großvater väterlicherseits zum Zeitpunkt der Zeugung älter war, waren die Telomere der Enkel ein kleines Stückchen länger."

    Hatten sowohl der Großvater als auch der Vater spät gezeugt, dann addierten sich beide Effekte auf. Menschen mit langen Telomeren besitzen einen Vorteil: Die Zellen in ihrem Körper leben länger. Sie besitzen ein größeres Regenerierungspotenzial und damit höhere Chancen, alt zu werden.

    In Gesellschaften, in denen sich die Fortpflanzung immer weiter nach hinten verlagert, könnte dies dazu beitragen, dass immer mehr Menschen im Alter länger fit bleiben. Aber was bedeutet das für den Einzelnen? Ist es sinnvoll, möglichst lange damit zu warten, Nachwuchs zu zeugen? Damit die eigenen Kinder möglichst lange leben? Dan Eisenberg warnt davor, den Einfluss der Telomere zu überschätzen.

    "Wir raten keinem dazu, sein Verhalten zu ändern. Man darf nicht übersehen, dass eine späte Vaterschaft auch Risiken hat. Es kommt häufiger zu Fehlgeburten. Studien haben gezeigt, dass Kinder älterer Väter auch häufiger an Autismus und anderen Krankheiten leiden als Kinder junger Väter. Uns ging es um die Grundlagen der Telomerbiologie – und nicht um lebenspraktische Dinge. Das ist eine ganz andere Geschichte."