Montag, 19.08.2019
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteHintergrundSparen spaltet Alt und Jung06.06.2010

Sparen spaltet Alt und Jung

Bundesregierung berät über Haushaltssanierung, Teil 3

Sparen spaltet Alt und Jung: Bei den Erwartungen an den Sozialstaat und daran, wie und für wen dieser Sozialstaat das Geld umverteilt, gibt es deutliche Unterschiede gibt zwischen den verschiedenen Generationen.

Von Wolfgang Meyer

Eine Familie  (AP)
Eine Familie (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

In Klausur mit dem Rotstift
Sparen tut weh

"Ja mein Sohn", sagt der Vater, er beugt sich zu dem Kind herab, betrachtet es mit liebenden Augen, "ja mein Sohn, Du sollst es einmal gut haben im Leben! Dafür werde ich sorgen!"

Und schon ist die rührende kleine Szene vorbei. So oder ähnlich könnte ein Werbespot – vielleicht für eine Versicherung – gestrickt sein, nicht selten arbeiten Spots dieser Art mit einfachen Klischees. Und man könnte – vielleicht als Werbung für irgendein typisches Seniorenprodukt – den Spot auch genau andersherum gestalten: ein junger Mensch sagt liebevoll zu einem Alten: "mir ist nur wichtig, dass es Dir gut geht, Vater!" Ein zärtliches Lächeln, vielleicht noch ein Slogan - Frieden zwischen den Generationen.

Aber - sind das denn wirklich nur Klischees? – Es gibt doch ganz offensichtlich das starke Bedürfnis gegenseitiger Fürsorge! Das hat auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen festgestellt. In der Familie gebe es dieses "Du-sollst-es-gut-haben-Prinzip", und gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten sei dies auch von existenzieller Bedeutung.

Ursula von der Leyen: "Es ist die Grundmelodie, dass auf Familie Verlass ist, und zwar in guten Zeiten, aber gerade in schlechteren Zeiten, dass die Familie einfach das entscheidende soziale Netz ist, auf das man bauen kann …"

Und deswegen sei es auch Mehrheitsmeinung, dass Familien geschützt und – im Notfall unterstützt werden sollten. Eine Erkenntnis, die die Statistikerin Renate Köcher vom Allensbach Institut durchaus bestätigt.

Renate Köcher: "Für die Bevölkerung haben Familien Vorrang bei Überlegungen, auf wen sollte sich die staatliche Förderung konzentrieren."

Alt hilft jung, jung hilft alt. Ein fast heiliges Prinzip. Aber wird es die Zeiten überdauern? Die Zeiten des demografischen Wandels?

"Kampf der Generationen – Die Altersrevolution – Die gierige Generation ..."

Oder: "Die Rentnerdiktatur." Gängige Buchtitel oder Schlagzeilen der letzten Jahre und Monate. Überschriften von Texten, die sich mit der Abkehr von der gegenseitigen Fürsorge befassen, diese Fürsorge bezweifeln oder deren Verschwinden voraussagen.

Und nun – vor ein paar Wochen – veröffentlicht das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock eine Studie, die den Verkündern des Generationenkampfes gute Argumente zu liefern scheint. Jedenfalls dann, wenn man die Ergebnisse dieser Studie mutig interpretiert. Ihr Titel:

"”Der Einfluss des Alters auf sozialpolitische Einstellungen. Die Unterstützung intergenerationeller Transfers aus demografischer Sicht.""

Was der Autor der Studie, der Wissenschaftler Harald Wilkoszewksi, mit intergenerationellen Transfers meint, hat er in einem früheren Aufsatz erläutert. Es geht ganz allgemein um die Übertragungen von Gütern von Mitgliedern einer Generation an Mitglieder einer anderen. Die junge Frau pflegt ihre Schwiegermutter, Großvater finanziert seinem Enkel das Studium, oder, indirekter: der Staat verteilt Steuern oder Sozialleistungen zwischen den Generationen.

