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Spitzel-Vorwürfe
Lech Walesa in Erklärungsnot

Ein grafologisches Gutachten, das heute in Warschau vorgestellt wurde, belegt, dass der Gewerkschaftsführer und Ex-Staatspräsident Lech Walesa zeitweise ein Spitzel war. Unter den Dokumenten sind auch die Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst und Quittungen für Geldzahlungen.

Von Florian Kellermann | 31.01.2017

Porträt von Lech Walesa
Auch Walesa-Anhänger warten auf eine Erklärung (picture alliance / dpa / PAP / Roman Jocher)
Das Bild von Lech Walesa als einer großen Figur der jüngeren Geschichte bekommt immer mehr Kratzer. Das ergeben Ermittlungen des polnischen Instituts für das nationale Gedächtnis, kurz IPN, das für die Aufarbeitung der kommunistischen Zeit zuständig ist. Es stellte heute eine Expertise vor, die keinen Zweifel mehr lässt: Der Friedensnobelpreisträger hat mit dem Geheimdienst im kommunistischen Polen zusammengearbeitet, dem sogenannten Sicherheitsdienst, kurz SB. Experten hatten Unterlagen des Geheimdienstes grafologisch untersucht und festgestellt: Die Handschrift stammt von Lech Walesa persönlich.
Andrzej Pozorski, Historiker am IPN, erklärte:
"Aus der Expertise geht hervor: Die handschriftlich erstellte Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst wurde vollständig von Lech Walesa persönlich angefertigt. Sie stammt vom 21. Dezember 1970. Auch 29 Berichte an den Geheimdienst, die mit dem Tarnnamen Bolek unterschrieben sind, wurden vollständig von Lech Walesa angefertigt."
Auch Quittungen für Geldzahlungen, unterschrieben von Walesa, zeigte das IPN. Sie stammen aus den Jahren 1971 bis 1974.
Über viele dieser Dokumente verfügt das IPN erst seit einem Jahr. Sie stammen vom langjährigen Innenminister im kommunistischen Polen Czeslaw Kiszczak. Er hatte sie in seinem Privathaus aufbewahrt. Nachdem Kiszczak gestorben war, hatte seine Frau sie dem IPN ausgehändigt.
Auch Walesa-Anhänger sehen ihn in Erklärungsnot
Auch Personen, die kaum zu seinen Gegnern zählen, sehen Walesa in Erklärungsnot. Allerdings betonen sie: Die Dokumente, die ihn belasten, stammen aus der ersten Hälfte der 1970er Jahre. 1980, als er Anführer der Solidarnosc-Bewegung wurde, habe Walesa diese Zusammenarbeit längst hinter sich gelassen, sagt der Historiker Andrzej Friszke:
"Wenn Walesa in den 1980er Jahren Agent gewesen wäre, hätte die Solidarnosc-Bewegung keine solchen Erfolge erringen können. Wir wissen heute, dass die kommunistischen Machthaber während des Streiks in Danzig keinerlei Informationen aus dem inneren Zirkel der Anführer hatten und deren Strategie nicht kannten."
Der heutige 73-jährige Walesa allerdings weist jegliche Spitzel-Vorwürfe zurück, auch für den Anfang der 1970er Jahre. Vor Kurzem erschien er überraschend bei einer Diskussion des IPN:
"Ich habe nachgewiesen, dass der Geheimdienst Dokumente über mich gefälscht hat. Ich bitte die Historiker: Hört endlich auf mit dieser Komödie! Ich war nicht für eine Sekunde auf der anderen Seite der Barrikade, keine Sekunde habe ich irgendjemanden verraten."
Doch mit dem grafologischen Gutachten werden von heute an noch etwas mehr Polen an seiner Version zweifeln. Ein weiterer Sieg also für Walesas Gegner - unter ihnen auch Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der rechtskonservativen Regierungspartei PiS. Walesa und sein einstiger Vertrauter Kaczynski hatten sich in den 1990er Jahren zerstritten, als Walesa Staatspräsident war.