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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWie eine Epidemie Gesellschaften veränderte29.01.2018

Spanische GrippeWie eine Epidemie Gesellschaften veränderte

1918 brach eine globale Epidemie aus: die spanische Grippe. Die hohe Opferzahl und rasche Ausbreitung überforderte und veränderte die Strukturen in zahlreichen Ländern. Das zeichnet die Journalistin Laura Spinney in ihrem Buch "1918. Die Welt im Fieber" nach.

Von Dagmar Röhrlich

Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918).  (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)
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Das Gemälde ist unvollendet. Eine Frau sitzt da, ihr Baby zwischen ihren Füßen. Mit leeren Augen schauen beide in eine unbestimmte Ferne. Nur der Vater blickt den Betrachter an. Er sitzt hinter ihnen, scheint sie mit seinem Körper umfangen, schützen zu wollen. Und doch ist da eine Distanz: Er gehört nicht wirklich zu ihnen. "Die Familie" hat Egon Schiele dieses Bild genannt. Gemalt hat er es im Oktober 1918, nachdem seine im sechsten Monat schwangere Frau Edith an der Spanischen Grippe gestorben war. Schiele überlebte sie und das ungeborene Kind um drei Tage.

"Die Spanische Grippe infizierte [damals] jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen. Zwischen dem ersten Krankheitsfall, der am 4. März 1918 gemeldet wurde, und dem letzten, irgendwann im März 1920, tötete die Grippe 50 bis 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung."

Seit der Pest im Mittelalter hatte kein so schwerer Schlag mehr die Menschheit getroffen. Dennoch habe sich die Spanische Grippe - anders als der Schwarze Tod - nicht tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrem Buch "1918 - Die Welt im Fieber".

"Die Spanische Grippe schlägt sich in persönlichen Erinnerungen nieder, nicht im kollektiven Gedächtnis. Sie steht uns nicht als historische Katastrophe vor Augen, sondern bildet sich in Millionen einzelner privater Tragödien ab."

Exemplarische Fälle eröffnen die Dimension der Epidemie

Um die Katastrophe nach 100 Jahren aus dem Vergessen zu holen, erzählt Laura Spinney von Einzelschicksalen, die stellvertretend für die von Millionen sind und macht so mühelos über das Trauma einer Familie das Trauma einer Gesellschaft begreifbar. Da ist beispielsweise die schöne Nair, die Jugendliebe des brasilianischen Schriftstellers Pedro Nava. Kurz nachdem sie sich begegnet waren, lief ein britisches Postschiff mit Infizierten an Bord im Hafen von Rio ein - und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

"Die Stadt war auf die Krankheitswelle, die jetzt über sie hinwegfegte, überhaupt nicht vorbereitet. Die Ärzte hetzten von einem Kranken zum nächsten und wenn sie heimkehrten, warteten schon wieder neue Patienten auf sie. [...] Nahrungsmittel [...] wurden knapp. Die [...] Einwohner der Stadt [...] gerieten in Panik."

Als Nair starb, kamen die Leichengräber nicht mehr hinterher, und bald mussten Strafgefangene die Toten begraben. Ob er die Menschen nun in Rio ereilte oder in Paris, der Tod durch die Spanische Grippe war immer quälend. So beschrieb der Schriftsteller Blaise Cendrars seinen letzten Besuch bei seinem Freund Guillaume Apollinaire:

"Apollinaire lag auf dem Rücken, [...] er war vollkommen schwarz."

Sauerstoffmangel war die Ursache der Schwarzfärbung. Hatte sie eingesetzt, gab es keine Rettung mehr: Die Opfer ertranken regelrecht in ihren eigenen Körperflüssigkeiten, die sich in der Lunge ansammelten.

"[Es] zeigte sich, dass [die Epidemie] außer alten Menschen und Kleinkindern bevorzugt Menschen in der Blüte ihres Lebens traf - Menschen zwischen 20 und 40, vor allem Männer. Frauen schienen weniger gefährdet, es sei denn sie hatten das Pech, schwanger zu sein; dann nämlich fehlte ihnen jener unsichtbare Schutzschild - unzählige Schwangere verloren ihre Babys und starben."

Die Folgen der globalen Katastrophe

In ihrem Buch umkreist Laura Spinney ihr Thema, die Spanische Grippe, betrachtet es unter immer anderen Aspekten und neuen Blickwinkeln. Sie fahndet nach dem ersten Patienten, schaut auf das Schicksal der Italoamerikaner in New York, der Bewohner des persischen Maschhad oder der Arbeiter in den Goldminen Südafrikas. Sie beschreibt die historische und moderne Virenforschung ebenso wie den Einfluss, den Faktoren wie Religion auf den Verlauf der Epidemie hatten, Sitten und Rituale, ja, selbst der Städtebau. Und sie spürt den Folgen der Seuche nach:

"Sie beeinflusste den Verlauf des Ersten Weltkriegs und trug möglicherweise zum Zeiten Weltkrieg bei. Sie brachte Indien der Unabhängigkeit näher, Südafrika der Apartheid und manövrierte die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs. Sie führte [...] zu unserem Bedürfnis nach frischer Luft und zu unserer Leidenschaft für Sport [...]."

Der Seuchenzug, dem die Menschen wahllos zum Opfer zu fallen schienen und der vor allem die Jungen, Starken traf, führte unter anderem zur Entwicklung staatlicher Gesundheitssysteme. Allerdings hatte das aufgrund des Zeitgeistes auch eine fatale Nebenwirkung: Weil bestimmten Gruppen die Schuld am Desaster sozusagen zugeschoben wurde, leistete die Erfahrung mit der Spanischen Grippe dem Gedanken der Eugenik, der Erbgesundheitslehre, Vorschub.

"Über Eugenik hatte man natürlich schon seit Langem nachgedacht, aber erst im Deutschland der 1930er Jahre wurde die Eugeniktheorie - so wie von den Nazis propagiert - zur allgemeinen medizinischen Praxis. Eines der ersten Gesetze der Nazis, die 1933 verabschiedet wurden, war das 'Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses', auch als 'Sterilisationsgesetz' bekannt."

Es ist eine Stärke des minutiös recherchierten Buches, dass die Autorin wie in einem Kaleidoskop die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet und beredt die Auswirkungen dieser verheerenden Pandemie im Persönlichen wie im Gesellschaftlichen aufzeigt. Zwar schreibt sie den diversen Grippe-Epidemien im Laufe der Menschheitsgeschichte manchmal ein bisschen zu viel zu, beispielsweise wenn es um die Entwicklung von Beerdigungsriten oder die Kleine Eiszeit am Ende des Mittelalters geht. Doch abgesehen davon weist Laura Spinney überzeugend nach, dass wir uns auf Pandemien vorbereiten müssen: Irgendwann kommt der nächste Seuchenzug und fordert seine Opfer - sei es nun eine Grippe oder eine andere Krankheit.

Laura Spinney: "1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte"
Hanser Verlag, 378 Seiten, 26,00 Euro.

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