Übrigens geht die Hauptströmung bei diesen intergenerationellen Transfers von Alt in Richtung Jung. Über Jahrhunderte hinweg – so stellt Wilkoszewski fest – hat die Generation der Eltern und Großeltern mehr in ihre Nachkommen investiert, als sie selbst dann von diesen im Alter zurückbekam.

"Ja mein Sohn, Du sollst es einmal gut haben im Leben! Dafür werde ich sorgen!"

Bislang war alle Welt - die wissenschaftliche wie die politische – davon ausgegangen, dass dieses "Du-sollst-es-später-mal-gut-haben-Prinzip" nicht nur innerhalb der Familien gelte, sondern dass es sich auch auf die Gesellschaft übertragen lasse. Oder anders formuliert: Bislang war alle Welt davon ausgegangen, dass etwa die ältere Generation selbstverständlich und grundsätzlich bereit sei, für die Wohlfahrt der Jüngeren Opfer zu bringen. Und umgekehrt: dass es für die Jüngeren selbstverständlich sei, das Wohl der Älteren für wichtig zu erachten.

Die Studie Harald Wilkoszewskis hat dies auch nicht widerlegt, aber der Demografieforscher hat erstmalig nachweisen können, dass es bei den Erwartungen an den Sozialstaat und daran, wie und für wen dieser Sozialstaat das Geld umverteilt, deutliche Unterschiede gibt zwischen Alt und Jung.

Wilkoszewski: "Gerade vor dem Zeichen des demografischen Wandels, also den Verschiebungen, die wir haben, in der Altersstruktur in der Bevölkerung, und auch der Diskussion über den demografischen Wandel habe ich mir gedacht, das kann eigentlich nicht sein, es ist auch nicht plausibel, dass man in allen Lebenslagen über den Lebensverlauf hinweg dieselben Erwartungen an Sozialpolitik hat, und ich hab dann das Glück gehabt, dass ich sehr gute Daten bekommen habe, die ich analysiert habe mit über 14.000 Befragten, (…) und da ist eben herausgekommen, dass es einen klaren Alterseffekt gibt, nun was heißt Alterseffekt, das heißt, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit sinkt, gewisse Maßnahmen für gut zu erachten, in diesem Fall waren es familienpolitische Maßnahmen."

Ist Ihnen Familienpolitik wichtig? Glauben Sie, dass man Kinder unterstützen sollte? Müssen wir uns als Gesellschaft um den Nachwuchs kümmern? Hätte er den 14.000 Menschen diese allgemeinen Fragen gestellt, dann wären die Ergebnisse der Studie eindeutig gewesen: Sie hätten das alte Fürsorgeklischee gestützt. Wer sagt schon nein, mir sind Kinder nicht wichtig. Aber Harald Wilkoszewski ist sehr viel konkreter geworden. Er hat 13 familienpolitische Themen und Maßnahmen abgefragt, von der Erhöhung des Kindergeldes bis zur Kinderbetreuung – immer auch gekoppelt mit der Bereitschaft, dafür eventuell selbst Einbußen zu akzeptieren – und auf diese Weise war auch sein Ergebnis sehr konkret und erstaunlich deutlich.

Wilkoszewski: "Also je älter sie sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, (...) dass sie diese 13 Maßnahmen für wichtig erachten, wir können da ein Beispiel nehmen, bei der Kindergelderhöhung ist dieser Unterschied 85 Prozent, wenn man einen 20-Jährigen mit einem 65-Jährigen vergleicht, das ist durchaus ordentlich, und diese Erkenntnisse sind neu, sowohl in der Forschung als auch (...) in der politischen Rezeption."

Vereinfacht gesagt: Der oder die 65 Jährige ist erheblich weniger geneigt, einer Kindergelderhöhung zuzustimmen als der oder die 20 Jährige. Aber wo bleibt der zumindest in den Familien geltende "Du-sollst-es-später-mal-gut-haben-Effekt"? Müsste der nicht auch auf sozialpolitische Einstellungen durchschlagen? Harald Wilkoszewksi kann das bestätigen. Denn in seiner Studie hat er festgestellt, dass auch die familiäre Situation der Befragten großen Einfluss hat.

Wilkoszewski: "Also Kinderlose haben noch mal ne niedrigere Wahrscheinlichkeit, diese Maßnahmen für gut zu erachten, oder für wichtig zu erachten, und wir haben auch Daten darüber gehabt, ob die Befragten selber Enkelkinder haben, und das hat dann auch noch mal einen positiven Effekt; also da sieht man auch noch mal ganz klar, dass innerhalb der Familie, wenn da diese familiäre Erfahrung da ist, der Blick auf den Sozialstaat allgemein dann auch beeinflusst wird, im Umkehrschluss heißt es aber, da wo keine Kinder sind, da ist man auch nicht unbedingt bereit, vielleicht an die jüngere Generation, die nicht zu einem selber gehört, den Blick dafür zu haben. Um es mal vorsichtig zu formulieren."

Ich bin alt, ich hab sowieso keine Kinder – nach mir die Sintflut. Auf diese Formel würde es der Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts nicht zuspitzen wollen – das geben die Studienergebnisse so auch nicht her. Aber wer verbietet es etwa Politikern, die Dinge auf den Punkt zu bringen?

Koch: "Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben."

Hat Roland Koch, der bald scheidende hessische Ministerpräsident – die Studie gelesen und frei interpretiert? Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben kürzlich in diese Richtung spekuliert: Koch habe sich faszinieren lassen von den kurzfristigen Möglichkeiten, die sich aus der Studie zumindest ableiten lassen könnten.

Klartext: wenn doch ältere Menschen – verkürzt gesagt – nicht so viel übrig haben für die nachfolgende Generation – wenn diesen Alten das eigene Wohlergehen wichtiger ist als das der jungen Leute - dann tue ich ihnen doch als Politiker einen Gefallen, wenn ich sage: wir sparen bei den Jungen.

Und wenn zugleich diese Alten, denen ich als Politiker entgegenkomme, zumindest in Zukunft die Mehrheit der Wähler repräsentieren, dann tue ich mit solchen Äußerungen auch mir selbst einen Gefallen. Punkt.

Wie gesagt: reine Spekulation.

Zunächst einmal konnte manch einer nicht glauben, was da vor wenigen Wochen im Hamburger Abendblatt zu lesen war. Beim Sparen, so wurde der Ministerpräsident dort zitiert, dürfe es keine Tabus gegen.

"Wir brauchen Klarheit, welche Teile des Koalitionsvertrags sich angesichts der weltwirtschaftlichen Lage und der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat umsetzen lassen. Wir haben uns hier und da zu Projekten entschlossen, die möglicherweise sehr viel teurer werden als zunächst gedacht: etwa die Garantie eines Betreuungsplatzes für Kinder unter drei Jahren."

Zudem, so Koch weiter dürfe bei den nötigen Ausgabenkürzungen kein Bereich ausgenommen werden, zum Beispiel auch nicht die Bildungspolitik. Harald Wilkoszewksi:

Wilkoszewski: "Also für mich ist es jetzt natürlich schwierig, aus der wissenschaftlichen Warte zu beurteilen, ob der nun scheidende hessische Ministerpräsident die Studie gelesen hat, ich glaube, dass die Studie diesen Schluss, der da dargestellt wird, nicht unbedingt in der Kürze zulässt."

Ganz gleich, über Kochs Sparvorschläge eine – wie es die FAZ vermutete - wohlüberlegte zielgruppendemokratische Aktion gewesen ist oder nicht, also eine Botschaft an eine sehr genau definierte Wählerschicht – an die Alten. Die Prügel waren ihm auf jeden Fall sicher. Die CSU-Sozialministerin Christine Haderthauer etwa gehörte zu den ersten, die sich über den Kollegen aus Hessen ereiferten. Wer Kürzungen bei der Kinderbetreuung ins Gespräch bringe, handele wie ein Brandstifter und oute sich als gedanklicher Dinosaurier.

Haderthauer: "Wenn jetzt ein Ministerpräsident aus Hilflosigkeit, weil er nicht in der Lage ist, die richtigen Prioritäten zu setzen, diese wieder einreißt, dann ist das ein Schaden, der derzeit gar nicht absehbar ist."

Auch die Hochschulen wehrten sich sofort gegen den Sparangriff auf die Bildung, Margret Wintermantel, die Rektorin der Hochschulkonferenz, antwortete auf die Vorschläge aus Hessen mit einem klaren Nein.

Wintermantel: "Das geht einfach nicht, und wir appellieren an die Verantwortung der Politik, die Hochschulen selbst sind bereit, sich zu bewegen und tun das eigentlich auch seit Jahren."

Es war eine gängige Auffassung in der Antike: Mit 70, allenfalls mit 80 Jahren solle man endlich mal Platz machen auf Erden; der Beginn des Alters lag traditionell bei 60 Jahren. In den "Senat" – der genau deshalb so hieß – gelangten nur die über 60-Jährigen, was im übrigen auch ein Beleg dafür ist, dass die alten Römer das Alter schätzten – es mit Tugenden wie Weisheit und Urteilsfähigkeit in Verbindung brachten - auch wenn ein altes Sprichwort sagt.

"Alter macht zwar immer weiß, aber nicht immer weise."

Dieser Spruch könnte im antiken Athen entstanden sein – dort jedenfalls hielten Solon und seine Griechen – anders als in Rom – nicht viel von Leuten über 60. Im öffentlichen Leben hatten sie nicht mehr mitzumischen, Dynamik und Schnelllebigkeit bestimmten die athenische Gesellschaft. Opa ab aufs Altenteil. Auch in Rom endete der öffentliche Dienst mit 60 oder in Ausnahmefällen mit 70.

Und wer hat die Eltern und Großeltern ernährt? Es galt, was auch heute gilt: der Generationenvertrag. Das römische Recht kannte schon so etwas wie den gesetzlichen Ruhestand. Römische Rentner kassierten zwar kein Geld vom Staat, sie waren aber von diversen Steuern befreit. Römische Soldaten – das kennt jeder aus Asterix und Obelix – erhielten nach ihrer Dienstzeit ein Stück Land und eine Altersversorgung. Darüber hinaus waren sowohl in Griechenland als auch in Rom die Nachkommen gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Alten zu versorgen.

Aber – und das unterscheidet die Antike von uns heute – sie waren nur dann dazu verpflichtet, wenn sich diese Alten zuvor auch um ihre Nachkommen gekümmert, ihnen etwa eine Berufsausbildung ermöglicht hatten. Ein klarer Deal. Das, was der Max-Planck-Wissenschaftler Harald Wilkoszewski als intergenerationelle Transfers bezeichnet. Und, zur Erinnerung: bislang galt die ungeschriebene Regel: die Eltern investieren mehr in die Kinder als sie später zurückbekommen.

Und genau dies könnte sich in Zukunft umkehren. Die Kinder werden wesentlich mehr Mittel aufbringen müssen. Da der Bevölkerungsanteil der Senioren ständig zunimmt. Die demografischen Zahlen sind eindeutig:

"Im Jahr 2000 lag der Anteil der 60-Jährigen in Deutschland bei 27,2 Prozent. Bis zum Jahr 2050 wird dieser Anteil auf 49,2 Prozent anwachsen."

Zugleich, so die Daten des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, zugleich wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter abnehmen. Anders gesagt: Die wachsende Rentenlast wird auf weitaus weniger Schultern verteilt. Der Einzelne muss erheblich höhere Belastungen tragen als bisher.

Und noch eine Entwicklung läuft – so Harald Wilkoszewski in einem Aufsatz – parallel in die falsche Richtung: Während im Staatshaushalt die Rentenkosten förmlich explodieren, nehmen die Ausgaben für Bildung kontinuierlich ab. Die zukünftigen Arbeitnehmer müssen nicht nur mehr Belastungen tragen, der Anteil der gut Ausgebildeten unter ihnen wird auch noch schwinden, und damit die finanzielle Leistungsfähigkeit. Schlecht ausgebildete Arbeitnehmer verdienen weniger Geld.

Wilkoszewski: "Also da kommen jetzt natürlich viele Sachen zusammen, (...) wir haben in Rostock zum Beispiel ausgerechnet, dass wir bis zum Jahr 2025, also in 15 Jahren, da einen reinen demografischen Effekt haben, (...) acht Prozent Rückgang beim Arbeitskräftepotenzial, und das ist relativ ordentlich, und wenn dieser Rückgang dann auch noch so aussieht, dass die, die übrig bleiben, auch nicht gut qualifiziert sind, dann wird’s sehr eng auf dem Arbeitsmarkt; und manche Sektoren in der Wirtschaft haben ja jetzt schon Probleme, zu rekrutieren, also da ist ein ganz klarer Bedarf da, in Bildung zu investieren, auch in die frühkindliche Erziehung, das ja ein sehr großes Erfolgsmodell in Skandinavien ist, also praktisch die Startchancen der jüngeren Generation befördert, und dann eben auch in Weiterbildung, also über den ganzen Lebensverlauf gestreut, also das ist jetzt mal die inhaltliche Seite von Sozialpolitik."

Genauso wie der Wissenschaftler Harald Wilkoszewski sieht das die Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Auch sie reagierte sauer auf die Sparvorschläge Roland Kochs und verwies dabei auf die genannten demografischen Probleme.

Schavan: "Deshalb sind die Vorschläge überhaupt nicht nachvollziehbar, niemand in Deutschland wartet auf solche Vorschläge, jeder weiß, wer heute nicht in Bildung investiert, wird morgen ein Mehrfaches in die sozialen Sicherungssysteme investieren."

An diesem Punkt schien es bislang einen Konsens in Berlin gegeben zu haben. Bereits die Vorgängerregierung – die Große Koalition – hatte sich den Ausbau der Familien- und Bildungspolitik auf die Fahnen geschrieben, daran hatte sich unter Schwarz-Gelb und unter Bundesfamilienministerin Kristina Köhler nicht viel geändert.

Kristina Köhler: "Mit einiger Verwunderung haben ich in den letzten Wochen eine offenbar weit verbreitete Auffassung zur Kenntnis genommen, nämlich in der Familienpolitik seien die großen grundsätzlichen Themen abgehakt."

Es bleibe, dies ließ Kristina Schröder erklären, bei der Zusage des Bundes, sich weiterhin am Ausbau der Kinderbetreuung zu beteiligen, mit vier Milliarden Euro. Und die Familienministerin erhielt Rückendeckung von Volker Kauder. Der Fraktionschef der Union im Bundestag hatte nicht nur die Unterstützung der Familien großgeschrieben, sondern sich auch stets für größere Anstrengungen in der Bildungspolitik eingesetzt.

Kauder: "Bildung wird das zentrale Thema sein, die Bildungsrepublik Deutschland, und in der Bildung wird das Ziel erreicht, drei Prozent Forschung und sieben Prozent für die Allgemeinbildung, dazu sind runde drei Milliarden jährlich mehr notwendig in den nächsten Jahren ..."

Deswegen reagierte auch er ein wenig irritiert auf die Sparvorschläge Roland Kochs.

Kauder: "Wir brauchen die jungen gut ausgebildeten Menschen, wir sind bei den Ausgaben für Bildung im mittleren Sektor, nicht oben in Europa ..."

Bleibt dennoch die Frage: wie lange werden diese Kritiker Roland Kochs die Mehrheitsmeinung repräsentieren? Oder ist nicht womöglich Koch längst der Mehrheitsfähige? Die Studie Harald Wilkoszewskis könnte Pessimisten dazu verleiten, ein düsteres Zukunftsbild zu malen. Von der immer älter werdenden Gesellschaft, die immer weniger mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat und zu tun haben will.

Von einer Gesellschaft, die am Ende nur noch die Bedürfnisse der Senioren und Seniorinnen sieht und stillt, von einer jugendfeindlichen Gesellschaft – von einer Diktatur der Rentner eben. Harald Wilkoszewski, der Wissenschaftler, betont, dass er kein Pessimist sei, räumt aber ein, dass in der Tat der Anteil der kinderlosen Menschen in Deutschland größer wird, Jahr für Jahr.

Wilkoszewski: "Diese Gruppe wächst, und es verstärkt sich ja auch, je länger Geburtsjahrgänge nachkommen, die dann keine Kinder mehr haben, und da ist dann auch die Frage, ob’s nicht eine neue Gruppe gibt, die andere Erwartungen an den Sozialstaat hat, und wo es dann auch zunehmend um Verteilungsfragen geht, gerade wenn wir jetzt die Situation anschauen mit der Finanzkrise, wo ja der Kuchen, der zu verteilen ist, immer kleiner wird, und wo einfach gespart werden muss, und die Frage ist wo, bei wem kann man denn sparen."

"Ja mein Sohn, du sollst es einmal gut haben im Leben! Dafür werde ich sorgen!" – In 20, 30, 50 Jahren wird es immer weniger Väter oder Mütter geben, die so sprechen. Weil es einfach kaum noch Väter und Mütter geben wird. Daran lässt sich nicht viel ändern, demografische Prozesse sind zäh und träge. Die Überalterung und die zunehmende Kinderlosigkeit lassen sich eben sowenig aufhalten wie eine Naturkatastrophe. Nur müssen diese Entwicklungen nicht zwangsläufig in die Katastrophe führen, nicht in die sozial kalte Gesellschaft der Zukunft, sagt der Optimist Harald Wilkoszewski. Es sei wichtig, die Gruppen - alt und jung - nicht gegeneinander auszuspielen.

Wilkoszewski: "Jetzt haben Frau Schavan und ihre Kolleginnen haben das positiv gewendet und gesagt: Wir müssen jetzt auf die jüngere Generation gucken, ich glaub (...) es ist wichtig, dass man alle Gruppen da ernst nimmt und auch wertschätzt."

Es sei nicht besonders förderlich, vom Egoismus der Alten zu sprechen, so der Demografie-Forscher.

Wilkoszewski: "Dann haben Sie eine ganze Gruppe, die ja auch sehr viel geleistet hat für unser Land, die nach dem Krieg Aufbauleistungen erbracht haben, die selber ihre "demographische Pflicht" getan haben und Kinder in die Welt gesetzt haben, die sie aufgezogen haben, die auch ins Rentensystem eingezahlt haben über den ganzen Berufsverlauf hinweg, die, glaube ich, fühlen sich dann oft einfach in die Ecke gestellt und ein Stück weit als Schuldige identifiziert, als Alleinschuldige am demographischen Problem. Und das funktioniert nicht. Da bekommen Sie dann eben die Konflikte.""

Am Ende könnten solche Ausgrenzungen die Ergebnisse der Studie womöglich noch verschärfen. Ein plausibler Gedanke: Wenn die Alten von den Jungen beschimpft werden, warum sollten sich dann die Alten für die Zukunftssicherung der Jungen einsetzen? Und dies gilt auch umgekehrt. Im Sinne der Generationengerechtigkeit ist es vermutlich auch wenig hilfreich, wenn die Alten bei den Jungen sparen wollen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk